Herr Gidsel, fällt Ihnen etwas zu Baden-Württemberg ein?
(überlegt) Nein, da habe ich nicht so viel erlebt.
Das könnte sich ändern. Es geht in den letzten drei Auswärtsspielen dieser Saison nach Göppingen, Stuttgart und Mannheim.
Ich weiß nur, dass das lange Reisen für uns werden. Und dass bei Frisch Auf viele Skandinavier spielen, vor allem Schweden, die mögen wir Dänen nicht so (lacht).
„Jedes Spiel ist jetzt ein Finale“
Wird die deutsche Meisterschaft für die Füchse in diesen Spielen entschieden?
Klar wird das schwer, aber jedes Spiel ist jetzt ein Finale, gerade auch unser Heimspiel gegen MT Melsungen. Wir haben in dieser Saison schon unfassbar gute Auswärtsauftritte hingelegt, aber in unserer Max-Schmeling-Halle fühlen wird uns schon etwas sicherer, da haben wir noch mehr Selbstvertrauen.
Aber auch Druck.
Natürlich kommt der Druck von außen. Wir wissen alle, dass wir Geschichte schreiben können und die erste deutsche Meisterschaft für die Füchse holen können.
Was wird schwieriger, deutscher Meister zu werden oder die Champions League am 14./15. Juni in Köln zu gewinnen?
Ich sage immer: Wenn du in dieser extrem starken Bundesliga deutscher Meister werden willst, dann musst du ein Jahr lang die beste Mannschaft der Welt sein, immer stabil abliefern. Ich bin zwar kein Experte in Sachen Champions League, weil ich das erste Mal dabei bin, aber in der Königsklasse reichen dir vier starke Spiele, um den Titel zu holen, weil es erst nach der Gruppenphase so richtig los geht. Wir können beide Wettbewerbe gewinnen, aber auch mit leeren Händen dastehen, was sich nicht so gut anfühlen würde.
„Bin gekommen, um Geschichte zu schreiben“
Im Champions-League-Halbfinale geht es gegen Nantes. Zufrieden?
In Köln kann alles passieren. Immer, wenn du als Favorit hinfährst, verlierst du. Wir haben uns vor der Auslosung das frühe Spiel am Samstag gewünscht, um besser zu regenerieren und nicht den FC Barcelona oder den SC Magdeburg als Gegner. Von daher passt das.
Sie sind Weltmeister, Olympiasieger, Welthandballer. Welchen Stellenwert hätte einer der beiden Titel mit den Füchsen für Sie?
Schon einen unfassbar großen. Speziell die deutsche Meisterschaft hätte eine Riesenbedeutung. Ich bin 2022 auch deshalb hier her gekommen, um Geschichte zu schreiben. Ich wollte jeden Tag hart dafür arbeiten. Die Entwicklung des Vereins ist überragend. Die Hauptstadt weiß jetzt ein bisschen besser, was Handball ist.
Die allermeisten Dänen zieht es zur grenznahen SG Flensburg-Handewitt. Warum wechselten Sie nach Ihrem kometenhaften Aufstieg bei der WM 2021 nach Berlin?
Mein Leben mit der neuen Bekanntheit war sehr schwierig für mich als junger Mensch. Die Anonymität der Großstadt könnte ganz gut für mich sein, dachte ich. Zudem bin ich nicht der Typ, der den einfachen Weg geht. Sonst wäre ich nach Flensburg, Kiel oder Barcelona gegangen, wo die Chancen auf Meisterschaft und Champions-League-Titel höher sind. Ich kämpfe aber gerne ein wenig mehr. Ich liebe extra Arbeit und extra Druck.
Spielen Sie deshalb fast immer 60 Minuten durch?
Viele sagen, du machst deinen Körper kaputt. Aber ich liebe Handball, ich genieße es zu spielen. Wenn ich zehn Minuten draußen bin, bin ich sauer.
„Mentale Gesundheit ist ungemein wichtig“
Andere jammern über die Dauerbelastung – von Ihnen stammt der Spruch „Come on, a little bit cardio“. Wie schaffen Sie das?
(lacht) Ich mache viel mit Spielwitz, aber natürlich muss ich viel für meinen Körper tun. Zudem investiere ich überdurchschnittlich viel in meine mentale Gesundheit, was ungemein wichtig ist.
Passt dazu auch Ihre Aussage, Sie wollen nicht der weltbeste Handballer sein, sondern der glücklichste?
Ja, schon. Klar hast du nichts dagegen, wenn du auch ein drittes Mal Welthandballer wirst und dann auf einer Stufe mit Nikola Karabatic und Mikkel Hansen stehst (lacht). Aber, wenn ich morgens aufstehe, bin ich nicht glücklich, weil ich Welthandballer bin, sondern ich bin glücklich, weil ich Handballtraining habe oder – noch besser – ein Spiel vor 9000 Zuschauern in der Max-Schmeling-Halle habe.
Sie hatten auch schon psychologische Hilfe in Anspruch genommen?
Ich war nach dem ersten WM-Titel mit Dänemark völlig leer, müde und traurig. Es gab viele positive, aber auch negative Meinungen in den sozialen Medien. Du denkst, du bist ein Idiot. Ich habe aus dieser Phase gelernt, dass ich mir den Spaß am Spiel bewahren muss, dass das Handballfeld mein Spielplatz ist. Ich kümmere mich nicht mehr so viel um den Druck.
Wie schaffen Sie das konkret?
Durch offene Gespräche, wie ich mich fühle – mit dem Mentaltrainer und der Familie. Auch durch Routinen vor dem Spiel, durch Worte während des Spiels zu mir selbst. Ich versuche für 60 Minuten die Welt klein zu machen. Wenn mein Hund das Bein gebrochen hat oder meine Freundin krank ist, blende ich das aus, ich kümmere mich nur um den Handball.
In der Crunchtime. . .
. . . schaue ich auf das Tor, und denke mir, es hat die genau gleiche Größe wie zehn Minuten vorher. Dann sage, hey Mathias, das ist nur Handball und keiner kann dich schlagen, wenn es nur um Handball geht.
Offenbar denken viele Ihrer Landsleute so. Warum ist Dänemark so unschlagbar gut im Handball?
Die Kultur spielt eine Rolle. In Deutschland wird Ordnung groß geschrieben. Wenn ein Trainer was sagt, dann machst du das. In Dänemark geht es viel kreativer zu, das Ziel ist es, Spaß zu haben in der besten Zeit deines Lebens. Das ist ein guter Weg, Handball zu lernen.
Auch Sie genossen in der Schule das Konzept der „Efterskole“, auf deutsch „Nachschule“. Ein Erfolgsmodell?
Ja, es bietet Jugendlichen mit vielen Freizeitmöglichkeiten die Chance, viele Dinge auszuprobieren, Talente zu entwickeln, zum Beispiel in der Holzwerkstatt oder im Theater, aber eben auch im Sport.
„Die Sportkultur hier ist so verrückt, so geil“
Muss Deutschland warten bis Sie aufhören, um mal wieder eine Chance gegen Dänemark zu haben?
Dann müssen Sie noch zehn, 15 Jahre warten, aber dann kommt ein neuer Gidsel (lacht).
Sie haben bis 2029 Vertrag bei den Füchsen, was kommt danach?
Mal sehen, ich habe noch so viel Zeit. Klar gibt es andere interessante Länder, aber vielleicht bleibe ich auch noch länger in Deutschland. Die Sportkultur hier ist so verrückt, so geil. Die Hallen und Stadien beim Handball, Fußball, Volleyball sind immer voll, es ist unfassbar laut. Die Leute kommen nicht nur, um Handball zu schauen, sondern um Handball zu feiern, das ist schon ein Unterschied zu Dänemark.
Und wann machen Sie mal als Urlaub in Baden-Württemberg?
Puh, ich freue mich auf eine Einladung. Dann leite ich es an meine Freundin weiter und wir schauen mal.
Zur Person
Karriere
Mathias Gidsel kam am 8. Februar 1999 in Skjern/Dänemark zur Welt. Von 2014 bis 2022 spielte der 1,90 Meter große Linkshänder für GOG Handbold. Seit 2022 trägt er den Dress der Füchse Berlin, mit denen er 2023 die European League gewann. Mit der dänischen Nationalmannschaft holte er 2021, 2023 und 2025 den WM-Titel, 2024 den Olympiasieg. 2023 und 2024 bekam der Rückraumspieler die Auszeichnung zum Welthandballer.
Persönliches
Gidsel ist liiert mit Katrine. Das Paar wohnt in Prenzlauer Berg in Berlin und hat einen Hund mit Namen Hermann. Gidsel ist Fan des FC Liverpool und von Union Berlin. In seiner Freizeit spielt er gerne an der Playstation.
Restprogramm
Füchse – ThSV Eisenach (15. Mai, 20 Uhr), Frisch Auf Göppingen – Füchse (19. Mai, 19 Uhr), Füchse – MT Melsungen (29. Mai, 20 Uhr), TVB Stuttgart – Füchse (1. Juni, 16.30 Uhr), Füchse – VfL Gummersbach (5. Juni, 19 Uhr), Rhein-Neckar Löwen – Füchse (8. Juni, 15 Uhr). (jüf)