KommentarWeltklimakonferenz in Bonn Ein Signal, gerade für Berlin

Von  

Deutschland zählte schon vor Atomausstieg und Energiewende zu den Vorreitern im Klimaschutz. Trotzdem tun sich die Jamaika-Unterhändler in Berlin schwer, sich auf ein angemessene Klimapolitik für die nächsten vier Jahre zu verständigen. Der UN-Gipfel in Bonn sollte ihnen eine Mahnung sein.

Umweltministerin Barbara Hendricks ist mit dem Zug zur Klimakonferenz in Bonn gereist. Foto: dpa
Umweltministerin Barbara Hendricks ist mit dem Zug zur Klimakonferenz in Bonn gereist. Foto: dpa

Berlin - Zyniker mögen die jährliche Weltklimakonferenz als ebensolches Routineereignis abzutun, wie die Spekulatius-Plätzchen, die es alle Jahre wieder ab September überall zu kaufen gibt, den Konsumwahn vor dem Fest der Feste und die Gastspiele des Weltweihnachtszirkus im Dezember. Wahr ist: einen Klimagipfel gibt es wie Weihnachten jedes Jahr. Wahr ist auch, dass diese UN-Konferenz ein gewisses Zirkus-Flair ausstrahlt. Es wird ein riesiger Aufwand getrieben, um Tausende von Menschen an einem Ort zu versammeln. Aber auch wenn es sich nur um einen Arbeits- und keinen symbolbeladenen Megagipfel handelt, wie dieses Jahr in Bonn, ist die globale Bedeutung dieser Konferenz nicht zu unterschätzen.

Die Weltwirtschaft muss umsteuern

Da geht es nicht um Folklore oder sonstige Nebensächlichkeiten. Seit die Welt sich vor 25 Jahren auf die Klimarahmenkonvention verständigt hat, haben diese Gipfel sich zu einer der wichtigsten, vielleicht sogar zu der wichtigsten Weltwirtschaftskonferenz gemausert. Spätestens seit dem Pariser Klimaabkommen vor zwei Jahren und mit der Festlegung, die Erderwärmung auf maximal zwei, möglichst aber nur 1,5 Grad zu begrenzen, ist das die Realität. Nachdem dieses Ziel gesteckt ist, geht es jetzt darum, den Tanker der Weltwirtschaft in die richtige Richtung zu bugsieren. Das ist schwer und langwierig. Geschehen muss es trotzdem, und beginnen muss man bald.

Das hat nichts mit grüner Spinnerei oder globaler Romantik zu tun, sondern mit harten Fakten. Schon lange haben Ökonomen ausgerechnet, dass es nicht teurer, sondern billiger ist, in Klimaschutz zu investieren, als die Folgen des von Menschen gemachten Klimawandels auszugleichen. Wie formuliert Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann so anschaulich: Wenn schon ein eintägiges, lokal beschränktes Starkregenereignis in der 2500-Seelen-Gemeinde Braunsberg am 29. Mai 2016 einen dreistelligen Millionenschaden anrichten kann, dann kommen gigantische Summen zusammen, wenn man allein die Schadensbilanz der aktuellen Hurrikan-Saison zusammenrechnet – von Dürrekatastophen in anderen Weltgegenden zu schweigen.

Trotz Pariser Abkommen ist Klimaschutz kein Selbstläufer

Dass die Staaten der Welt sich auf Klimaschutz verständigt hat, ist ein Zeichen politischer Vernunft, die Verständigung darauf war eine Sternstunde globaler Verantwortung. Aber das macht die Sache leider nicht zum Selbstläufer. Das liegt nicht nur an Donald Trump mit seiner Weigerung, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen. Es liegt auch daran, dass überall und immer wieder so viel Veränderungsbereitschaft mobilisiert werden muss, um die Weichen richtig zu stellen: in der Politik, bei Unternehmen, den Verbrauchern. Inden nächsten Jahren wird das richtig anstrengend, weil Klimaschutz jetzt zum Angelpunkt aller Wirtschafts- und vieler Lebensprozesse werden muss. Klar ist auch: Überall ist nicht nur woanders, sondern auch hier, vor jedermanns Haustür.

Auch die Jamaika-Unterhändler brauchen dringend ein Signal aus Bonn

Das gilt auch für die Bundesrepublik. Das Land ist traditionell und nicht erst seit Atomausstieg und Energiewende Klimaschutz-Vorreiter. Aber wenn man sich anschaut, wie schwer die Jamaika-Unterhändler sich tun, für die nächsten vier Jahre angemessene Klimaschutzmaßnahmen zu beschließen, kann man nur hoffen, dass der Gipfel in Bonn Signalwirkung entfaltet. Ohne eine Einleitung des Kohleausstiegs und ohne beherzte Schritte in Richtung Verkehrswende wird Deutschland nicht nur die für 2020 gesteckten Klimaziele verfehlen. Vor allem die FDP agiert nach ihrer vierjährigen Bundestagsabstinenz klimapolitisch nicht auf der Höhe der Zeit. Der Gipfel im eigenen Land bietet die Chance, Wissenslücken bequem zu schließen. Hoffentlich wird sie genutzt. Dann kann der Klimagipfel in Bonn zum Meilenstein für Berlin und für Deutschland werden.