Weltkulturerbe-Bewerbungen Ein Gewinn oder bloße Eitelkeit?

Die Auszeichnung der Vereinten Nationen wird jetzt auch für immaterielle Kulturgüter vergeben – darin sehen Kommunen und Vereine zunehmend die Chance auf überregionalen Ruhm. Was spricht dafür, was dagegen?

Ist es beispielsweise die Wanderschäferei  wert, als  immaterelles Kulturerbe geadelt zu werden? Über diese Frage lässt es sich trefflich streiten. Foto: Gottfried Stoppel
Ist es beispielsweise die Wanderschäferei wert, als immaterelles Kulturerbe geadelt zu werden? Über diese Frage lässt es sich trefflich streiten. Foto: Gottfried Stoppel

Stuttgart - Eine Bewerbung um das Etikett Kulturerbe lohnt sich – selbst wenn sie scheitert. Denn der hohe Anspruch zwingt zur Selbstbesinnung, meint Norbert Burkert.

Die Auswahl ist ohnehin willkürlich. Oder warum haben es bisher ausgerechnet der Orgelbau, die Falknerei und die Genossenschaftsidee als einzige deutsche Kulturgüter in die Welterbe-Champions-League geschafft? Dennoch – wollten die momentan so vielen Kulturerbe-Bewerber aus dem Land in diese Welt-Liga aufgenommen werden, so kämen sie doch recht vermessen daher. Es wäre kurios, um nicht zu sagen lächerlich, für die Wurstproduktion oder ein eher lokales Ereignis wie das Ravensburger Rutenfest kulturelle Weltgeltung zu reklamieren.

Doch diese Kandidaturen sind eine Nummer kleiner angesiedelt, es geht um einen Platz auf der Liste des immateriellen Kulturerbes in Deutschland. Und dafür sind das Bierbrauen oder der Blutritt in Weingarten durchaus ernst zu nehmende Aspiranten. Das gilt auch für die Schwörtage, die Schäferläufe und vielleicht sogar für Schützenfeste. Natürlich reicht es nicht, dass es etwas schon lange gibt, dass es beliebt und etabliert ist. Man muss schon eine historische Bedeutsamkeit belegen können, die weit über Folklore hinausreicht. Doch wer dies etwa der Wanderschäferei oder den Gmünder Altersgenossenfesten von vornherein abspricht, macht es sich zu leicht.

Zwang zur Selbstvergewisserung

Die Bewerber sind gezwungen, den historischen Kern ihres angeblichen Kulturguts freizulegen. Schon allein das ist ein Gewinn, weil es eine Selbstvergewisserung erfordert, Identität stiftet und die Spreu vom Weizen trennt. Findet sich dabei nichts von Gewicht, war’s das, die Blamage hält sich in Grenzen. Besteht ein Antrag aber die strenge Prüfung der Unesco-Jury, ist das ein Ritterschlag und eine Verpflichtung zugleich.

Denn das werbeträchtige Welterbe-Etikett erschließt nicht nur Geldquellen. Um es zu behalten, gilt es auch, das Erbe ernsthaft zu pflegen und jeder Ballermannisierung entgegenzuwirken. Davon hätten letztlich alle etwas. Die Erfolgsaussichten mancher Bewerbung mögen nicht die besten sein, den Versuch sind sie allemal wert.

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