Der neue Weltmeister Henrik von Eckermann misst 1,90 Meter – sein Wallach King Edward nur 1,65 Meter. Beide sind fast nicht zu schlagen.

Das Reiten ist für mich kein Job, sondern eine Lebensweise. Der Weg zum Erfolg ist interessanter als der Sieg selbst. Mein King Edward ist ein Genie – er beweist es wieder und wieder.“ Dieser Henrik von Eckermann, 41 Jahre alt, im schwedischen Nyköping geboren, Profi im Springsattel durch und durch, ist kein geheimnisvoll abgehobener Pferdeflüsterer, sondern ein Pragmatiker im Sattel. Seinen nagelneuen Turnierstall im niederländischen Ort Kessel nennt er „Cyor Stables“ – die Kurzform für „Create your own reality!“ („Schaffe dir deine eigene Realität!“).

An Nummer eins auf der monatlich neu errechneten Weltrangliste

Für Henrik von Eckermann und seine Schweizer Frau Janina Sprunger, auch sie erfolgreich im internationalen Turnierzirkus, sieht diese Realität gerade so aus: Sie entdeckte vor Jahren einen jungen belgischen Fuchswallach namens King Edward, brachte ihm die gymnastischen Grundlagen bei.

Als das Talent auf vier Beinen zu schwierig für sie wurde, gab sie das kleine Springwunder, das nur 1,65 Meter sogenanntes Stockmaß aufweist (Pferde misst man am Widerrist), liebend gerne an ihren Mann ab. Ergebnis bis heute: Der große Henrik und der kleine King Edward holten vor einem Jahr in Tokio Teamgold mit der schwedischen Equipe, bei der WM in diesem August im dänischen Herning gab’s wieder Gold für das Drei-Kronen-Team.

Und die Krönung: Henrik und sein King deklassierten die Konkurrenz, wurden mit nur 0,58 Zeitfehlern neuer Weltmeister im Springreiten. Seither stehen beide an Nummer eins auf der monatlich neu errechneten Weltrangliste: „Ich mache mir selbst den Erfolgsdruck – ob ich gerade die Nummer eins der Welt bin oder nicht!“

Nach drei Jahren sattelt von Eckermann wieder in der Schleyer-Halle

Vergangenen Sonntag im internationalen Messezentrum von Verona: Das nahezu unschlagbare Erfolgsgespann überflügelt im vierten Weltcup-Springen der neuen Saison 2022/23 seine 39 Konkurrenten, holt sich die Siegprämie von 47 500 Euro und, was noch viel wertvoller ist, die ersten wichtigen Punkte auf dem Weg ins Weltcup-Finale, das im April 2023 in Omaha/Nebraska stattfindet. Ein Sieg in diesem prestigeträchtigen Wettbewerb fehlt ihm noch.

Die Weltkarriere des Henrik von Eckermann, Sohn eines Landwirts, begann recht bescheiden: als Praktikant im Stall von Ludger Beerbaum im westfälischen Riesenbeck. „Dazu gehörte auch Pferde putzen, ausmisten und allerhand Stallarbeit“, erinnert sich Henrik. In den Jahren, die er bei Ludger Beerbaum tätig war, von 2004 bis 2016, rückte der baumlange Schwede zur Nummer zwei hinter seinem Chef auf: „Ich durfte Ludgers gute Pferde reiten, hatte erste internationale Erfolge, etwa mit Gotha. Er erlaubte mir, für Schweden zu starten. Das war großartig. Die frühe Berufsidee, Eishockeyprofi zu werden, ließ ich fallen.“ Wer dem neuen Weltmeister beim Reiten zuschaut, der erkennt leicht die Springschule von Ludger Beerbaum, dessen Stil sein Musterschüler Henrik perfekt übernommen hat.

Heute sattelt er mit der Empfehlung des aktuellen Sieges von Verona im Rücken zum ersten Mal nach drei Jahren Coronapause wieder beim German Masters in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle. „Alle Aktiven sind sehr froh, dass es die tollen Turniere auf der Weltcup-Tour endlich wieder gibt“, sagte er vor wenigen Tagen in Verona. Im German Masters am Freitagabend, dotiert mit 158 000 Euro, und im Großen Preis, dem Weltcup-Springen am Sonntag, dotiert mit 170 000 Euro, möchte er sich zum ersten Mal in die Siegerlisten eintragen, getreu seinem Motto: „Wer nix riskiert, der lernt nix. Geh raus aus der Komfortzone, dann hast du alle Chancen, erfolgreich zu sein.“