Weltreise mit dem Fahrrad Auf der Suche nach der Freiheit

Literarische Ablenkung im Iran. Foto:  

Was treibt einen 26-Jährigen an, der alles stehen und liegen lässt, um einmal mit dem Fahrrad um den Globus zu radeln?

Stuttgart - Kennen Sie das Gefühl? Einfach raus aus dem Alltag zu wollen, Altes hinter sich zu lassen, Neues zu sehen? Gerade bei dem grau-tristen Wetter dieser Tage dürfte dieser Gedanke für viele nicht abwegig sein.

 

Der Hobby-Triathlet Marc Bernreuther erfüllt sich genau diesen Traum. Seit dem 26. August 2018 ist der 27-Jährige auf Weltreise. Aber nicht – wie so viele – mit dem Rucksack und einem Around-the-world-Ticket im Gepäck. Sondern einzig und allein mit seinem Fahrrad, vier Satteltaschen und einer gehörigen Portion Abenteuerlust ausgestattet machte sich der gebürtige Münchener auf seinen ganz persönlichen Weltumrundungstrip. „Das Gepäck reicht. Ich habe Küche, Bad und Schlafzimmer immer dabei“, sagt Bernreuther.

33 400 Kilomter – alles auf dem Sattel?

33 400 Kilometer, verteilt über vier Kontinente, lagen an jenem Sonntag im August vor ihm. Sein erstes Etappenziel? Wien. „Ich wollte erst mal meine Oma besuchen gehen“, sagt der Blondschopf mit einem Lächeln auf den Lippen. Beim Videotelefonat ist er gerade in Sri Lanka und, wie er selbst sagt, zum ersten Mal auf dieser Reise „ein ganz normaler Tourist“. Braun gebrannt sitzt der gelernte Journalist vor seinem Smartphone, aber er wirkt angeschlagen – seit Tagen hat er mit einem entzündeten Blinddarm zu kämpfen. Ob eine Operation notwendig sei? Bernreuther winkt ab: „Im Oman und auf Sri Lanka habe ich meine Blutwerte prüfen lassen. Alles so weit okay und mit Antibiotika in den Griff zu bekommen. Nur ein bisschen Schonung ist angesagt.“

Sein Fahrrad steht in Colombo, am anderen Ende der Insel, seit einer Woche hat er Besuch aus der Heimat und genießt „diesen fantastischen Ort“ vor der Ostküste Indiens. Die Insel sei „das Backpacker-Paradies schlechthin“. Das sei zwar für den Moment „ganz in Ordnung“, aber demnächst dürfe es wieder „mehr Abenteuer sein. Deswegen bin ich doch losgefahren.“

Nicht jeden Tag auf dem Rad

Seit seinem Abschied im August hat er 5500 Kilometer in den Beinen. Zudem zwei Flüge und eine Zugfahrt durch die Türkei. „Nicht alle Gegenden eignen sich zum Radfahren“, gibt er zu bedenken. Das sei auch eine Sicherheitsfrage. Bis Istanbul radelte er an 39 Tagen knapp 2400 Kilometer, machte dabei rund 17 000 Höhenmeter und durchquerte sieben Länder, ehe er am Bosporus einfuhr. „Ich bin nur an 23 Tagen Rad gefahren. Ich will ja auch was sehen.“ Übernachtet wird meist im Zelt, nur ganz selten gönnt sich der ehemalige Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks ein Hotel. Sein Tagesbudget? „Zehn Euro“, schmunzelt er, „aber das reicht.“

Wie er das finanziert? Zunächst einmal habe er im Vorfeld rund 4000 Euro gespart. Zudem haben die Follower seines „BikepackMarc“-Profils auf Instagram und Facebook die Möglichkeit, ihn mit Geldspenden zu unterstützen. Unter dem Motto „Essen gegen Postkarte“ bekommt jeder Unterstützer eine Postkarte von ihm, der ihm irgendwo auf der Welt eine Mahlzeit spendiert. Dank dieser Unterstützung und der kleinerer Sponsoren hat er von seinem Budget erst 1000 Euro verbraucht.

Aus der Türkei nach Dubai

Nach einem mehrtägigen Türkei-Aufenthalt ging es weiter in Richtung Dubai. Unterwegs saß er fast 2000 Kilometer im Sattel, brachte dabei unglaubliche 21 000 Höhenmeter hinter sich und absolvierte ganz nebenbei noch einen Halbmarathon in Yerewan (Algerien). „Dieser Abschnitt war das absolute Highlight bisher“, sagt Bernreuther. Armenien sei einzigartig und der Iran „das verspulteste, aber coolste Land der bisherigen Reise“. Die Gastfreundschaft sei einzigartig, einige Male musste er gleich mehreren Einheimischen absagen, die ihn zu sich nach Hause einladen wollten. „Ich kann ja schließlich nur in einem Haus übernachten.“

In der Heimat der Ajatollahs feierte er Anfang November auch seinen 27. Geburtstag, zudem Weihnachten und Silvester mit einer Gruppe europäischer Radfahrer. „Im Iran habe ich eine europäische Gruppe eingeholt, die schon im Februar zur Weltreise aufgebrochen ist.“ Im August sei er eigentlich „viel zu spät“ losgefahren, schließlich gebe es auch in der Türkei, in Armenien und im Iran bitterkalte Winternächte. Daher habe er in Armenien auch dreimal in einem Hotel übernachten müssen, denn eine Lungenentzündung oder Ähnliches würde wohl das Ende der Reise bedeuten.

Skifahren vor den Toren Teherans

Wie es sich für einen anständigen Bayern gehört, war der 27-Jährige in diesem Winter auch schon Skifahren. „Vor den Toren Teherans gibt es einen 4000er, wo man neben perfekten Skibedingungen auch eine fantastische Aussicht hat. Der Liftpass kostet acht Euro, und die Skiausrüstung gibt es für neun Euro am Tag.“ Bei solchen Schnäppchen könne er getrost auf das europäische Après-Ski verzichten. Aber nicht nur deswegen hat es ihm der Iran angetan. „Die Herzlichkeit der Iraner ist herausragend.“

Den Iran durchquerte er komplett mit dem Drahtesel, ehe er vom Oman nach Dubai flog. Von dort ging es per Flieger nach Sri Lanka, wo er sich mit einem langjährigen Schulfreund zum Urlaub verabredete. Bernreuthers Ungeduld nach einer Woche ohne Fahrrad und ohne Action inmitten des Paradieses ist spürbar. „Das Essen ist zwar großartig, aber es wird Zeit, dass es wieder losgeht.“ Schließlich habe er zuletzt auch fünf Kilo zugenommen – ansehen kann man das dem drahtigen Ausdauersportler jedoch nicht.

Zu Fuß durch Sri Lanka für den guten Zweck

Bevor es ihn über Indien nach Nepal und anschließend in Richtung Philippinen und Australien zieht, hat er nach auskurierter Blinddarm-Entzündung entschieden, ein gemeinnütziges Projekt zu unterstützen – und nebenbei seine Topform wiederherzustellen: „Gemeinsam mit Pete Lamb werde ich einmal von Nord nach Süd durch Sri Lanka laufen, um Spenden für die Krebsforschung zu sammeln.“ Lamb ist ein Brite, der ähnlich wie der Deutsche um die Welt radelt und seine Follower um Spenden bittet, die allerdings direkt an das Bristol Heart Institute fließen.

600 Kilometer wollen die beiden in den kommenden drei Wochen laufen – das sind rund 30 Kilometer am Tag, die Strecke ist zudem von Bergen und Teeplantagen gekennzeichnet. „Einfach kann jeder“, sagt Bernreuther. Weshalb die Planänderung? „Ich bin doch hier, um was zu erleben. Und ich kann jeden Tag tun und lassen, worauf ich Lust habe.“ Und schließlich gehe es doch im Endeffekt nur um eines: „Freiheit. Wer weiß, wie oft ich die noch in meinem Leben haben werde.“ Spricht es und verabschiedet sich zum Abendessen an den Strand. Wer wollte da beim Blick aus dem Fenster nicht neidisch werden.

In unserer Bildergalerie finden Sie Impressionen von Bernreuthers Weltreise. Viel Spaß beim Klicken.

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