Weltreisender aus Hattenhofen Auf dem Fahrrad von Feuerland nach Alaska

Nicolas Goedicke blickt auf den Osorno, den „kleinen Fuji Chiles“, einen 2652 Meter hohen Vulkan. Davor liegt der Llanquihue-See. Foto: privat

Der Zahnmediziner Nicolas Goedicke tritt in Hattenhofen virtuell in die Pedale und nimmt die Gäste mit auf die Traumstraße Panamericana. Der Radler hat viel zu erzählen, den er hat 21 Monate mehr oder weniger im Sattel verbracht.

Hattenhofen - Schon als Jugendlicher habe er von Hattenhofen aus gerne die Schwäbische Alb mit dem Fahrrad erkundet – mit diesen Worten eröffnet Nicolas Goedicke den Abend und erzählt auch von seinen Radtouren als Schüler und junger Student. Dann kam die Zeit, wo er seine Prioritäten auf seine berufliche Zukunft legte. Irgendwann reichte es ihm nicht mehr, nur zu klettern oder wöchentlich Squash zu spielen – Freiheitsdurst und sportlicher Ehrgeiz waren weiterhin da.

 

„Wem einmal der Fahrtwind um die Nase wehte, wird wissen, dass dies nicht ausreichen konnte. Also, noch einmal aufs Rad, noch einmal die ganz große Runde drehen“, sagte sich der 33-Jährige vor sechs Jahren, als er sich gegen Ende seines Studiums und Promotion immer mehr zum „Couchpotato“ entwickelte. Nach der Devise: „Man muss nur fest daran glauben und seine Träume umsetzen“, macht Goedicke deutlich: „Die Arbeit beginnt mit der Vorbereitung.“

Eine Reise durch verschiedene Klimazonen

Ein Doktor der Zahnmedizin, der 21 Monate lang im Sattel seines Fahrrads saß. Der mit 60 Kilo Gepäck und ohne E-Antrieb alleine durch Süd- und Nordamerika auf der „Königin aller Straßen“ radelte und in sein Heimatdorf kam, um davon zu erzählen. Der in Ushuaia, Argentinien, der Inselwelt Feuerlands startete und nach 19 Ländern über die Baja California entlang der US-Westküste in Alaska sein Ziel erreichte.

Doch worauf den Fokus richten? Und was weglassen? Seine Reise bezeichnet er als „stetiges Auf und Ab“. Mal wegen der Fülle an Schlaglöchern, mal wegen der unterschiedlichen Klimazonen. Von nasskalter Tundra über trockene Wüsten, feucht schwüle Regenwälder bis hin zu gemäßigten Zonen. Kämpfte sich auf fast 5000 Meter hohen Andenpässe durch Tiefschnee oder durch heftige Winde, die das Fahren nahezu unmöglich machen.

Viele Fotos wurden mit einer Drohne aufgenommen

„Wie fotografiert man eigentlich Wind?“, fragt er die 30 Zuhörer, und erntet Lacher, als er ein einsames Wüsten-Bäumchen mit waagrechter Krone zeigt. Nur eines von hunderten ausdrucksstarken Fotos, die er wie seine Videos teilweise mit einer Drohne aufgenommen hat. Wenn er zum Beispiel Magellan-Pinguine beim Jagen, Delphine beim Springen beobachtet oder er von Nandus, Flamingos oder Grizzly-Bären begleitet wird. Jeweils überirdisch schön, die vollständig aus bizarrem Marmor in sämtlichen blauen Schattierungen geformten Höhlen im abgelegenen Süden Chiles oder die über 250 Iguazú-Wasserfälle, welche im Dreiländereck Argentinien, Brasilien und Paraguay auf knapp drei Kilometer verteilt sind.

Weniger schön war der Überfall in Kolumbien, wo er am Hinterkopf genäht werden musste und die Feststellung, dass „Alkohol und Dynamit keine gute Kombination ist“. Das lernte er in den bolivianischen Anden, wo um die 12000 Arbeiter am Cerro Rico Silber zu Tage fördern und dabei sich und ihren Körper ausbeuten. „Mit jeder Sprengung wird der Berg instabiler, trotzdem arbeiten sie dort, weil sie auf die wenigen Pesos angewiesen sind“, erzählt Nicolas Goedicke.

Der Weltreisende wurde überall freundlich empfangen

Abenteuerlich, wenn er in abgelegenen Regionen abends kein Quartier fand und mitten in der Pampa sein Zelt aufschlagen musste - manchmal auch mit knurrendem Magen. „Manches gestaltete sich schon schwieriger, als ich gedacht hatte, aber unterm Strich hat es sich immer gelohnt“, resümiert der Weitgereiste.

Was er mitnimmt von der Reise: Sehr viel Schönes. Ganz besonders, dass er die Großschildkröten auf Galapagos beim Eierlegen beobachten konnte, und dass ihn die Menschen überall freundlich empfangen hätten. Weit entfernt von ehemals verpflichtenden Familien-Dia-Abenden ist Nicolas Goedicke als launiger Erzähler ein facettenreiches Konvolut an akribisch aufgelisteten Zahlen und Fakten, Erlebnissen, menschlichen und tierischen Begegnungen sowie beeindruckenden Sehenswürdigkeiten gelungen.

Mit 17 Jahren zum Weltjugendtag nach Köln geradelt

Vita
  Nicolas Goedicke (33) stammt aus Hattenhofen. Nach dem Zivildienst bei der Lebenshilfe in Heiningen studierte er Zahnmedizin, er hat eine Zahnarztpraxis in Reutlingen.

Radtouren
  Mit 17 Jahren radelte Goedicke zum Weltjugendtag nach Köln (550 Kilometer), mit 19 nach Paris (680 Kilometer), mit 21 an die Côte d’Azur (1300 Kilometer). 2011 unternahm er die Tour Frankfurt – Nordkap – 3850 Kilometer.

Panamerika
Von Januar 2016 bis September 2017 reiste Goedicke 21 Monate lang durch 19 Länder, insgesamt legte er 30 305 Kilometer zurück, am Tag im Durchschnitt 87 Kilometer, seine längste Tagesetappe waren 207 Kilometer; Höhenkilometer bergauf: 231; höchster Punkt 4826 Meter; insgesamt 633 Tage, davon 350 auf dem Rad. 19 mal hatte er einen Plattfuß, einmal Kettenbruch, einmal Speichenbruch. Das Tretlager machte schlapp.

Übernachtungen
240 mal im Zelt, 154 mal privat; 192 mal im Hotel/Hostel.

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