"Weltsichten" im Linden-Museum Völkerkunde wagt sich aus den Vitrinen

Ein seldschukisches Herrscherportrait aus dem Iran. Foto: Dreyer, Linden-Museum 2 Bilder
Ein seldschukisches Herrscherportrait aus dem Iran. Foto: Dreyer, Linden-Museum

Mit der Ausstellung "Weltsichten" feiert das Linden-Museum seinen 100. Geburtstag. Doch die Ausstellung hat einige Schwächen.

Stuttgart - Kannibalismus in Stuttgart! Nein, hier geht es nicht etwa darum, dass der Streit über den Hauptbahnhof vor einer neuen Eskalationsstufe stünde. Der menschenfresserische Geist, der im Kunstgebäude sein doppeltes Schnappmaul aufreißt, stammt von der Nordwestküste Kanadas und gehört zum Fundus des Linden-Museums, das seit Freitagabend mit einigen seiner bedeutendsten Objekte den Viereck- und den Kuppelsaal des Württembergischen Kunstvereins bespielt. Vor hundert Jahren wurde Baden-Württembergs einziges Landesmuseum für Ethnologie gegründet. Zum Höhepunkt des Geburtstagsjahres gewährt die Große Landesausstellung den völkerkundlichen Sammlungen nun einen umfangreichen Auswärtsauftritt. Insgesamt werden 400 Objekte aufgeboten, von altchinesischen Orakelknochen bis zum digitalen Gebetswecker, der dem technikaffinen Moslem signalisiert, wann es an der Zeit ist, das Haupt gen Mekka zu neigen.

In ihrem heimischen Museumsgebäude hat die Direktorin Inés de Castro wie bereits ihre Vorgänger mit knappen Ausstellungsflächen und einer teilweise nicht mehr zeitgemäßen Technik zu kämpfen. Umso bereitwilliger ergreift de Castro darum die Gelegenheit, am Schlossplatz ein neues Präsentationsmodell zu erproben. Unter dem Motto "Weltsichten" will die Museumschefin die ethnografische Weitwinkelperspektive einnehmen. Während die Völkerkunde ansonsten nach Kontinenten getrennt arbeitet, haben sich für die Sonderschau die sieben Regionalabteilungen des Linden-Museums zusammengetan und gemeinsam Themenblöcke mit ihren Objekten bestückt.

Sie nimmt anthropologische Konstanten unter die Lupe

Mit einer Art interkultureller Weltreise von Nordafrika über Indonesien bis zu den Anden wagt sich die Mammutausstellung an eine vergleichende Betrachtung überhistorischer Daseinsprobleme der Menschheit. Sie nimmt anthropologische Konstanten wie das Verhältnis der Geschlechter oder die Vorstellung vom Jenseits unter die Lupe, fragt nach den Repräsentationsstrategien politischer Herrschaft oder nach alltäglichen Problemen wie Ackerbau, Fortbewegung und Wohnkultur.

Während die Dynamik der Globalisierung noch die letzten regionalen Besonderheiten, den hübschesten Hochzeitsbrauch, den skurrilsten Aberglauben zur aussterbenden Art macht und einem westlichen Einheitsgeschmack opfert, stellt sich der Stuttgarter Völkerparcours jenen Eigenheiten, die Menschen über Jahrtausende in ihren spezifischen Lebensräumen entwickelt haben. Wieso wurde die Zeit in Mittelamerika anders gemessen als am Rand der Sahara? Was verraten die Jurten der Steppen, die Gemeinschaftshäuser indonesischer Reisbauern über die Kosmosvorstellungen? Und was hat es mit Schönheitsidealen auf sich?

Über die weiten Trennlinien der Geografie hinweg existieren Schnittmengen

Trotz je unterschiedlicher Prämissen lässt die Gegenüberstellung der Lebensformen auch immer das Gemeinsame im Besonderen deutlich werden. Über die weiten Trennlinien der Geografie hinweg existieren Schnittmengen menschlicher Weltgestaltung. Für Laien am leichtesten nachvollziehbar beweist dies das Kapitel "Auszeichnung und Ansehen", in dem Insignien der Macht auf den Prüfstand kommen. Hoheit hat überall etwas mit hohen Tieren zu tun. Chinesische Kaisergewänder zierte der Drachen, Nordamerikas Indianer wählten die Adlerfeder als Rangabzeichen. Wer dagegen in Kamerun etwas zu sagen hatte, saß auf einem Glasperlenthron, getragen von einem Elefanten.

In anderen Bereichen der Schau stockt indessen die Beweisführung. Die Ansammlung kriegerischer Schilde erschlägt uns in ihrer abweisenden Vielfalt. Auch der monumental gestaltete Kuppelsaal, der den Eintretenden mit skulpturalen Götzen und Himmelsgottheiten empfängt, schafft keinen spontan nachvollziehbaren Anschluss zwischen den ausgestellten Werken und den Erörterungen zur ästhetischen Eigenqualität außereuropäischer Kunst.

Die Perspektive der europäischen Kolonialzeit hat  Rezeptionsfäden abgeschnitten

Deren Erzeugnisse betrachtet der Museumsbesucher des 21. Jahrhunderts immer noch ein Stück weit mit den Augen der Expressionisten oder Kubisten, die aus sogenannter Negerplastik eigene Formideale ableiteten. Dabei blieben nicht nur die rituellen Bezüge der Werke ausgeblendet, auch deren sinnliche Qualitäten wie der Geruch der Materialien oder das Geräusch der Masken beim Tanzen. Die eindimensionale Perspektive der europäischen Kolonialzeit hat viele Rezeptionsfäden abgeschnitten, die erst allmählich wieder von der Völkerkunde zusammengefügt werden. Gern hätte man in der Schau mehr über diese Epoche erfahren, entsprang ihrem Geist doch nicht zuletzt die Gründung des Linden-Museums selbst.

Trotz punktueller Überzeugungsschwächen aber stimmt das Gesamtkonzept, schließlich gewähren die "Weltsichten" viele neue Einblicke in kulturelle, religiöse und auch geopolitische Zusammenhänge. Wenn Boliviens Präsident Evo Morales auf dem Poncho das alte Chakana-Kreuz der Inkas trägt oder chilenische Mapuche-Indios enteignete Ländereien zurückfordern, so verraten diese Beispiele, dass die Renaissance der Ethnien längst begonnen hat.

Die Völkerkunde wagt sich heraus aus den Vitrinen

Mit ihren Erlebnisecken und viel multimedialer Begleitung ermöglicht die Schau überdies einen atmosphärisch gut untermalten Rundgang: Die Völkerkunde wagt sich heraus aus den Vitrinen. An einer Taststation erfahren wir die wollige Flauschigkeit von Lama und Paschmina-Ziege, neben dem Birkenrindenkanu lässt eine Videoprojektion in erhabener Eintönigkeit die Wellen plätschern. Und nicht zuletzt ist da die stumme, Ehrfurcht gebietende Präsenz vieler Prunkstücke selbst.

Falls der Landeshaushalt dem Linden-Museum irgendwann vielleicht doch einmal das Geld für eine Rundumerneuerung bescheren sollte, so bekommt man in dieser facettenreichen Sonderschau eine Ahnung, wie es dann am Hegelplatz (oder an anderer Stelle) aussehen könnte. Wer hingegen an seiner persönlichen Zukunft interessiert ist, wendet sich am besten an das digitale Maya-Orakel. Einfach das Geburtsdatum am Bildschirm eintippen und schon erfährt man alles, was man schon immer über sich wissen wollte. Und manchmal noch ein bisschen mehr.




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