Weltstotterertag Wenn die Wörter im Mund feststecken

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Anja Frey hat als Kind und Jugendliche stark gestottert – inzwischen hat sie nur noch eine leichte Sprachstörung. Anlässlich des Weltstotterertags erzählt sie ihre Geschichte.

Anja Frey leitet die Selbsthilfegruppe der Stotterer in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Anja Frey leitet die Selbsthilfegruppe der Stotterer in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Es gibt gute und weniger gute Tage. Oft fällt es gar nicht oder kaum auf, dass Anja Frey eine Sprachstörung hat. Dann wieder, zum Beispiel wenn sie wenig geschlafen hat, stottert sie mehr. Vielleicht sagt sie dann „Gg-g-gleis Fü- Fünf“ statt „Gleis Fünf“ , wenn ein Fahrgast nicht weiß, wo sein Zug abfährt. Anja Frey arbeitet im Serviceteam der Deutschen Bahn. Sie sitzt regelmäßig an der Information in der Bahnhofshalle, also dort, wo genervte Fahrgäste hingehen, wenn ein Zug ausfällt oder verspätet ist. Die selbstbewusste 39-Jährige schreckt das nicht. Sie macht ihren Job gerne. Und eine Beschwerde wegen ihrer Art zu sprechen habe es von Kundenseite nie gegeben, sagt sie.

Anja Frey erzählt ihre Geschichte, um anlässlich des Welttags des Stotterns aufzuklären. Sie redet flüssig, kommt fast gar nicht ins Stocken. Als Jugendliche war das noch anders. „Es hat Jahre gebraucht, um so zu sprechen, wie ich jetzt spreche. Als Kind habe ich sehr stark gestottert“, erzählt sie. Im Kindergarten hat es angefangen. Möglicherweise hat sie die Veranlagung von ihrer Mutter, auch sie hat gestottert. Anja Frey ist zunächst in eine Sprachheilschule gekommen. Nach der vierten Klasse wechselte sie in eine Grundschule. Dafür musste ihre Mutter kämpfen. Man wollte das intelligente Mädchen tatsächlich in eine Sonderschule stecken.

Ein Prozent der Menschen stottert

Bis heute existiert das Vorurteil, dass Stottern einen Einfluss auf die Intelligenz hat, obwohl das nicht der Fall ist. Laut der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe stottert rund ein Prozent der Menschen. Fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen seien zumindest vorübergehend betroffen. Seit 1998 wird am 22. Oktober weltweit auf die Bedürfnisse stotternder Menschen aufmerksam gemacht. Der Behindertenbeauftragte der Stadt, Walter Tattermusch, hält das „auch deshalb für wichtig, weil die Stotterer zu einer Behindertengruppe gehören, über die sich gelegentlich leider immer noch lustig gemacht wird“. Gerade die Schulzeit kann für betroffene Kinder und Jugendliche belastend sein. „Hänseln und andere Formen der sozialen Ausgrenzung durch Mitschüler sind typische Probleme“, heißt es auch bei der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe..

Für Anja Frey zum Beispiel war damals das Vorlesen ein Albtraum. „Da wird man als Kind erfinderisch“, sagt sie. Sie habe sich bei den Absätzen, die reihum vorgelesen wurden, manchmal ausgerechnet, wann es am geschicktesten ist, auf die Toilette zu gehen. „Das Problem ist gar nicht unbedingt das Sprechen an sich, sondern die Angst vor den Blicken“, berichtet sie.

Frey hat ihren Frieden mit der Sprachstörung gemacht

Stotternde Schüler können für Prüfungen einen Nachteilsausgleich in Anspruch nehmen und so mehr Zeit gewährt bekommen. Anja Frey hat das fürs Abitur gemacht. Es folgte die Ausbildungsplatzsuche. 50 bis 60 Absagen fing sie sich ein. Nie sei das mit ihrem Stottern begründet worden, sagt sie. Aber nach den Bewerbungsgesprächen war Schluss – nur bei der Deutschen Bahn nicht.

In der Ausbildung habe man sie nicht geschont, sondern raus geschickt wie die anderen Auszubildenden auch. Heute ist sie froh darüber. Auch wenn es sie damals Überwindungen kostete, von Abteil zu Abteil zu gehen und immer diesen Satz zu sagen: „Die Fahrkarten bitte.“ Die Zahlen für den Ticketverkauf übte sie zu Hause: „Zweiunddreißig Euro Fünfundachtzig“.

„Das Sprechen macht mir Spaß“, sagt sie heute. Wenn sie stottert, dann stottert sie es raus. Sie könnte auch ein anderes Wort benutzen, wenn sie merkt, dass eines Probleme macht. Aber das sei unbefriedigend, wenn man eigentlich etwas anderes sagen wolle. Anja Frey hat ihren Frieden mit der Sprachstörung gemacht. Der Schlüssel dazu ist für sie keine Therapie gewesen, sondern die Selbsthilfe, zu der sie mit 17 Jahren das erste Mal ging.

Viele Eltern sind sehr hilflos

Heute leitet sie die Stuttgarter Selbsthilfegruppe und hilft anderen. Sie erreichen auch viele Anrufe von Angehörigen mit teils absurden Vorstellungen: wie die Eltern, denen sie eine Logopädin nennen sollte, die das Stotterproblem des eigenen Kindes mit wenigen Sitzungen löst.

Viele Eltern seien sehr hilflos, ist ihre Erfahrung. Anja Frey versucht den Müttern und Vätern dann klar zu machen, dass ihr Kind „keine schlimme Krankheit hat. Es braucht nur mehr Zeit und mehr Geduld.“ Sie spricht auch hier aus Erfahrung. Ihre eigenen drei Kinder haben alle einmal gestottert, der mittlere Sohn tut es noch. Sie würde ihn niemals drängen. „Er weiß, er kann immer mit mir reden“, sagt sie.




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