Welttierschutzgipfel Hysterie schadet dem Tierschutz

Mahnwache für den eingeschläferten Staffordshire-Mischling Chico Foto: dpa

Wer Tiere und ihre Rechten respektieren will, darf sich nicht in Aktionismus verlieren, sondern muss mit kühlem Kopf diskutieren, sagt die StZ-Autorin Hilke Lorenz.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Wien - Es ist purer Zufall, dass der erste Welttierschutzgipfel diesen Dienstag in Wien stattgefunden hat. Auch wenn er wie ein Versuch der Versachlichung in der momentanen Aufgeregtheit erscheinen mag. Das Treffen richtet sich an Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Es thematisiert die Frage, ob Tierschutz nur ein Luxusproblem oder vielleicht doch eine Zukunftsfrage ist. Die Veranstaltung will den Tierschutz aus der Blase heraus – und mitten in die Gesellschaft holen. Das ist ein wichtiger Ansatz. Gerade in Zeiten, in denen der Staffordshire-Mischling Chico aus Hannover traurige Berühmtheit erlangt hat und die Grenzen zwischen irrationalem Aktionismus und begründeter Kritik am skandalösen Umgang mit leidensfähigen Lebewesen zu verwischen drohen.

 

Gibt es auch zu viel Empathie?

Tiere gehen immer, lautet der zynische Spruch derer, die auf der Suche nach Aufregungspotenzial sind. Und so steht am Anfang der aktuellen Ereignisse der tragische Tod zweier Menschen, die mit der Haltung ihres Hundes überfordert waren und zudem den Hund wohl als Waffe gegen Übergriffe eines aggressiven Ex-Mannes einsetzten, vor denen die sie niemand anders schützen konnte oder wollte. Dazu kommen Behörden, die offenbar weder aus Fürsorge für die Hundebesitzer noch mit Blick auf die adäquate Haltung des Tieres rechtzeitig richtig entschieden haben. Und wieder hat Deutschland einen (Kampf)Hundeskandal – mit irritierenden Begleiterscheinungen bis hin zu Morddrohungen gegen Behördenvertreter und Tierärzte.

Fast 300 000 Menschen haben die Online-Petition unterschrieben, mit der sie den Staffordshire-Mischling vor der Einschläferung bewahren wollten. Als das Tier tot war, folgte eine Mahnwache vor dem Veterinäramt. Außerdem fordern Einzelne ein Mahnmal für Chico. Kann es auch ein Zuviel an Empathie geben, das dem eigenen Ziel mehr schadet, als nutzt?

Fraglos gibt es noch Aufklärungsbedarf, was der Tötungsattacke in Hannover vorausgegangen. Aber die Dynamik der Ereignisse, welche die von manchen als „Todesstrafe für Hunde“ bezeichnete Einschläferung ausgelöst hat, lässt selbst wohlmeinende Tierfreunde zurückschrecken und von einer verstörenden Radikalität sprechen, die sich wieder einmal über die sozialen Netzwerke ausbreitet.

Tierschutz durchdringt das ganze Leben

Der Hund ist offenbar zur Projektionsfläche für all das geworden, was im Umgang mit Tieren aus dem Ruder läuft. Seine Halter und deren Schicksal geraten dabei völlig aus dem Blick. Die Tatsache, dass Chico nicht mehr nur das namenlose Tier ist, das man anders als die Kühe in der Milchproduktion, von Fotos kennt, heizt die Emotionen zusätzlich an. Der Hund steht gegen die große Unübersichtlichkeit und abstrakte Zusammenhänge im Ökosystem, schlicht gegen die Größe der Aufgabe, wenn Menschen sich im Tierschutz engagieren. Denn wenn man den Kampf für einen fairen Umgang mit Lebewesen ernsthaft verfolgten, durchdringt er das gesamte Leben. Wir könnten jeden Tag einen Beitrag dazu und damit auch zu unserem eigenen ökologischen Überleben leisten. Vieles ist wie in der Ernährung eine Frage finanzieller Möglichkeiten. Für anderes muss man die Dinge nur konsequent zu Ende denken.

Denn man möchte auf dieser Welt weder domestiziertes Zirkus- noch Wildtier sein, dessen Lebensräume schwinden. Dass mit Steinen zugeschotterte Vorgärten kein Biotop für Insekten sind, liegt auf der Hand. Auch das Leben von Huhn oder Pute, die in den Megaställen für die billige Fleischproduktion mehr vegetieren als leben, ist wenig attraktiv. Und wenn die nächste Hühnergrippe im Anmarsch ist, keulen wir aus unserer menschlichen Logik heraus wieder die Tiere, anstatt ihre Haltungsbedingungen zu verändern. Verglichen damit ist der Kampf für ein Hundeleben eine sehr überschaubare Sache.

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