Weltweihnachtscircus Dreimal Biegen am Tag ist richtig hart

Das Trio Bellissimo während eines Auftritts in der Manege im Weltweihnachtscircus Foto: Lichtgut/Verena Ecker
Das Trio Bellissimo während eines Auftritts in der Manege im Weltweihnachtscircus Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Elegant, poetisch und kraftvoll. Wenn der Conferencier im Stuttgarter Weltweihnachtscircus im Pathos schwelgt, dann betritt gleich das Trio Bellissimo die Manege - drei junge Damen aus der Ukraine, die seit Kindertagen zusammen als Akrobatinnen auftreten.

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Stuttgart - Ein Knäuel, ein Knoten, eine Pyramide aus Fleisch und Blut, blonden Haaren und Make-up. Wie wollen sich die drei Damen bloß wieder entwirren, ohne dass die Frisur zerzaust, die Schminke verschmiert oder die Bänder reißen. Das fragen sich zurzeit 2400 Besucher pro Vorstellung im 24. Weltweihnachtscircus auf dem Cannstatter Wasen. Zwischen Clown-Blödeleien und Seelöwen-Kunststücken ernten drei junge Ukrainerinnen im ersten Teil der Show Tag für Tag ungläubige Blicke unterm Chapiteau. Anna Liapunova (29), Anastasiia Premiakova (26) und Nadia Kotliar (23) komponieren geschmeidig verschiedenste akrobatische Figuren, ihre Körper scheinen dabei zu verschmelzen. Im Programmheft heißt es dazu, die Nummer wirke, als sei die Skulptur „Die drei Grazien“ des italienischen Bildhauers Antonio Canova (1757 – 1822) „zum Leben erwacht“. Klingt pathetisch, trifft aber durchaus den Kern.

Enormer Kraftakt – aber elegant soll er wirken

Dass jeder Auftritt des Trios Bellissimo überdies einem enormen Kraftakt gleicht, bemerkt nur, wer genau hinsieht. „Das ist ein bisschen wie Radfahren, irgendwann geht es automatisch“, sagt Anna Liapunova. Na dann. Radfahren hat jeder mal gelernt, warum nicht auch sich zu dritt verknoten. Natürlich untertreibt Anna. Zwei bis drei Stunden am Tag üben sie heute noch, dazu das Aufwärmen vor jeder Vorstellung. Dass sie ihre Balance-Nummer aus dem Effeff beherrschen, hat seinen Ursprung bereits vor gut 20 Jahren in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine: Alle drei besuchen dort schon im Kleinkindalter eine Akrobatik-Sportschule. Seit 1995 üben sie zusammen. Rasch spezialisieren sie sich auf Varieté und Zirkus, „weil die Erfolgsaussichten für uns dort besser waren“, sagt Nadia. Annas Mutter arbeitet in der Schule als Trainerin, ihr Vater im Zirkus. Sie hat als einzige der drei eine Ahnung vom Showgeschäft. Nadia und Anastasiia finden – ohne familiäre Zirkustradition – in der Schule schnell Gefallen daran.

Anna, Anastasiia und Nadia haben inzwischen die halbe Welt bereist. Im Jahr 2007 sind sie schon einmal in Stuttgart aufgetreten, damals in der Dinnershow Palazzo. Doch selbst drei so erfahrene Akrobatinnen geraten zuweilen an ihre Grenzen, auch wenn das Publikum davon nichts bemerkt. Der Weltweihnachtscircus gibt an manchen Tagen drei Vorstellungen, und „dreimal am Tag aufzutreten, ist ganz schön hart“, sagt Anna. Manege ist im Übrigen nicht gleich Manege. „Im Palazzo ist es einfacher als im großen Zirkus, dafür ist es im Zirkus angenehmer“, sagt Anastasiia. Im Zirkus kämen die Leute ausschließlich wegen der Artisten, schenkten der Darbietung also ihre ganze Aufmerksamkeit. Im Palazzo seien die Speisen mindestens so wichtig wie die Akrobatik. Soll heißen: Weil zwischen Kalbsbrust und Topfenknödel Wackler weniger auffallen, macht es Auftritte dort einfacher. Beim Zirkuspublikum selbst haben die drei gleichfalls Unterschiede festgestellt: In den USA wird nebenbei geredet und Popcorn gegessen, in Wien macht man sich schick, als ginge man in die Oper. Und in Stuttgart? „Hier sind die Leute begeistert, sie stehen immer auf der Seite der Artisten.“

Eine völkerverbindende Gemeinschaft

Der Termin in Stuttgart mit den drei Grazien ist zudem ein Beleg dafür, dass der Weltweihnachtscircus einen nicht nur staunen lässt, er hat auch eine kleine, Völker verbindende Note. Geduldig warten die Ukrainerinnen, bis Seelöwenbändiger Vasily Timchenko seinen Interviewpart beendet hat und sie Rede und Antwort stehen sollen. Sie schmunzeln über manche Anekdote, die der Russe von seinen Tieren berichtet, und umgekehrt. Wann haben die Präsidenten Vladimir Putin und Petro Poroschenko wohl so schön entspannt miteinander gescherzt?

Noch bis einschließlich Sonntag, 8. Januar, gibt der Weltweihnachtscircus täglich bis zu drei Vorstellungen. Es gibt noch Eintrittskarten in fast allen Kategorien (ab 25,90 Euro), erhältlich jeden Tag zwischen 9 und 20 Uhr an der Zirkuskasse auf dem Wasen. Reservierungen sind unter der Telefonnummer 07 11/6 74 47 70 möglich.



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