Weltweihnachtscircus in Stuttgart Der Herr der Elefanten

Umstrittenes Schauspiel: die Elefantendressur im Weltweihnachtscircus hat scharfe Kritiker. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Umstrittenes Schauspiel: die Elefantendressur im Weltweihnachtscircus hat scharfe Kritiker. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

René Casselly tritt mit seinen gigantischen Tieren zum ersten Mal in Stuttgart auf. Er sagt, dass es den Elefanten bei ihm gut gehe – doch die Tierschützer von Peta sehen die Sache kritisch.

Lokales: Daniela Eberhardt (ma)
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Stuttgart - Wenn Betty säuft, klingt das als würde die Klospülung laufen. Sie saugt mit dem Rüssel Wasser aus dem Plastiktank und steckt ihn ins Maul, während die anderen Elefanten Tannenreisig kauen. Betty, der Bulle Mambo und drei weitere Kühe teilen sich das 20 mal 40 Meter große Zelt auf dem Cannstatter Wasen. Sie bewegen sich frei, sind mit Bändern voneinander getrennt, in der Ecke ist ein Sandhaufen mit Scheuerbaum. Die afrikanischen Dickhäuter sind vollauf mit dem Frühstück beschäftigt, zu dem es noch zwei Sack Karotten von René Casselly gibt.

Für seinen Besuch gießt der 53-Jährige kurz darauf in seinem Wohnwagen Nescafé auf. Neben dem Gasherd sind seine Elefanten auf dem Monitor zu sehen – die Überwachung, auch nachts, ist eine der Auflagen des Veterinäramts. Casselly, der aus einer deutschen Zirkusdynastie stammt, arbeitet seit rund 30 Jahren mit den Tieren. Mambo, heute 33, kam im Alter von zwei Jahren zu ihm. „Erst kam der Bulle, dann die Kinder“, sagt der Vater eines Sohnes und einer Tochter – Merrylu und René junior sind beide Artisten.

Von Cannstatt nach Monte Carlo

In Stuttgart ist die Familie zum ersten Mal, bisher wollte der Weltweihnachtszirkus nicht in den Terminkalender passen. Mehr als zehn Jahre lang waren auf dem Wasen keine Elefanten mehr zu sehen – vielleicht ist das der Grund, warum das Publikum anfangs zurückhaltend war. „Andernorts wird frenetisch geklatscht, hier war es totenstill, als wir in die Manege gekommen sind“, erzählt Casselly.

Inzwischen habe sich herumgesprochen, meint er, dass seine Familie gut mit den Tieren umgehe. Seine Nummer verbinde, anders als die Standardprogramme, Dressur mit Akrobatik. „Die Artisten machen mehr als die Tiere.“ Zwei Jahre dauert es laut Casselly, bis die erste Nummer mit einem Jungtier steht. „Das sind schlaue Tiere. Was ins Gehirn reingeht, geht nie wieder raus.“ Zurzeit trainiert er die Schleuderbrettnummer mit seinem Sohn. Die beiden fahren mit ihrem Spezialtransporter im Januar von Cannstatt nach Monte Carlo. Sie sind zum 40-jährigen Jubiläum des Zirkusfestivals eingeladen.

Er hat ein Zirkusmädel geheiratet

Zwei goldene Clowns, sozusagen der Oskar der Branche, hat Casselly neben vielen anderen Auszeichnungen in seiner Vitrine stehen. An einem hängt die Kette, die ihm Rudolf Mooshammer geschenkt hat, damals bei „Stars in der Manege“. In seiner Welt ist Casselly ein Star. Er ist mit seinen Elefanten auf der ganzen Welt unterwegs, außer ihm gibt es in Europa nur noch eine Handvoll Kollegen, wie er sagt.

Denn Elefanten sind kostspielig. Während eines Engagements zahlt der Direktor das Futter, das Zelt und die enormen Heizkosten. Deshalb versucht Casselly Pausen zwischen zwei Engagements zu vermeiden. Den Zeltplatz verlässt er ungern. „Früher durfte ich nicht, heute mag ich nicht.“ Zwei Mal sei er in einer Disco gewesen, zwei Mal im Kino, schwimmen könne er nicht. „Wir waren zehn Kinder, der Vater war sehr streng.“ Er heiratete eine Zirkusmädel aus Belgien und entschloss sich, statt in der Familie für große Unternehmen zu arbeiten. „Aber erst als der Vater tot war, davor hätte sich das keiner getraut.“

Zur Hochzeit nach Budapest

Auch seine Tochter wird der Tradition folgen. In Stuttgart zeigt sie mit ihrem Verlobten József Richter einen Pas de deux auf zwei Pferden. Den Antrag machte Richter in der Manege. Nächstes Jahr am Valentinstag wird Hochzeit gefeiert, in Budapest, im Sisi-Schloss, mit 800 Gästen.

Freud und Leid: Die Vorwürfe der Tierschützer, die ihn seit vielen Jahren begleiten, beschäftigen Casselly mehr als er zugeben will. Auch in Stuttgart wurden – wie berichtet – Vorwürfe der Organisation Peta Deutschland laut, wonach einer der Elefanten das typische Verhalten schwer gestörter Tiere zeige, das so genannte „Weben“. Beim Besuch im Zelt schwenkt keiner der Elefanten monoton den Kopf hin und her, aber es soll entsprechende Aufnahmen von Passanten geben.

„Bisher war noch keiner der Aktivisten bei mir auf dem Wasen“, sagt Casselly. Er habe kein Problem mit den Tierschützern. Deren Forderung, dass Wildtiere nicht in den Zirkus gehörten, setzt er seine Sicht der Dinge entgegen: „Dann wären wir kein Zirkus mehr, sondern Varieté“. In der freien Wildbahn, führt er weiter aus, würden Elefanten bis zu 50 Jahre alt – im Zirkus bis zu 65. Das liege daran, dass man ihnen die Nahrung mundgerecht reiche. Etwa im Alter von 50 Jahren hätten die Tiere keine Zähne mehr, dann bekämen sie Weizenkleie und Quetschhafer.

Ein Verbot von Elefanten im Zirkus? „Der Aufwand lohnt nicht“, meint er. In rund 30 Jahren gebe es ohnehin keine Elefantennummern mehr. Vor mehr als 25 Jahren sei nach Indien auch in Afrika der Verkauf von Elefanten verboten worden. Seine Tiere seien mit die jüngsten in Europa. Nachwuchs ist in der kleinen Gruppe nicht in Sicht. „Mambo ist ein braver Bulle. Er ist nicht so potenzstark.“




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