In Ludwigsburg sitzt der erste Hersteller von industriellem Skiwachs. Die Umsätze steigen, doch was passiert, wenn die Winter wärmer und die Liftpässe teurer werden?

Ludwigsburg : Anna-Sophie Kächele (ask)

Nördlich von Ludwigsburg liegt zwischen akkurat gekürztem Golfplatzrasen und Pferdekoppeln der Sitz eines Unternehmens, das welt-, aber vor allem europaweit für seine Produktion von Skiwachs bekannt ist: Holmenkol.

 

Knapp 100 Produkte für Wintersportler in verschiedenster Form vertreibt der Hersteller, dazu Fahrrad-, Textil- und Körperpflegeprodukte. Die Umsätze steigen, die Weltcup-Teams wachsen. Dass Holmenkol aus dem Kreis Ludwigsburg kommt, wissen aber nur wenige.

Doch was macht ein Unternehmen aus dem Bereich Skisport, wenn die Winter immer wärmer und die Liftpässe immer teurer werden? Und wie hat es das Unternehmen so erfolgreich aus der Produktion mit Fluor, einer gesundheitsschädlichen, früher häufig benutzten Ewigkeits-Chemikalie, geschafft? Ein Besuch in der Domäne Monrepos.

Ältester Skiwachshersteller der Welt

Max Fischer und Wilhelm Hornung haben 1922 die Firma Loba in Ditzingen gegründet und unter der Marke Holmenkol das weltweit erste industriell produzierte Skiwachs hergestellt. 2002 machte sich Holmenkol eigenständig, 2012 ging das Unternehmen insolvent und wurde von der Eiermacher Gruppe aufgekauft. Heute sitzt die Produktion nordwestlich von Münster in Nordrhein-Westfalen, Vertrieb, Produktmanagement und Marketing werden aus Ludwigsburg gesteuert.

Ende der 1980er Jahre kamen die ersten fluorhaltigen Skiwachse auf den Markt. Fluorverbindungen gelten als besonders wasser-, fett- und schmutzabweisend – ideal also für gut gleitende Oberflächen wie Ski und Snowboards. Das Problem: Fluor ist eine sogenannte Ewigkeits-Chemikalie der Stoffgruppe PFAS. Sie ist in der Umwelt praktisch nicht abbaubar, reichert sich in Böden, Organismen und im menschlichen Körper an und kann zu Krebserkrankungen und Unfruchtbarkeit führen. Sie wurden in der Antarktis gefunden, in Muttermilch, Regenwasser – und im Blut von Skifahrern, die fluorhaltiges Skiwachs nutzten.

Ausstieg aus der fluorhaltigen Produktion

Vor zehn Jahren hat Holmenkol damit begonnen, fluorfreie Alternativen zu entwickeln. 2021 beschloss der Beirat, Ende 2023 die Produktion des Skiwachs mit Fluor komplett einzustellen. „Bei der Frage ging es um Nachhaltigkeit, aber auch um unsere Zukunftssicherung“, beschreibt Geschäftsführer Timo Fleischmann. „Wir wollten Vorreiter sein und uns nicht an Deadlines der EU orientieren.“

Der internationale Skiverband (FIS) hat die Nutzung von fluorhaltigem Skiwachs in allen Rennen unter seiner Regie seit der Wintersaison 2023/24 verboten. „Das war eine Entscheidung über Nacht und nicht partnerschaftlich geregelt. Dafür gab es viel Kritik“, erzählt Fleischmann. Im Freizeitbereich ist fluorhaltiges Skiwachs rechtlich zulässig – wird aber kaum mehr verkauft.

Der Name leitet sich von der norwegischen Skisprunganlage Holmenkollen ab. Foto: Simon Granville

40 Jahre Erfahrung hatte Holmenkol mit der Entwicklung von fluorhaltigem Skiwachs. „Den Anforderungen unterschiedlicher Faktoren wie Schneetemperatur, Schneebeschaffenheit und Luftfeuchtigkeit standzuhalten – das ist eine Wissenschaft an sich“, sagt Fleischmann. Heute könne man selbstbewusst sagen: Das Produkt ohne Fluor sei nicht schlechter als das mit. Statt der gesundheitsschädlichen Chemikalie werden nun Zusatzstoffe wie Silikone, Graphit oder Keramik verwendet. Die biologisch abbaubare Serie von Holmenkol besteht unter anderem aus Bienen- oder Reiswachs.

„Skiwachsmarkt wird kleiner“

Mit dem Verbot der EU fand ein Neustart statt, der historische Vorteil großer Marken verpuffte. Das nutzen kleine Unternehmen, die in den Skiwachs-Markt einsteigen. Die Konkurrenz wächst. Für Holmenkol, einer der größten Hersteller, keine ernste Gefahr. Sehr wohl aber der Klimawandel.

Laut einer Studie der Universität Bayreuth könnten bis zum Ende des Jahrhunderts gut 13 Prozent der Skigebiete verschwunden sein – auch in den europäischen Alpen. Das Forscherteam glaubt, dass der Wintersport auf höher gelegene Regionen ausweicht, aber eben auch für weniger Menschen zugänglich ist. Und dann? „Der Skiwachsmarkt wird irgendwann schrumpfen“, sagt Fleischmann. „Nicht morgen, aber in den nächsten zehn bis 15 Jahren.“ Weltcup-Rennen würde es aber so lange wie möglich geben, glaubt er. Dahinter stecken eine riesige Lobby und hohe Einschaltquoten. Mit dem Ski-Weltcup macht Holmenkol zehn Prozent ihrer Einnahmen – den Rest mit Freizeitfahrern und niedrigeren Ligen.

Timo Fleischmann empfiehlt, Ski vor dem Einlagern über den Sommer großzügig einzuwachsen und damit die Kanten vor Rost und die Flächen vor Schmutz und Kratzern zu schützen. Foto: Simon Granville

Fahrradpflege ist noch ein kleiner Bereich

Bislang merke man nicht, dass die Umsätze einbrechen, aber es würden sich Verlagerungen in den Skiverleih zeigen. „Die vierköpfige Familie fährt seltener in den Skiurlaub, die Kinder bekommen nicht mehr jedes Jahr neue Ski, sondern es werden welche ausgeliehen“, so Fleischmann.

Wie lange Skiwachs-Unternehmen mit den Wintersport-Produkten noch ausreichend Profit machen, bleibt abzuwarten. Auch deshalb ist Holmenkol in die rentable Textilpflege und hart umkämpfte Fahrradpflege eingestiegen. Mit dem Fahrradboom wurde die Produktlinie 2019 neu aufgelegt. „Wir haben in keinem anderen Bereich so viele Wettbewerber“, sagt Fleischmann. „Aber wir müssen uns breiter aufstellen, anders geht es nicht.“

Ski wachsen

Häufigkeit
Ski sollten bei harter Beanspruchung laut Holmenkol alle vier bis sechs Tage gewachst werden – je nach Schneebedingungen.

Anleitung
Ski reinigen, das Heißwachs mit einem Wachsbügeleisen gleichmäßig auf dem Ski verteilen, nach 30 Minuten Wartezeit das überschüssige Wachs mit einer Abziehklinge entfernen, bürsten.