Weltwirtschaftsforum-Chef Im Visier der Verschwörungstheoretiker

Klaus Schwab hat eine Wirtschaftsinitiative namens „The Great Reset“ gestartet. Die sorgt für anhaltende Diskussionen. Foto: AFP/Fabrice Coffrini

Konservative US-Medien und deutsche Corona-Leugner unterstellen dem Chef des Weltwirtschaftsforums, an einem geheimen Umsturzplan zu arbeiten. Das Reizwort heißt „Great Reset“.

Sport: David Scheu (dsc)

Stuttgart - Sogar Prinz Charles war zugeschaltet, als Klaus Schwab im vergangenen Juni seine ehrgeizigen Ideen zur Ausrichtung der Weltwirtschaft nach der Coronakrise vorstellte. In einer virtuellen Pressekonferenz beschrieb der Chef des Weltwirtschaftsforums die Pandemie in erster Linie als Chance: Selten sei die Gelegenheit günstiger gewesen, um die internationale Ordnung langfristig auf gesunde Beine zu stellen. Nachhaltiger, digitaler und gerechter als zuvor. Seinem Faible für markige Slogans blieb Schwab dabei treu: „The Great Reset“ lautet der Titel der Initiative, deren Grundgedanken in Deutschland unter der Überschrift „Der große Umbruch“ erschienen sind.

 

Das hat unerwartete Folgen. Denn der unbestimmte Begriff bietet jede Menge Anknüpfungspunkte für Verdrehungen und Umdeutungen. Der Slogan „Great Reset“ ist zum geflügelten Wort unter Verschwörungstheoretikern geworden. Die sehen hierin einen Beweis dafür, dass dunkle Mächte die Pandemie inszeniert haben, um in ihrem Schatten an die „Weltherrschaft“ zu gelangen.

Die Vorwürfe: Überwachung und Enteignung

Die Entwicklung nahm zunächst in den USA an Fahrt auf. Während des Präsidentschaftswahlkampfs im vergangenen Jahr warnte die ultrakonservative Fernsehmoderatorin Laura Ingraham ihr Publikum auf Fox News beinahe täglich vor einem angeblich in Davos geschmiedeten Umsturzplan: Eine globale Elite um Klaus Schwab und Joe Biden wolle der Menschheit einen weltweiten Sozialismus aufzwingen – Überwachung und Enteignung inbegriffen. Die Pandemie sei nur vorgeschoben, um die Weltwirtschaft gegen die Wand zu fahren und den „Great Reset“ durchzusetzen.

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Auch in Deutschland ist diese Behauptung angekommen. Täglich werden auf Twitter unter dem Hashtag #TheGreatReset Behauptungen aus diesem Dunstkreis verbreitet, bei Google hat sich die Anzahl der Suchanfragen zu Klaus Schwab auf einem hohen Niveau eingependelt. Bei einer Demonstration von Corona-Leugnern in Sachsen vor dem Haus von Ministerpräsident Michael Kretschmer war auf dem Schild einer Frau der Schriftzug „Agenda 2030 – Great Reset“ zu lesen.

Warum sich Klaus Schwab als Feindbild eignet

Aus Sicht von Michael Butter von der Uni Tübingen zeigt sich hier ein Trend: „Man kann schon sagen, dass Klaus Schwab insbesondere in den sozialen Netzwerken Bill Gates als zentrale Figur der Verschwörungstheorien abgelöst hat“, sagt der Experte für Verschwörungstheorien. Das war zu Beginn der Pandemie noch anders: Damals dominierte die Erzählung, dass Gates die Bevölkerung durch das Einsetzen von Mikrochips im Zuge von Impfungen kontrollieren wolle.

Dass diese Theorie ausgerechnet jetzt zu Beginn der Impfkampagne in den Hintergrund rückt, ist laut Butter nur auf den ersten Blick überraschend: Schwab habe mit „The Great Reset“ einfach ein sehr verführerisches Schlagwort geliefert. Auch sonst eigne er sich gut als Projektionsfläche: Seit Jahrzehnten verkehrt er in Davos einmal jährlich mit den Eliten dieser Welt – wo also, wenn nicht bei Schwab, könnten die Fäden eines groß angelegten Komplotts zusammenlaufen?

Mit 82 Jahren das Debüt in den sozialen Medien

„Für Verschwörungstheoretiker gibt es keine Zufälle“, sagt Butter, „alles ist geplant und hängt miteinander zusammen.“ Viele weitere Umstände fügten sich in deren Augen in ein schlüssiges Gesamtbild: Schwabs relativ zügige Veröffentlichung des Konzepts im Juni 2020 nur wenige Monate nach Ausbruch der Pandemie, seine wohlwollende Reaktion auf den Wahlsieg Joe Bidens – alles war auf einmal verdächtig.

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„Wir sehen da eine erstaunliche Konstanz“, betont Butter. Seit Beginn der Pandemie seien die Verschwörungstheorien in Deutschland in verschiedenen Spielarten fast alle geprägt vom Glauben an die Machenschaften einer Elite, die Corona zur Durchsetzung ihrer eigenen Interessen künstlich aufbausche. „Dass innerhalb solcher Grundannahmen die Akteure wechseln, sehen wir immer wieder.“

Klaus Schwab hat unterdessen auf die Flut an Falschmeldungen und fingierten Accounts reagiert, die im Netz unter seinem Namen kursieren: Seit November des vergangenen Jahres verfügt der gebürtige Ravensburger über einen eigenen Twitter-Zugang – und hatte damit im Alter von 82 Jahren zu seinem Debüt in den sozialen Medien.

Verschwörungstheorien sind in jedem Land etwas anders

Rund ein Drittel der Deutschen sind empfänglich für Verschwörungstheorien, während etwa zehn Prozent an eine konkrete Theorie glauben. Diese Werte haben sich dem Experten Michael Butter zufolge auch während der Coronapandemie nicht verändert. Die Theorien seien derzeit nicht stärker verbreitet, sondern würden lediglich hörbarer artikuliert. Butter erklärt das mit einer persönlichen Betroffenheit: „Die Pandemie prägt unseren Alltag täglich, das emotionalisiert und mobilisiert.“ Zuvor im privaten Kreis geäußerte Theorien würden daher nun an die Öffentlichkeit getragen.

Während in Deutschland viele Verschwörungstheoretiker das Coronavirus für eine Erfindung politischer und ökonomischer Eliten halten, ist in Frankreich und Italien die Vorstellung einer im Labor erzeugten Biowaffe stärker verbreitet. Michael Butter führt diese Diskrepanz auf ein anfangs unterschiedliches Infektionsgeschehen zurück: „Deutschland ist relativ glimpflich durch die erste Coronawelle gekommen, als sich die Theorien formiert haben.“ In Staaten mit vielen Infizierten und Toten habe sich die Annahme eines erfundenen Virus dagegen nicht durchsetzen können.

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