Welzheimer bei Paralympics Niko Kappels Medaillen-Mission

Bei den Paralympics am 30. August ab 9.57 Uhr Ortszeit für das „Team Germany“ im Ring: Kugelstoßer Niko Kappel Foto: dpa/Jens Büttner

Der 26-jährige Kugelstoßer aus Welzheim könnte erneut ein würdiger Vertreter des Rems-Murr-Kreises im Weltsport werden. Ein Treppchenplatz ist sein Ziel bei den Paralympics in Tokio.

Welzheim/Fellbach - Er misst lediglich genau 1,40 Meter, gehört aktuell aber zu den größten Vorzeigesportlern des Rems-Murr-Kreises. Die Koffer sind längst gepackt, an diesem Freitag macht sich Niko Kappel von seinem Heimatort Welzheim aus zunächst auf nach Frankfurt, um dann in den Flieger gen Tokio zu steigen. Es ist die nächste Medaillen-Mission des 26-Jährigen gebürtigen Schwäbisch Gmünders: In Japan will er bei den Paralympics die vier Kilogramm schwere Kugel mit seiner Drehstoßtechnik so weit hinaus wuchten, dass er auf dem Treppchen landet – das ist jedenfalls das Ziel, wie er einen Tag vor seiner Abreise in Fellbach verkündet.

 

Explosivität und Spritzigkeit

Die sogenannte Wohninvest-Academy in Fellbach hat sich deshalb an diesem Vormittag in ein Fernsehstudio verwandelt – für eine von Jens Zimmermann moderierte Livestream-Pressekonferenz an die deutschlandweite Reporterschar. Der Immobilienriese ist Sponsor des Behindertensportlers. An der Wand im Hintergrund hängt ein Foto seines ersten großen Erfolges: Kappel bei den Paralympics in Rio de Janeiro mit der Goldmedaille. 2017 folgte der Weltmeistertitel in London. Vorläufig letzter Höhepunkt war der Weltrekordstoß auf 14,30 Meter am 5. Juli 2020 beim Werfermeeting in Bad Boll.

Im Land der aufgehenden Sonne sieht er sich jetzt als einer von fünf etwa gleichstarken Titelanwärtern. Zuletzt hat ihm eine Rückenverletzung eine sechswöchige Trainingspause eingebrockt. „Ein solches Defizit ist eigentlich ein Killer“, sagt er in Fellbach, doch seit einigen Wochen geht es mit der Explosivität und Spritzigkeit aufwärts. Er fühle sich fit genug, „um mich in den Wettkampf reinbeißen und womöglich ganz zum Schluss noch einen raushauen zu können“, sagt Kappel zuversichtlich und gibt als Ziel „wieder Edelmetall“ vor. „Am Ende entscheiden wohl wenige Zentimeter unter den ersten fünf.“

Umstellung beim Schlafrhythmus

Auch auf die Zeitumstellung hat er sich vorbereitet und den Schlafrhythmus langsam verschoben – „jeden Tag eine halbe Stunde früher ins Bett gehen und wieder aufstehen“. Für die Akklimatisierung bleibt Zeit, denn der Wettkampf beginnt erst am Montag, 30. August – „um 9.57 Uhr japanischer Zeit, das bedeutet 2.57 Uhr deutscher Zeit“. Wer unter seinen Fans durchschlafen möchte, erfahre die hoffentlich positive Nachricht spätestens im Frühstücksfernsehen.

Angst wegen der Pandemie in Japan hat er keine – zwei aktuelle Coronatests verliefen negativ bei ihm, weitere folgen direkt nach der Ankunft. Die Paralympics seien „ein Riesending“, da heiße es „Gas geben“. Aber auch: „Kontakte aufs Minimale reduzieren. Keiner hat sich fünf Jahre vorbereitet, um dann drei Tage vorher in Quarantäne zu müssen oder sich sogar zu infizieren.“

Im VfB-Dress auf dem Sofa

Die Unterstützung aus dem Rems-Murr-Kreis ist Kappel, der seit 2020 für den VfB Stuttgart wirft und in Fellbach auch im roten Vereinsdress auf dem Sofa sitzt, sicher. Im Schwäbischen Wald, wo er bei der Volksbank Welzheim seine Ausbildung zum Bankkaufmann absolvierte und aktuell als Firmenkundenberater freigestellt ist, kennt man ihn auch dank seiner lokalpolitischen Tätigkeit: Kappel sitzt für die CDU im Welzheimer Gemeinderat. In Kernen hat er in seiner Jugend mehrere Jahre im Saint-Rambert-Stadion Rommelshausen Kugelstoßen und Speerwurf trainiert. Nach Fellbach wiederum kommt er oft in die Lise-Meitner-Straße zu seinem Sponsor – wie etwa im vergangenen Dezember gemeinsam mit Sternekoch Stefan Gschwendtner zu einem live im Internet übertragenen Adventsmenü oder auch schon mal als Startschütze beim Fellbach City-Run rund um die Schwabenlandhalle.

Für Journalisten ist er ein dankbarer Gesprächspartner, gibt eloquent mit nur leicht schwäbischem Einschlag Antworten, ohne nach Worten ringen zu müssen. Dass er vor der Kamera bestehen kann, hat Kappel bereits mehrfach bewiesen – etwa in „Sport im Dritten“ bei der amüsanten und gern gesehenen Wettkampf-Reihe „Die Halbstarken“ gegen den ebenfalls kleinwüchsigen, früheren Speerwerfer Mathias Mester (1,42 Meter) oder zuletzt vor wenigen Tagen als Talkgast im SWR-Landesschaustudio.

Behindertensportler des Jahres

2016 und 2017 wurde Niko Kappel als Behindertensportler des Jahres ausgezeichnet. Er sieht sich als „Mutmacher mit Vorbildfunktion“, um den einstigen „Versehrtensport“ weiter bekannt zu machen. „Es hat sich gesellschaftlich viel bewegt“, sagt er, „die Akzeptanz, die Aufmerksamkeit ist gestiegen, die Leistungen explodieren – das ist Spitzensport.“

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Gut gerüstet ist er für Japan auf jeden Fall – auch wenn es wohl eher unwahrscheinlich sein dürfte, dass er das ihm in Fellbach am Donnerstag überreichte Abschiedsgeschenk tatsächlich ins Flugzeug mitnehmen kann: Immerhin, es ist kein Samuraischwert, sondern ein japanisches Messerset. Im besten Fall sind die scharfen Klingen ja dann fürs Menü bei der Siegesfeier gut verwendbar.

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