Wendelgard von Staden wird 100 Jugend neben einem Nazi-Lager

Die hundert Jahre sieht man Wendelgard von Staden nicht an. Foto: vat

Autorin, Diplomatin und Zeitzeugin des KZ Vaihingen/Enz: Kaum eine lebende Person der Region hat ein so bewegtes Leben geführt wie Wendelgard von Staden. Jetzt wird sie 100 Jahre.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Jetzt muss sie ihren Lieblingsspruch schon wieder aktualisieren. Wenn Wendelgard von Staden bisher das Komplimente hörte, wie dynamisch und wach sie für ihr Alter sei, entgegnete sie gern „Für die 99 kann ich nichts“. Das stimmt einerseits, schließlich hat man nur bedingt in der Hand, wie alt man wird. Aber wer so ein bewegtes Leben geführt hat und in der weiten Welt zu Hause war, der bleibt fast zwangsläufig wach.

 

Und nun wird sie 100 Jahre alt – und wird bei ihren kommenden Vorträgen bescheiden darauf hinweisen „Für die 100 kann ich nichts.“ Denn hundert Jahre hin oder her, Wendelgard von Staden ist nach wie vor eine gern gesehene Rednerin, weil sie das Publikum in ihren Bann zieht und mit manch flottem Spruch aufwartet. Außerdem ist sie eine wichtige Zeitzeugin aus der Region.

Als Jugendliche freudig Nazi-Lieder mitgesungen

Denn Wendelgard von Staden, geborene Freiin von Neurath ist mitten in Nazi-Deutschland aufgewachsen. Sie war in der Hitlerjugend, marschierte und sang freudig Nazi-Lieder mit und glaubte an Treue, Stetigkeit und Einsatz fürs Vaterland – bis sie eine andere Seite des Nationalsozialismus kennenlernte. Denn auf dem Hofgut ihrer Eltern in Kleinglattbach, einem Stadtteil von Vaihingen an der Enz, errichtete die SS das Konzentrationslager Wiesengrund. 2000 Menschen kamen dort ums Leben.

Da die Familie weiterhin einen Weg durch das Sperrgebiet nutzen durfte, bekam die Mutter Irmgard von Neurath mit, wie Baracken entstanden, Zäune, Wachtürme für ein „SS-Kranken- und Erholungslagers“. Dass man sich hier aber keineswegs um die Gesundheit der Menschen scherte, erfuhr die Mutter, als sie ins Lager Stroh und Bohnen liefern sollte. Um das bewerkstelligen zu können, forderte sie im Gegenzug Arbeitskräfte aus dem Lager an.

Mutig den Wachen entgegengestellt

Es kam „ein Zug schwankender, dürrer Gestalten, kahl geschoren und mit grünlichen Gesichtern“, heißt es in dem Buch „Nacht über dem Tal: Eine Jugend in Deutschland“, in dem Wendelgard von Staden die Ereignisse von damals aufgeschrieben hat. Sie sah, wie die Mutter versuchte, den Menschen zu helfen, die sogar zu schwach waren, um die Strohballen zu bewegen. Sie kochte heimlich für die Hungernden und gab ihnen Käse und Medikamente mit ins Lager. Die Mutter stellte sich sogar mutig den Wachen entgegen und erklärte resolut, dass bei ihr auf dem Feld keine Menschen geschlagen würden.

Seit 2005 erinnert die KZ-Gedenkstätte Vaihingen/Enz an die Opfer und immer wieder kann man hier Wendelgard von Staden als Zeitzeugin live erleben. 1985 kehrte sie auf den Hof der Familie zurück, dem sie als junge Frau den Rücken gekehrt hatte, weil sie nicht Landwirtin werden wollte, wie es die Eltern erhofft hatten. Deshalb brach sie das landwirtschaftliche Studium in Hohenheim ab und ging an die Universität Tübingen. Als eine der ersten Frauen studierte sie Nationalökonomie.

Das war der Anfang – 1947 ging sie als eine der ersten Stipendiatinnen nach Paris an die École libre de science politique. Und sie war auch eine der ersten jungen Deutschen, die nach dem Krieg nach Kalifornien eingeladen wurden. Zwei Monate reiste sie mit einer kleinen Gruppe durch Amerika. Und da sie danach nicht wusste, was tun, meldete sie sich eher aus Verlegenheit an zur Aufnahmeprüfung für den Dienst im Auswärtigen Amt. So wurde sie Attachée in Bern – auch hier war sie die erste Frau in dieser Position.

Politischen und geistigen Größen begegnet

In den vergangenen Jahren hat Wendelgard von Staden noch mal ihr Leben in Diplomatenkreisen Revue passieren lassen, hat die alten Fotos sortiert und aufgeschrieben, was sie alles erlebt hat und welchen politischen und geistigen Größen sie begegnet ist – Ronald Reagan und Marion Gräfin Dönhoff, den Scheels und Helmut und Hannelore Schmidt.

In Brüssel lernte sie ihren späteren Mann kennen, da auch er für das Auswärtige Amt tätig war, musste sie den Dienst bei der Heirat quittieren. Bereut hat sie es nicht. Die Familie zog nach Washington – und weil sie als Deutsche immer wieder nach dem Dritten Reich befragt wurde, beschloss sie, ihre Erlebnisse aufzuschreiben.

Dass Wendelgard von Staden mal ihren 100. Geburtstag feiern würde, damit hat sie so wenig gerechnet wie damit, je wieder in die schwäbische Heimat zurückzukehren. Auch wenn sie längst nicht mehr mittendrin im politischen Geschehen in Washington, Brüssel oder Bonn ist, verfolgt die einstige Diplomatin weiterhin sehr aufmerksam das Weltgeschehen – nun nur eben von Enzweihingen aus.

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