Wendlingen hat ein Teilstück einer Straße im Gewerbegebiet Wert an eine Firma verkauft. Eine Durchfahrt für alle ist dort deswegen bald nicht mehr möglich – zum Unmut der Anlieger.
Die Firma TTS Tooltechnic Systems, eine Ausgründung der Festo GmbH und Co. KG, ansässig im Wendlinger Gewerbegebiet Wert und einer der größten Gewerbesteuerzahler der Stadt, will expandieren – und hat dafür ein großes Areal gegenüber ihres bestehenden Geländes erworben. Gebaut werden soll dort ein neues Hochregallager. Mitten durch das neue TTS-Gelände führt allerdings die Wertstraße, die das Gewerbegebiet erschließt und sozusagen einmal ums Karree führt.
Die Stadt hat das rund 100 Meter lange Teilstück der Wertstraße Anfang 2024 für knapp 370 000 Euro an TTS verkauft, was bereits damals für reichlich Unmut bei den übrigen Anliegern führte – denn eine Durchfahrt für alle ist dann nicht mehr möglich.
Anlieger sind enttäuscht von der Stadt Wendlingen
„Wir sind nach wie vor mit dem Vorgehen der Stadt nicht einverstanden“, bestätigt Markus Leichtlen, Geschäftsführer des Messebauunternehmens Xplano GmbH. Er ist auch Sprecher einer Interessensgemeinschaft (IG), zu der sich rund 20 von der Änderung unmittelbar betroffene Gewerbetreibende zusammengeschlossen haben. Sie alle werden von der neuen Verkehrsführung beeinträchtigt – darunter zwei große Logistiker mit entsprechend hohem Fahrzeugaufkommen sowie weitere Betriebe, die regelmäßig von großen Lastzügen angesteuert werden.
Allem Protest zum Trotz segnete der Wendlinger Stadtrat die für die Teil-Privatisierung nötige Änderung des Bebauungsplans nun in seiner jüngsten Sitzung ab. Der Frust bei der IG ist entsprechend groß: „Bei der Weiterentwicklung eines B-Plans ist es Aufgabe der Stadt zu prüfen, dass es für alle passt“, sagt Leichtlen. Und genau diese Unvoreingenommenheit stellen die Anlieger der Wertstraße nach wie vor in Frage.
„Diese Kreuzung ist für die Begegnung von zwei Lkw nicht gemacht.“
Thomas Landfried über den zukünftigen Weg ins Gewerbegebiet
Hauptkritikpunkt ist das zugrunde liegende Verkehrsgutachten – unter anderem sei der für die Verkehrszählung gewählte Zeitpunkt nicht repräsentativ gewesen, begründete IG-Mitglied Thomas Landfried, Geschäftsführer der Firma Cinetec. Zudem sei hauptsächlich die allgemeine Zufahrt ins Gewerbegebiet über den Kreisverkehr an der Landesstraße betrachtet worden und weniger das Geschehen im Areal selbst. Besonders die Kreuzung, die künftig für alle Firmen außer der TTS zur Ein- und Ausfahrt aus dem Gewerbegebiet genutzt werden soll, sei nicht realistisch bewertet worden. „Diese Kreuzung ist für die Begegnung von zwei Lkw nicht gemacht“, meinte Landfried – obendrein ist die besagte Kreuzung im Normalfall komplett zugeparkt. Er wirft der Stadt vor, in ihrem Vorgehen „nicht neutral“ gewesen zu sein. Nachdem der endgültige Beschluss nun trotzdem gefasst worden ist, überlegt die IG, ob sie rechtliche Schritte einleiten soll.
Wendlinger Stadtverwaltung sieht sich im Recht
Die Erfolgsaussichten sind hierbei aber wohl eher durchwachsen: Denn auch die Stadt hat sich juristischen Beistand geholt – und der ist sicher, dass der Vorgang in Ordnung war, denn das Resultat bleibt bestehen: „Die verbleibende Fläche ist leistungsfähig genug“, bestätigte Baurechtsexperte Stephan Spilok von der Kanzlei Rechtsanwälte Kasper Knacke Partnerschaftsgesellschaft mbB Stuttgart. Es gebe in Sachen Verkehrsbewältigung laut Gutachten sogar noch Luft nach oben: Etwa 20 Prozent mehr seien durchaus zu bewältigen, so Spiller weiter: „Das müsste für alle Betroffenen ausreichen.“ Immerhin: Es sei klar, dass die Kreuzungsbereiche künftig von parkenden Autos freigehalten werden müssen. Die Stadt kündigte an, das künftig verstärkt kontrollieren zu wollen.
Ebenfalls wurde eine Änderung der Bauvorschriften in dem Gebiet beschlossen – was insbesondere die Gebäudehöhen betrifft: Das neue Hochregallager der TTS darf 40 Meter hoch werden, bislang waren in dem rund 11,5 Hektar großen Gewerbegebiet Gebäudehöhen von zwölf bis 18 Meter erlaubt. Zum Vergleich: Das neue Holzparkhaus in Wendlingen ist knapp 20 Meter hoch.