Innovatives Projekt: Die Wendlinger HOS-Gruppe saniert aktuell den Spinnerei-Hochbau im Neckarspinnerei-Quartier. Foto: kd
Die Sanierung des Spinnerei-Hochbaus in Wendlingen (Kreis Esslingen) läuft auf Hochtouren, im Herbst sollen erste Mieter einziehen. Die Entwicklung ist aber längst nicht zu Ende.
Kerstin Dannath
12.03.2026 - 05:00 Uhr
Für den denkmalgeschützten Spinnerei-Hochbau im Wendlinger Neckarspinnerei-Quartier (NQ), das ein offizielles Projekt der „Internationalen Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart“ (IBA’27) ist, hat eine neue Ära begonnen: „Es ist ein ganz besonderer Tag für das Gebäude“, sagte Geschäftsführer Andreas Decker der Wendlinger HOS-Gruppe (siehe Infobox) beim Richtfest anlässlich der fertigen Sanierung des Dachstuhls des markanten Gebäudes.
2020 wurde mit der Einstellung der Textilproduktion ein langes, fast 160 Jahre andauerndes Kapitel geschlossen. Nach der aufwendigen Kernsanierung wird das Gebäude noch in diesem Herbst mit dem Einzug der ersten neuen Mieter wiederbelebt – damit wird die Metamorphose einer ehemaligen Fabrik zum modernen Gewerbestandort mit flexiblen Büro- und Veranstaltungsflächen, Co-Working-Spaces und Quartierskantine abgeschlossen.
Keine Wohnungen im Obergeschoss möglich
„Die Umnutzung bringt große Herausforderungen mit sich“, wie Decker zugab. Dabei blieb auch einiges auf der Strecke – so musste sich die HOS von der Idee, Wohneinheiten ins Obergeschoss des Hochbaus integrieren, verabschieden. Der Grund: Die Auflagen hinsichtlich Lärmschutz und Statik wären so hoch gewesen, dass eine Vermietung nicht mehr wirtschaftlich gewesen wäre. In der gesamten rund 200-jährigen der Firmengeschichte der HOS ist die Sanierung des Hochbaus das bislang teuerste und das größte Projekt – rund 27 Millionen Euro werden investiert, bis auf 1,8 Millionen Euro Fördergelder steuert die Wendlinger Firma das Gros selbst bei. „Es ist aber auch das bedeutendste und bislang größte Bauvorhaben als zentrale Mitte im neuen Quartier“, erklärte Decker.
Auch die Stadt freut sich über den Baufortschritt im NQ. „Seit dem Produktionsende 2020 wurde konsequent an der Wiederbelebung des Geländes gearbeitet“, lobte Wendlingens Bürgermeister Steffen Weigel in seinem Grußwort zum Richtfest. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten sei das ein wichtiges Signal für den Standort Wendlingen: „Gewerbestandorte haben eine Zukunft.“ Für die Stadt sowie für die IBA’27 und weit darüber hinaus sei das NQ ein echtes Vorzeigeprojekt: „Es zeigt, dass Bauen auch heute bei schwierigen Rahmenbedingungen erfolgreich möglich ist.“
Im Jahr 2020 wurde mit der Einstellung der Textilproduktion ein langes, fast 160 Jahre andauerndes Kapitel geschlossen. Foto: Ines Rudel
Was sich indes nach wie vor eher schwierig gestaltet, ist die Vermarktung der neuen Gewerbeflächen. Mit Leben Inklusiv, der ehemaligen Behindertenwerkstatt aus Frickenhausen, und dem Kreisjugendring Esslingen stehen zwei Ankermieter zwar seit längerem fest, rund ein Drittel der Fläche ist indes noch verfügbar. Leben Inklusiv zieht mit seiner aktuell noch in Oberboihingen beheimateten Werkstatt um und wird im Erdgeschoss die öffentliche Quartierskantine betreiben. Dazu kommen Büroräume für die Verwaltung.
„Es ist das bedeutendste und bislang größte Bauvorhaben als zentrale Mitte im neuen Quartier.“
Andreas Decker, Geschäftsführer der HOS-Gruppe
Der Kreisjugendring zieht ebenfalls mit seiner zentralen Verwaltung ins NQ ein. Dazu ist im Erdgeschoss eine etwa 400 Quadratmeter große Veranstaltungsfläche, die über die HOS vermietet wird, geplant. Ebenfalls im Erdgeschoss bleibt der Werksverkauf der Luxorette, einem Ableger der HOS, die hochwertige Heimtextilien vertreibt. Der Werksverkauf ist auch während der Sanierung geöffnet. Die übrigen Flächen können je nach Mieterwünschen flexibel gestaltet werden. Immerhin: Während im vergangenen Jahr in Sachen Mietinteressenten teilweise absolute Flaute herrschte, scheint Besserung in Sicht zu sein: „Der Markt hat seit dem Frühjahr wieder an Dynamik gewonnen“, bestätigte HOS-Geschäftsführer Decker. Man sei inzwischen wieder mit einigen ernsthaften Interessenten im Gespräch, fix unterschrieben sei aber noch nichts.
NQ soll in Sachen Energie autark werden
Parallel läuft die Revitalisierung des rund fünf Hektar großen ehemaligen Industrieareals direkt am Neckar weiter. Aktuell wird die Wärmeversorgung geplant – langfristig soll das gesamte NQ überwiegend über Flusswärme in Kombination mit Wärmepumpen versorgt werden. Anvisiert ist, das gesamte Quartier in Sachen Energie autark zu bekommen. Bereits im vergangenen Jahr wurden die „Alten Werkstätten“ fertiggestellt. Das dreiteilige Gebäudeensemble hinter dem Spinnerei-Hochbau kann als multifunktionale Veranstaltungsfläche für Firmenevents, Workshops, Seminare sowie für geschäftliche und private Feiern angemietet werden.
Für die im Rahmen eines 2022/23 durchgeführten städtebaulichen Wettbewerbs mit in den Blick genommenen bislang unbebauten Flächen des NQ läuft aktuell das Bebauungsplanverfahren. Entstehen soll ein produktives, ökologisch nachhaltiges und durchmischtes Gebiet, das Arbeiten und Wohnen im Verhältnis von 70 zu 30 verbindet. Beim Eigentümer HOS steht zunächst die Entwicklung des historischen Bestands im Fokus. Bereits 2022 sind im ehemaligen Baumwolllager einige Start-ups eingezogen, auch weitere Gebäude werden bereits von innovativen Unternehmen wie etwa der Batene GmbH genutzt. Das Deep-Tech-Start-up ist eine Ausgründung der Max-Planck-Gesellschaft und entwickelt Metallvliese als Stromabnehmer für Lithium-Ionen-Batterien. Bevor es an die Neubauten geht, müssen erst die jeweiligen Nutzer parat stehen, heißt es von Seiten der HOS. Geschäftsführer Decker schätzt, dass die komplette Entwicklung des NQ nicht vor 2035 abgeschlossen sein wird.
Die Metamorphose eines traditionsreichen Unternehmens
HOS-Gruppe Die HOS-Gruppe blickt auf eine über 200-jährige Unternehmensgeschichte zurück. Im Jahr 1816 gründete Immanuel Friedrich Otto eine Färberei in Nürtingen, Ende der 1850er-Jahre ging der Betrieb an seinen Sohn Heinrich Otto. In der Blütezeit betrieb die Familie Otto zwischen Neckartenzlingen und Reichenbach/Fils neun Textilproduktionsstandorte. Heute nimmt der Textilsektor nur noch einen verschwindend kleinen Teil im Portfolio der HOS ein: Der neue Tätigkeitsschwerpunkt des Unternehmens konzentriert sich auf den Immobiliensektor, genauer auf die Vermarktung ihrer Liegenschaften sowie auf die Energiewirtschaft – so betreibt die HOS-Gruppe unter anderem drei Laufwasserkraftwerke am Neckar mit einer Leistung von insgesamt 1,3 Megawatt.
Die Neckarspinnerei Nachdem Heinrich Otto der Nürtinger Betrieb zu klein wurde, ließ er ab 1859 im heutigen Wendlinger Stadtteil Unterboihingen den viergeschossigen Spinnerei-Hochbau in Ziegelbauweise errichten. Das neue Stammwerk ging 1861 in Betrieb. Über die Jahre wurde das gesamte Areal stetig erweitert. Nach vielen erfolgreichen Jahren wurde es in jüngster Zeit immer schwieriger neue Aufträge zu generieren. Eingeläutet wurde das Ende der Spinnerei durch die Coronapandemie als die Garnnachfrage gegen null ging, endgültig abgestellt wurden die Maschinen 2020.