Wendlingen Festival zeigt Zukunft und Geschichte der Neckarspinnerei

Das „NQ-Festival_02“ kommt gut an. Foto:  

Das NQ-Festival_02 bringt die Transformation der Wendlinger Neckarspinnerei vom alten Industrieareal zum modernen Quartier einen Schritt voran.

Seit über 55 Jahren ist Franz Birk Schlossermeister in der Wendlinger Neckarspinnerei. Die Entwicklung des zum größten Teil unter Denkmalschutz stehenden Industrieareals im Wendlinger Stadtteil Unterboihingen, idyllisch am namensgebenden Fluss gelegen, beobachtet der langjährige Mitarbeiter der HOS – die Abkürzung steht für die Firma Heinrich Otto & Söhne, der das rund fünf Hektar große Industrieareal immer noch gehört – mit Freude: „Für mich ist es äußerst beruhigend und befriedigend zu sehen, dass es gelingen wird, der Spinnerei, mit der ich sehr verbunden bin, eine Zukunft zu geben.“

 

2020 hatte die HOS, die zu den traditionsreichsten Unternehmen der süddeutschen Textil-Industriegeschichte zählt, den Spinnereibetrieb eingestellt. Auch die HOS-Gruppe, die in ihrer Blütezeit neun Textil-Produktionsstandorte zwischen Neckartenzlingen und Reichenbach betrieben hatte, musste sich nach einer über 200-jährige Unternehmensgeschichte neu erfinden. Sie hat ihren Tätigkeitsschwerpunkt mittlerweile auf den Immobiliensektor und die Energiewirtschaft verlegt. Vorzeigeprojekt ist die Wendlinger Neckarspinnerei, die mittlerweile als Neckarspinnerei-Quartier firmiert, ein offizielles Projekt der Internationalen Bauausstellung 2027 der Stadtregion Stuttgart (IBA’27) ist, und in die längst neues Leben eingezogen ist.

Viele Besucher be NQ-Festival_02

Ein bunter Querschnitt der Aktivitäten präsentierte sich beim NQ-Festival_02, das etwa mit Führungen, Ausstellungen, Diskussionen über neue Formen von Wohnen und Arbeiten sowie Diskurse über die Quartiersentwicklung als solche eine Vielzahl von Besuchern anlockte. „Es war deutlich spürbar, dass unser Projekt in der Bevölkerung und der Fachwelt einen immer größeren Anklang und Beachtung findet“, zog HOS-Geschäftsführer Andreas Decker, der das Areal seit vielen Jahren federführend mitentwickelt, ein positives Fazit. „Das gibt uns als HOS den Rückhalt und die Motivation, den von uns eingeschlagenen Weg gemeinsam mit der Stadt Wendlingen und der IBA weiter zu beschreiten“, so Decker weiter.

Ausstellung bleibt noch bis Ende Juli

Ein gutes Beispiel, wie aus alten Dingen Neues und Innovatives entstehen kann, ist die Ausstellung „längs und quer zum fluss“, die noch bis 29. Juli im Spinnerei-Hochbau zu sehen ist. Das Ausstellungsprojekt, kuratiert von der Kirchheimer Künstlerin Kathrin Wörwag, spannt den Bogen von der historischen Produktionsstätte bis zur Gegenwart und Zukunft. In Auseinandersetzung mit dem Firmenkontext Otto schwärmten die Künstler im Gelände aus und zogen Dinge aus den alten Gemäuern. Teils verstaubt, vergilbt und verschlissen, wurden die Fundstücke neu in Szene gesetzt – wie etwa von der Stuttgarter Künstlerin Menja Stevenson, die in einer Ecke alte Vorhänge herauskramte, die nun als „Schattenfänger“ in verschiedenen Farben eingefärbt Teil der Ausstellung sind. Wörwag selbst steuerte drei Installationen bei: Darunter die Videoinstallationen „Spinball“, wo sie beim Gang über das Gelände eine alte Garnrolle kickt, und „Drifting Water“, die das Wasser am alten Turbinenhaus der Neckarspinnerei, in Szene setzt.

„Kathedrale der Industriearchitektur“

„Kathrin Wörwag und ihre Kollegen haben sich in eindrücklicher Weise mit der Industrie, ihren Formen und der Geschichte auseinandergesetzt“, sagte Christian Gögger, der künstlerische Leiter des Kunstvereins Esslingens, bei seiner Einführung in die Ausstellung. Er betonte, dass das Neckarspinnerei-Quartier neben seiner Eigenart als „Kathedrale der Industriearchitektur“ auch ein perfekter Ort für die kreative Auseinandersetzung sei – das Areal mit seiner Geschichte sorge für zusätzliche Inspiration. So hält etwa der deutsch-ghanaische Konzeptkünstler und Fotograf Philip Kojo Metz (Berlin) mit seiner Installation „Der Stoff aus dem die Worte sind“ die Erinnerung an die deutsche Kolonialgeschichte wach. Denn auch die Firma Otto unterhielt Anfang des 20. Jahrhunderts im damaligen Deutsch-Ostafrika eine große Baumwollplantage, gegründet, um sich von der marktbeherrschenden amerikanischen Baumwolle unabhängig zu machen, aufgegeben 1915 wegen der britischen Seeblockade im Zuge des Ersten Weltkriegs. Dass die HOS-Gruppe in der Weiterentwicklung des Neckarspinnerei-Quartiers stets bemüht ist, die Historie nicht zu kurz kommen lassen, wurde auch bei den gut frequentierten Führungen anlässlich des Festivals etwa durch die Katakomben vom Spinnerei-Hochbau und Shedbau immer wieder deutlich. „Das öffentliche Interesse an der Neckarspinnerei und an unserem Vorhaben ist weiterhin hoch. Die Besucher waren gleichermaßen an Informationen über die Vergangenheit als auch betreff der weiteren Entwicklung des Areals interessiert“, freute sich Frank Reiner. Der kaufmännische Leiter bei der HOS ist ein versierter Kenner der Firmengeschichte und schleuste, ausgerüstet mit einem Megafon, beim Festival teils bis zu 150 Menschen gleichzeitig durch das Quartier – wohlwollend beobachtet vom alten Schlossermeister des Unternehmens.

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