Wendlinger Neckarspinnerei-Quartier Das gesamte Areal soll klimapositiv werden
Auf dem historischen Areal des Neckarspinnerei-Quartiers hat sich dieses Jahr einiges getan. Meilenstein war der Abschluss des städtebaulichen Wettbewerbs. Eine Bilanz.
Auf dem historischen Areal des Neckarspinnerei-Quartiers hat sich dieses Jahr einiges getan. Meilenstein war der Abschluss des städtebaulichen Wettbewerbs. Eine Bilanz.
Wie Intendant Andreas Hofer von der Internationalen Bauausstellung Stuttgart (IBA 2027) jüngst verlauten ließ, entwickelt sich das Wendlinger Neckarspinnerei-Quartier (NQ) zu einem Vorzeigeprojekt der IBA’27. „Hier bestätigen sich die IBA’27-Hypothesen der gemischten Quartiere, des Lernens von der Vergangenheit und der Qualitäten einer anderen – historisch erprobten – und vermutlich zukunftsfähigen Einheit von Natur, Wohnen und Arbeiten“, lobte der Planer den Transformationsprozess des historischen Industrieareals direkt am Neckar im Wendlinger Stadtteil Unterboihingen.
Auch dieses Jahr hat sich viel auf dem rund fünf Hektar großen Areal getan. „Allem voran natürlich der Abschluss des städtebaulichen Wettbewerbs im März“, bestätigt Geschäftsführer Andreas Decker von der Wendlinger HOS-Gruppe, in deren Eigentum sich das Quartier befindet. Der Siegerentwurf von Rustler Schriever Architekten (Berlin) überzeugte die internationale Jury mit seiner engen Verzahnung von Wohnen, Arbeiten und Produktion sowohl im historischen Bestand als auch bei den Neubauten.
Direkt im Anschluss ging es an die weitere Erschließungsplanung; der städtebauliche Masterplan wurde vom Wendlinger Stadtrat bereits im September angenommen und bildet die Grundlage für den Bebauungsplan.
„Der Bebauungsplan befindet sich aktuell in der Aufstellung. Wir hoffen, dass wir ihn noch vor Weihnachten im Gemeinderat einbringen können“, sagt Decker. Indes wurde auch untersucht, wie sich die Energieversorgung des Quartiers künftig gestalten kann. Gestartet mit dem Ziel, das Areal mindestens CO2-neutral zu bekommen, lassen sich die Ergebnisse noch besser an: „Wir werden es hinbekommen, dass das gesamte Areal klimapositiv wird“, kündigt der HOS-Geschäftsführer an. Dabei helfen etwa die historische Wasserkraftanlage, die seit den 1860er Jahren in Betrieb ist, sowie mehrere Photovoltaikanlagen, die auch auf den Dächern der denkmalgeschützten Gebäude montiert werden. „Hinsichtlich Denkmalschutz ist das heute kein großes Thema mehr“, sagt Decker.
Bevor es an die Neubauten geht, soll zunächst der historische Bestand weiterentwickelt werden. Nachdem im ehemaligen Baumwolllager bereits 2022 einige Start-ups eingezogen waren, öffnete im Herbst mit der Batene GmbH ein Ableger des renommierten Max-Planck-Instituts im benachbarten Batteurgebäude seine Tore.
Der Fokus liegt laut Decker aktuell auf der Weiterentwicklung des markanten Spinnerei-Hochbaus von 1860. Dort war seit dem Sommer mit der Artfactory 27 übergangsweise ein neuer Player am Start. Mit dem Kaleidoskop-Festival im Oktober sorgte Artfactory-Gründer Anthony Di Paola mit einem facettenreichen Angebot von Malerei über Musik bis hin zu einem Poetry-Slam für ein erstes Aufhorchen in der regionalen und überregionalen Kulturszene. Richtig losgehen wird es laut dem 28-jährigen Kunsttherapeuten im kommenden Frühjahr, wenn die neuen Räumlichkeiten in den ehemaligen Werkstätten neben der Spinnerei fertig sind. „Die Artfactory soll ein Ort für alle sein, die sich für Kreativität interessieren“, kündigt Di Paola an. Neben Kunstworkshops können das auch etwa Ausstellungen inklusive Konzerte sein.
„Wir wollen den Raum geben, um Ideen umzusetzen“, erklärt der gebürtige Saarländer, der sich pudelwohl in der Neckarspinnerei fühlt: „Die HOS ist sehr offen für neue Ideen und Konzepte.“ Di Paola hat auch bereits erste Kontakte mit dem Verein Leben inklusiv – die ehemalige Behinderten-Förderung Linsenhofen –, der einen Teil des Spinnerei-Hochbaus beziehen wird, geknüpft: „Da ergeben sich einige Symbiosen hinsichtlich Kunsttherapie. Das passt sehr gut.“
Weitere Gespräche in Sachen potenzielle Mieter für den Spinnerei-Hochbau sind am Laufen – so hat etwa der Kreisjugendring Esslingen, der derzeit am Wendlinger Bahnhof beheimatet ist, großes Interesse, ins NQ umzuziehen. „Es sieht ganz gut aus, dass das klappen wird“, sagt Decker.
Daneben gibt es bereits etliche Anfragen für private Veranstaltungen wie etwa Hochzeiten in den historischen Räumlichkeiten in dem Spinnerei-Hochbau. Dem schiebt Decker allerdings zunächst einen Riegel vor: „Das ist wegen der fehlenden Infrastruktur aktuell zu viel Aufwand für uns.“ Im Laufe des kommenden Jahres soll hier grundsätzlich nachjustiert werden, mit Beginn der eigentlichen Sanierungsarbeiten rechnet Decker aber nicht vor dem vierten Quartal 2024. Läuft alles nach Plan, könnte der Spinnerei-Hochbau, in dem auch Wohnraum entstehen soll, dann Ende 2025, Anfang 2026 bezogen werden.
Neubauten
Laut dem HOS-Geschäftsführer Andreas Decker sollen die geplanten Neubauten auf dem Areal ganz behutsam zusammen mit potenziellen Interessenten entwickelt werden: „Bis zum Ende der IBA’27 haben wir vielleicht ein oder zwei der Neubauten realisiert.“
HOS-Hauptsitz
Auch der Stammsitz der HOS-Gruppe, der sich derzeit ein paar Kilometer entfernt im Wendlinger Otto-Areal befindet, soll auf lange Sicht ins Neckarspinnerei-Quartier umziehen. „Mittelfristig wollen wir als Betreiber und Entwickler des Quartiers ebenfalls ins NQ“, bekräftigt Decker. Allerdings habe man keinen Zeitdruck: „Derzeit hat die Projektentwicklung für Dritte absolute Priorität.“