Jeder Jahrgang ist anders. Das ist eine alte Binsenweisheit im Weinbau. 2023 hatte sehr trocken begonnen, nun sieht es in den Weinbergen im Remstal aber nach einem guten Jahrgang aus. Wichtig ist jetzt, wie es mit dem Wetter weitergeht. Die Wettervorhersage vergangener Woche mit Gewitter und Hagel hatte den Weinmachern Bauchschmerzen bereitet, Hagel würde ihnen das zu erwartende gute Ergebnis im wahrsten Sinne des Wortes „verhageln“. Die Trauben sind schon sehr weit, die Färbung setzt bereits ein beziehungsweise ist schon weit fortgeschritten. „Der Regen Anfang August hat gutgetan, er war Gold wert“, sagt Moritz Haidle vom gleichnamigen Weingut in Stetten. Größere Wassermengen von oben brauche es jetzt eigentlich nicht mehr.
Der Spätburgunder steht sehr gut da
So sieht es auch Thomas Seibold, Vorstand der Fellbacher Weingärtner. Er war vergangene Woche damit beschäftigt, Trauben in den Premiumlagen auszuschneiden, um die Qualität noch zu steigern. „Der Spätburgunder steht superschön da, die Trauben sind schon sehr groß.“ Dabei war es „lang extrem trocken“. Da habe man Sorgen gehabt. Die scheinen jetzt verflogen. Auch beim Mehltau, der dieses Jahr wieder verstärkt aufgetaucht ist, zeigt er sich entspannt. „Wir haben wohl das Gröbste überstanden.“ Auch beim Thema Fruchtfliege erhöht sich der Pulsschlag von Seibold nicht. Die WG Fellbach betreibt seit Jahren ein betriebsinternes Monitoring. Mitglied Stephan Heid ist promovierter Chemiker und beobachtet mit Fallen in verschiedenen Weinbergen die Eiablage der gefürchteten Fliege. Dieses Jahr habe es bisher nur ein paar verdächtige Stellen gegeben.
Thomas Seibold rechnet, dass Mitte September mit der Lese begonnen wird. „Die Entwicklung der Trauben geht aktuell schnell voran“, es deute alles auf einen „guten Jahrgang“ hin. Mittlerweile hat die WGF auch Piwi-Reben gepflanzt, unter anderem am Kelterberg. Piwis sind pilzwiderstandsfähige Reben, sie müssen weniger gespritzt werden. Weitere Flächen sollen, so Seibold, hinzukommen. Eine in Richtung Rommelshausen gelegene, sei bereits genehmigt.
Für den Fellbacher Wengerter Johannes Bauerle ist 2023 ein besonderes Jahr. Im März 2013 hat er sein eigenes Weingut Johannes B. gegründet, ist damals „ins kalte Wasser gesprungen“ und hat im vergangenen Jahr „mit der Umstellung auf Bio begonnen“. Es sei ein relativ einfacher Einstieg in die Bio-Philosophie gewesen, sagt er. Es habe gut geklappt mit dem Spritzen – mit Schwefel und Backpulver war er bis jetzt 14-mal in seinen Weinbergen, die sich nicht in Fellbach, sondern am Schönbühl in Weinstadt, in Bad Cannstatt und im Mönchberg am Pragsattel in Stuttgart befinden. Der Betrieb ist in Schmiden.
Knapp zwölf Hektar bewirtschaftet Johannes Bauerle, am Schonbühl sind jüngst 5,5 Hektar dazugekommen. Begonnen habe er mit 80 Prozent Trollinger, jetzt seien es noch acht. Am Schönbühl, was ein reiner Südhang ist, hat er unter anderem Chardonnay, Riesling, Scheurebe und Muskattrollinger gepflanzt. Er liebt die Vielfalt, aber seine absolute Lieblingssorte ist und bleibt der Sauvignon Blanc, diese Rebstöcke stehen in Cannstatt. Auf den 2023er-Jahrgang ist er gespannt, weil es sein Jubiläumsjahr und das „zweite Jahr der Umstellung auf Bio“ ist.
„Es sieht gut aus“, sagt Bauerle und zählt aus dem Effeff die Charakteristika aller Jahrgänge seit Gründung des Weinguts auf. 2013 „war total verregnet, wie auch 2016.“ 2015 habe es „wenig Ertrag“ gegeben, 2017 Spätfröste. 2018 sei „hervorragend“ gewesen, auch im Jahr drauf habe es „gute Weine gegeben“. 2020 war für ihn persönlich „katastrophal“ – geprägt durch den plötzlichen Tod des Vaters und die erschwerten Bedingungen aufgrund von Corona. 2021 war „ganz gut“ und 2022 „ein guter Weißwein-Jahrgang“.
Routine gibt es als Wengerter nicht
Jeder Jahrgang sei halt anders, Routine gebe es in seinem Beruf nie, sagt Johannes Bauerle. Er habe Freude, mit der Natur zu arbeiten und wolle gut mit den Böden umgehen, „auch für meine beiden Söhne“, sagt er und gibt zu, stolz zu sein, dass die beiden – zwei und fünf Jahre alt – schon Traktoren unterscheiden können und die Arbeit des Vaters neugierig verfolgen. Johannes Bauerle hat in seinen ersten zehn Jahren als selbstständiger Weinmacher viele Erfahrungen gesammelt, positive und negative. So habe ihm einmal „Wein in der Flasche nachgegärt – da war nix mehr zu retten“.
Mittlerweile ist Johannes Bauerle wesentlich entspannter als noch 2013 und sich sicher, dass es eine gute Entscheidung war, ein Weingut zu gründen. Auch wenn es Knochenarbeit sei und immer ein gewisses Risiko mitschwinge. Mit dem Spritzen ist er für diesen Jahrgang durch, dennoch geht er jeden Tag in seine Weinberge. Die Mengen werden jetzt reduziert, das Blattwerk erst später. Mehltau bereitet ihm keine schlaflosen Nächte.
Haidle setzt auf Riesling und Trollinger
Auch Moritz Haidle nicht. „Irgendwann, vielleicht schon in zehn Jahren, gibt es ein Mittel gegen Mehltau“, ist er sich sicher. Er geht in seinem Weingut einen ganz geradlinigen Weg – bei den Rebsorten setzt er auf Riesling und Trollinger, und er ist überzeugt, dass sie ihm auch im Klimawandel interessante Weine liefern. „Reben sind anpassungsfähig.“ Die Reben in den alten Anlagen hegt und pflegt er, sie wurzeln tief und kommen mit Trockenheit besser zurecht als junge. Rausreißen und andere Sorten pflanzen, auf den höheren Ertrag schielen, das ist für ihn keine Option. „Jetzt wäre es gut, wenn nicht mehr zu viel Wasser kommt, sonst quetschen sich die Rispen ab, die Trauben sind schon recht groß“, sagt Haidle unaufgeregt: „Hagel wäre jetzt furchtbar, und regnen soll es dann erst wieder ausgiebig im November, dann macht’s mir nichts aus.“
Moritz Haidle wirkt tiefenentspannt. Er baut jede Parzelle getrennt aus, „der Charakter ist immer ein anderer und kommt so entsprechend zum Ausdruck“. Seine Weinberge liegen vornehmlich in Stetten und Schnait, „letztere sind von meiner Großmutter.“ 2022 hat er die Lese mit Lemberger begonnen, so könnte es dieses Jahr wieder sein. Moritz Haidle schätzt, dass die Lese in der zweiten Septemberwoche beginnt und bis Mitte Oktober dauern wird. Im Badischen hat die Lese für den Federweißer schon begonnen, so weit ist man im Remstal noch nicht.