Wengerter-Projekt Steillagenretterin als Hobby – Über die „Heldenschmiede“ zum eigenen Weinberg

Carina Lammich genießt den Ausblick auf die Neckarlandschaft. Die Bank hat sie wie auch die Weinstöcke von ihrem Vorgänger übernommen. Foto: Simon Granville

Carina Lammich hat sich für das Schulungsprogramm „Heldenschmiede“ angemeldet. Inzwischen bewirtschaftet sie selbst einen Weinberg – und will mithelfen, die Steillagen zu erhalten.

Volontäre: Julian Meier (mej)

Carina Lammich steigt die unebenen Stufen hinauf. Von ganz oben hat sie den besten Ausblick auf die darunterliegende Neckarlandschaft. Am liebsten würde sie auf der Spitze des Weinbergs eine Bank aufstellen, um mit Freunden im Sommer beim einen oder anderen Glas Wein den Blick auf den Fluss und die Steillagen zu genießen.

 

Doch diese Steillagen, die die Landschaft im Kreis Ludwigsburg prägen, sind gefährdet. Es fehlen die Wengerter, die Weingärtner, die sich um den Erhalt der Weinberge kümmern. Genau darum hat die Stadt Ludwigsburg in Kooperation mit den Weingärtnern Marbach das Schulungsprogramm „Heldenschmiede“ ins Leben gerufen. Um Menschen wie Lammich zu finden, die zu Steillagenrettern werden möchten.

Eigener Weinberg mit 650 Quadratmetern

„Ich unterstütze gerne das Ziel, dieses Kulturerbe zu retten. Mir blutet das Herz, wenn ich darüber nachdenke, dass davon in ein paar Jahren vielleicht nichts mehr übrig sein wird“, sagt die gebürtige Fränkin, die seit zehn Jahren in der Region lebt. „Wenn man hier wohnt, kommt man um die Weinberge nicht herum.“

Rund 6,5 Ar groß ist Carina Lammichs Weinberg – mit bestem Ausblick auf den Neckar. Foto: Simon Granville

Zur Heldenschmiede kam sie eher zufällig. Eines Tages sah sie die Anzeige, fand das Programm spannend und meldete sich an. Im vergangenen Jahr stand sie erstmals auf einem Weinberg. Mittlerweile bewirtschaftet sie selbst einen Weinberg in der Nähe der Schleuse Poppenweiler im Osten von Ludwigsburg. Rund 6,5 Ar groß ist der, was umgerechnet 650 Quadratmetern entspricht. Eine ordentliche Fläche, wenn auch kein Riesenweinberg.

Großvater hatte selbst einen Weinberg

Lammichs Großvater hatte einst selbst einen Weinberg und hat auch eigenen Wein hergestellt. Doch er verstarb, bevor Lammich selbst mithelfen konnte. In Kontakt mit dem Weinbau war sie deswegen zuvor nicht wirklich gekommen, das Thema spielte in ihrer Familie aber durchaus eine Rolle.

Dazu kam, dass Lammich sich nach einem Ausgleich zur Bildschirmarbeit sehnte. Im Sommer schloss die 32-Jährige ihr Masterstudium mit Schwerpunkt Unternehmensstrategie ab, nebenher hat sie Vollzeit gearbeitet. „Dein Kopf ist so leer, wenn du nicht mit den ganzen Reizen beladen wirst. Hier geht die Zeit so unglaublich schnell vorbei.“

Großer Zusammenhalt unter den Weingärtnern

Im vergangenen Jahr absolvierte Lammich die erste Klasse der Heldenschmiede. Dafür sind keine Vorkenntnisse erforderlich, es geht um die Grundlagen des Weinbaus. Im Jahr eins bearbeitet die Gruppe einen halben Hektar Steillage. Die zweite Klasse bestand in diesem Jahr darin, dass Lammich unter Aufsicht ihren eigenen Weinberg bewirtschaftete. Daneben gab es viele weitere Veranstaltungen, wie Stammtische oder gemeinsames Grillen.

Lammich ist oft allein auf ihrem Weinberg. Es passiert aber auch, dass benachbarte Weingärtner oder andere Teilnehmer der Heldenschmiede vorbeischauen. „Die Gemeinschaft ist das, was es ausmacht“, sagt sie. Und denkt dabei an ein Beispiel, das den Zusammenhalt zwischen den Wengertern wie aus dem Lehrbuch demonstriert.

Ein paar Tage im Monat kommt Carina Lammich zu ihrem Weinberg, um die anfallenden Arbeiten zu erledigen – manchmal allein, manchmal auch mit Freunden. Foto: Simon Granville

Als Lammich eines Tages zu ihrem Weinberg kam, um nach dem Rechten zu sehen, stellte sie mit Schrecken fest, dass ihre Weinreben von der Kirschessigfliege befallen waren. Dieser Schädling sorgt dafür, dass sich Essig auf den Trauben bildet. Der Wein wird damit ungenießbar.

Nachdem Lammich das gesehen hatte, setzte sie sofort einen Hilferuf in der Heldenschmiede-Gruppe ab. Zwei Stunden später standen bereits sechs Leute bei ihr auf dem Weinberg und halfen mit, die Weinlese vorzuziehen, um den Schaden in Grenzen zu halten. „Das hätte ich allein nicht hinbekommen.“

Zweifel von älteren Männern

Die 32-Jährige, die mittlerweile in Ludwigsburg wohnt, hat sich auch nicht von Kommentaren abhalten lassen, die sie am Anfang von älteren Männern bekommen hat, die ihr Vorhaben belächelt haben. Aber auch nur am Anfang: „Mittlerweile sagen sie nichts mehr.“ Zweifel kamen in ihr trotz dieser unschönen Bemerkungen nicht auf. „Man ist es als Frau gewohnt. Ich habe ein dickes Fell.“

Den Weinberg hat ihr die Stadt Ludwigsburg kostenlos überlassen – unter der Voraussetzung, dass sie sich darum kümmert. Jetzt in der Winterzeit gibt es nicht viel zu tun. Einzig die Weinreben müssen geschnitten und gebogen werden. Erst im Frühjahr geht es wieder richtig los.

Geringere Hürde für Interessenten

Klar, es bleibe Arbeit. Aber man müsse auch nicht jede Woche im Weinberg stehen, sagt Lammich. Und größtenteils könne man sich frei einteilen, wann man die Aufgaben erledige. „Und sind wir mal ehrlich: Wenn du am Ende 70 oder 80 Prozent von dem schaffst, was du dir vornimmst, sind es immer noch 70 bis 80 Prozent mehr, als wenn niemand etwas macht.“

Ob Lammich jetzt auch ohne die Heldenschmiede einen Weinberg hätte? „Nein, definitiv nicht“, antwortet sie wie aus der Pistole geschossen. Das fange schon damit an, dass sie gar nicht gewusst hätte, wie man einen Weinberg richtig bewirtschaftet. „Das hat die Hürde schon extrem gesenkt.“

Die Trauben zu Wein verarbeiten, das überlässt sie dann aber doch der Genossenschaft. Da würde sich der Aufwand in Anbetracht der Größe ihres Weinbergs nicht lohnen. „Ich kümmere mich um meinen Weinberg. Aber es ist ein Hobby für mich.“

Schulungsprogramm „Heldenschmiede“

Programm
Bei der „Heldenschmiede“ handelt es sich um ein Schulungsprogramm für interessierte Hobby-Weingärtner. Das Kooperationsprojekt der Stadt Ludwigsburg und der Weingärtner Marbach wurde 2022 ins Leben gerufen. Ziel ist es, die terrassierten Weinbergsteillagen als Kulturgut zu erhalten.

Anmeldung
Die Anmeldung für das kommende Jahr ist bereits möglich. Klasse 1 kostet 490 Euro, Klasse 2 150 Euro pro Person. Für Partner und Studierende gibt es eine Vergünstigung. Die Auftaktveranstaltung findet am 22. Januar bei den Weingärtnern Marbach statt.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Ludwigsburg