Wengerterhaus im Stuttgart Alle historischen Teile sind doch gerettet

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Der Besitzer wollte das Wengerterhaus in Stuttgart abreißen lassen. Doch der Denkmalschützer Peter Seydelmann hatte etwas dagegen – und hat das Gebäude nun heimlich gerettet. Er will es wieder aufstellen. Aber auf keinen Fall in Stuttgart.

An der Stelle des Wengerterhauses wird ein modernes Bürohaus entstehen. Foto: Zweygarth 9 Bilder
An der Stelle des Wengerterhauses wird ein modernes Bürohaus entstehen. Foto: Zweygarth

Stuttgart - Nichts schien das Wengerterhaus im Hospitalviertel mehr retten zu können, als am 10. Juli die Abrissbagger in der Firnhaberstraße 1 angerückt waren – die Denkmalbehörden hatten das mindestens 350 Jahre alte Gebäude nicht als erhaltenswert eingestuft, und zuletzt waren auch die Gespräche zwischen dem abrisswilligen Besitzer und dem Mäzen Peter Seydelmann, der das Haus erhalten wollte, gescheitert. Doch nun ist eine Wende eingetreten, die keiner mehr für möglich gehalten hätte: Wie erst jetzt bekannt wurde, ist das Gebäude gar nicht zerstört, sondern mit großer Sorgfalt zurückgebaut worden. Alle historischen Teile lagern nun säuberlich gekennzeichnet in einer Halle in Rot an der Rot im Oberschwäbischen.

Es war die dort angesiedelte Spezialfirma Jako Baudenkmalpflege, die auf das Haus aufmerksam geworden war und es vor dem Abriss retten wollte. Zur gleichen Zeit fanden Gespräche zwischen Jako und Peter Seydelmann statt. Letztlich wurden die Ziegel nicht in einen Container geworfen, sondern aufgestapelt; die Balken des Dachstuhls wurden abgetragen, alle Fenster hat man ausgebaut. Dann wurden die Wände und Decken jeweils im Ganzen verpackt und weggefahren. „Dieses Verfahren ist wirtschaftlich und schnell“, sagt Jako-Sprecherin Silke Schmidberger: „Wir haben es in den vergangenen Jahren selbst entwickelt.“ Der Besitzer war in den Vorgang zunächst nicht einbezogen.

Mäzen mit großem Faible für denkmalgeschützte Häuser

Rechtlich sei dieser Vorgang nicht zu beanstanden, betont Peter Seydelmann. Die Abrissfirma habe zwei Vorgaben gehabt: erstens das Haus zu beseitigen und zweitens, dies in einer bestimmten Frist zu tun – beides sei ordnungsgemäß erfolgt. Zudem gehe das Abbruchgut immer in den Besitz des ausführenden Unternehmens über. „Niemand hat einen Nachteil davon“, sagt Peter Seydelmann. Er hat die geborgenen Teile nun erworben und trägt auch die erhöhten Kosten für den Rückbau; über deren Höhe wollte er sich nicht äußern.

Peter Seydelmann ist der Erbe einer mittelständischen Maschinenfabrik in Stuttgart, und er pflegt eine teure Leidenschaft: Er kauft Häuser, die oft unter Denkmalschutz stehen, saniert sie und vermietet sie. Dem privaten Denkmalschützer gehört zum Beispiel ein Anwesen in Nussdorf und das Katharinenschlössle bei Backnang-Strümpfelbach. Dass er dabei immer mal wieder eigene Wege geht, hat Seydelmann beim Katharinenschlössle gezeigt: Er wollte dort einen parkähnlichen Wald mit 1000 Bäumen anlegen lassen, musste aber seiner Meinung nach zu lange auf die Bewilligung der Behörden warten – also fing er einfach an. Das Landratsamt hat die Genehmigung später doch noch erteilt.

Auch beim Haus in der Firnhaberstraße war Seydelmann gleich überzeugt gewesen, dass sich die Erhaltung lohnt: „Dass ein solches Haus abgerissen werden soll, das geht einfach nicht“, sagt Seydelmann jetzt. Zwar ließ der schmutzige Putz das Gebäude ziemlich verwahrlost aussehen, aber nach der Abtragung sieht sich Seydelmann in seiner Position bestätigt. Es habe sich herausgestellt, dass sehr viele Balken im Haus aus Eichenholz seien: Das sei damals äußerst teuer gewesen und selten verwendet worden. Das Haus besitze also eine äußerst wertvolle Substanz. Zwei Außenwände waren nicht original und wurden deshalb nicht geborgen. Es sei aber normal, dass bei einem so alten Haus ein gewisser Substanzverlust vorhanden sei – beim das Wengerterhaus sei er eher gering.

Haus ist vielleicht sogar schon um 1450 erbaut worden

Der Mäzen will auch eine dendrochronologische Untersuchung (Datierungsmethode der Archäologie) in Auftrag geben, um herauszufinden, wann das Haus tatsächlich gebaut worden ist. Der Historiker Harald Schukraft hatte immer 1650 als spätesten Zeitpunkt genannt, weil danach die typischen Vorkragungen der Etagen an der Fassade nicht mehr üblich waren.

Peter Seydelmann bringt nun sogar das Ende des 15. Jahrhunderts ins Spiel: Darauf deute neben speziellen Holzverbindungen hin, dass das Fachwerk fast auf Straßenniveau beginne. Harald Schukraft bestätigt auf Nachfrage, dass es im späten 15. Jahrhundert eine Verordnung Eberhards im Barte gegeben habe, nach der das Erdgeschoss in Stein gebaut werden sollte – so konnte weniger Feuchtigkeit in die Balken eindringen. Auch der rote Sandstein im Keller deute auf diese Zeit hin, so Schukraft.

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