Gerlingen - Endlich geht es aufwärts, denkt Anita Märtin, als sie ihre Mutter Ingeborg Anfang Januar im Pflegeheim besucht. Die 94-Jährige ist wenige Tage zuvor gegen das Coronavirus geimpft worden. So sitzen sie sich an diesem Sonntag gut gelaunt und hoffnungsvoll im leeren Café des Pflegeheims auf Abstand und mit Maske gegenüber. Ingeborg Märtin ist an dem Sonntag geistig ungewöhnlich wach. Sie macht sogar einen Scherz, ob sie nicht etwas trinken wollen – dabei stehen da nur Flaschen mit Olivenöl. Und sie stellt eine Frage: Ob sie endlich aufgehört habe zu arbeiten, will sie von ihrer ältesten Tochter wissen. Ja, sie habe eine Nachfolgerin für ihr Bestattungsunternehmen gefunden, erzählt Anita Märtin. Da strahlt die Seniorin, und Anita Märtin hätte sie so gerne umarmt. Die letzte Berührung liegt so viele Monate zurück.
Die Hoffnung währte nur kurz. Viele Wochen sind vergangen seit dem Besuch im Pflegeheim am 3. Januar, dem Tag, als Anita Märtin ihre Mutter zum letzten Mal im wachen Zustand erlebte. Vor wenigen Wochen im März hat sie das Grab bepflanzt mit Sternmoos, bunten Tulpen, leuchtenden Narzissen. Die Trauer lässt die 72-jährige Gerlingerin, die jünger aussieht, sich aber momentan „wie 105“ fühlt, nicht los. Auch, weil die letzten Lebenstage ihrer Mutter so „unsagbar einsam“ waren.
Warum lasst ihr mich so lange alleine?“
Mit einem Kreislaufkollaps ist Ingeborg Märtin am 14. Januar ins nächstgelegene Krankenhaus in Ludwigshafen gekommen. Der obligatorische Coronatest war positiv, die Impfung war zu spät gekommen, um noch eine Schutzwirkung entfalten zu können. Der behandelnde Arzt in der Klinik machte sofort klar, dass seine Patientin den zweiten Impftermin nicht mehr würde wahrnehmen können. Dafür ging es ihr zu schlecht. Schlecht genug, dass Anita Märtin und ihre Geschwister zur Mutter gedurft hätten, ging es ihr jedoch noch nicht. Erst in der Sterbephase ist auf der Coronastation Besuch erlaubt. „Meine Mutter musste die ihr noch bewusste und somit schlimmste Leidensphase ganz alleine durchstehen“, klagt Anita Märtin mitgenommen.
Immer wieder rief die Gerlingerin die Telefonnummer am Krankenbett ihrer Mutter an, vergeblich. Der Apparat war gestört. Sie fühlte sich unsagbar hilflos und ausgesperrt. Es setzte ihr zu, dass sie ihrer Mutter „keinen Mut zusprechen“ konnte. Erst nach zehn Tagen war das Problem behoben, eine Schwester hielt den Hörer ans Ohr der todkranken Frau. „Sigrid“, sprach ihre Mutter sie mit ihrem ersten Vornamen an, den sonst keiner verwendet. „Wo bin ich hier bloß?“ Sie sei im Krankenhaus, antwortete die Tochter. „Warum lasst ihr mich so lange alleine?“, klagte Ingeborg Märtin. Ihr gehe es sehr schlecht. „Ich warte auf dich.“ Es sind die letzten Worte, die Anita Märtin von ihrer Mutter hören sollte. Sie hat sie im Anschluss niedergeschrieben.
Als der Besuch endlich möglich ist, kann die Mutter nicht mehr sprechen
Am nächsten Tag durfte die Tochter zum ersten Mal in die Klinik. Der versprochene Besuchsschein an der Pforte habe gefehlt – ein Problem, das sie in den nächsten Tagen immer wieder bewältigen musste. Zwei Stunden habe sie gewartet, dann konnte sie „wie ein Marsmensch in Schutzkleidung vermummt“ ans Bett ihrer Mutter.
Ingeborg Märtin war da nicht mehr in der Lage zu sprechen. Ihre Tochter glaubt nicht, dass sie sie noch erkannt hat. Die Mutter trug eine Sauerstoffmaske, rang nach Atem. Mit einem Schwämmchen habe sie versucht, die Lippen und den Mund zu befeuchten, erzählt Anita Märtin. Vorsichtig kämmte sie das nun silberne Haar. Sie hoffte auf eine Reaktion, aber die blieb aus.
Eine bedrückende Atmosphäre
Die Atmosphäre auf der Station hat Anita Märtin als bedrückend erlebt. „Alle Türen sind zu, es ist mucksmäuschenstill im langen Flur“, hat sie in einem Bericht notiert, den sie über den Tod ihrer Mutter verfasst hat. Wenn eine Pflegekraft zur Kontrolle ins Zimmer kam, um den Tropf auszutauschen, Fieber zu messen, die Sauerstoffmaske zurechtzurücken, habe das „maximal drei Minuten“ gedauert. Sie habe selbst Alarm schlagen müssen, weil ihre Mutter von Krämpfen geplagt worden sei. Erst dann erhielt sie Morphium. Zwei Tage später, am 28. Januar, Stunden nach dem letztem Besuch, starb Ingeborg Märtin spät abends. Ihre jüngere Tochter hatte es zuvor noch in die Klinik geschafft, um sich zu verabschieden, der Sohn und Bruder, der in Rostock lebt, nicht mehr.
„Meine Mutti war meine letzte Tote“, sagt Anita Märtin. Einmal noch ist sie an ihre alte Wirkungsstätte, ihr ehemaliges Bestattungsunternehmen, zurückgekehrt. In Schutzkleidung, um das zu tun, was sie schon so oft in ihrem Leben getan hat und was nun ganz anders war. Sie hat ihre Mutter gewaschen und fein angekleidet. Auch zu Lebzeiten war Ingeborg Märtin stets schick angezogen. Fotos ihrer Kinder hat die Tochter dazugelegt, das Lieblingskäppi, einen Lippenstift und den Geldbeutel. „Wie eine vornehme Königin“ habe ihre Mutter im Sarg gelegen, um sich einen Kranz aus Rosen. Aber, und das hat die Tochter irritiert – sie habe nicht ausgesehen wie ihre Mutti. Es gelang ihr nicht, das für diese typische Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Anita Märtin glaubt, das hängt damit zusammen, wie sie gestorben ist. Am 6. Februar erschien die Traueranzeige in der Zeitung. An dem Tag wäre Ingeborg Märtin 95 Jahre alt geworden.
Im Alter von 88 Jahren noch Tango getanzt
Ihre Mutter sei sehr freiheitsliebend gewesen, erzählt Anita Märtin – zumindest seit sie sich im Alter von 52 Jahren scheiden ließ. Als 88-Jährige tanzte sie noch mit ihrem Lebensgefährten Tango. Er war 14 Jahre jünger als sie, starb aber vor ihr. Erst als 90-Jährige kam sie ins Pflegeheim. Die Trauerfeier hätte ihr gefallen, glaubt Anita Märtin. Weil alle Restaurants zu waren, Busse aber fahren durften, mietete die Familie einen Bistrobus. Damit fuhren sie durch die Westpfalz – „sie war in Gedanken dabei“.