Weniger Arbeit, gleiche Leistung? „Man sollte sich nicht vorwerfen, zu wenig geleistet zu haben“

Wir sollten uns öfter mal zurücknehmen, bevor es uns Körper und Geist übel nehmen, sagt Dudzinski. Foto: /Mina Esfandiari

Martha Dudzinski hat Long Covid. Sie musste lernen, ihre Arbeit mit weniger Energie und Zeit zu bewältigen. Sie meint, wir alle könnten uns ein Vorbild daran nehmen.

Psychologie/Partnerschaft: Florian Gann (fga)

Martha Dudzinski war Journalistin, Referentin im Bundespresseamt und Pressesprecherin bei Mercedes-Benz Deutschland. Kurz nachdem die gebürtige Friedrichshafenerin aus diesem Job ausstieg und sich auf eine neue Aufgabe konzentrieren wollte, löste eine Corona-Erkrankung Long Covid bei ihr aus. Sie hatte weniger Energie und die musste sie sich nun anders einteilen. Hier spricht sie darüber, wie man mit weniger Arbeit gleich viel schaffen kann. Und warum weniger Arbeit für viele ein erstrebenswertes Ziel sein sollte.

 

Martha Dudzinski, dass Sie heute 60 Prozent arbeiten, war keine freiwillige Entscheidung. Wie gehen Sie Ihren Arbeitstag an?

Ich habe als Faustregel: Es gehen maximal zwei Stunden am Stück vor dem Rechner oder mit Aufgaben, bei denen ich mich konzentrieren muss. Danach brauche ich eine Pause. Das schaffe zwei bis drei Mal pro Tag. Leider trifft das ebenso auf die Freizeit zu. Auch Sachen, dir mir Spaß machen, kosten Kraft.

Sie sagen, dass man in dieser Zeit genauso effektiv sein kann, wie wenn man Vollzeit arbeitet. Wie kann das funktionieren?

Ich habe mir etwas zurechtgelegt, was Marthas Magenkrampf-Matrix heißt. Diese hat vier Kategorien. In die erste kommt alles, was leicht und schnell geht. Meistens sind das E-Mails, die man schnell abarbeiten kann. Die zweite Kategorie sind Sachen, die ich gerne mache, die dürfen dann auch etwas anstrengender sein. Bei mir hat das meistens mit dem Schreiben und Redigieren von Texten zu tun. Diese Aufgaben erledige ich zuerst. So spare ich Kraft und bekomme das Gefühl, schnell viel abgehakt zu haben.

Was sind die anderen beiden Kategorien?

Die dritte Kategorie sind Sachen, von denen ich weiß, dass ich mich reinfuchsen muss und dass sie mich komplett aussaugen werden. Das sind meist Dinge, bei denen ich weiß: Wenn ich hier unaufmerksam bin, hat das Konsequenzen, Förderanträge oder Budgetplanung etwa. Und die vierte und schwierigste Kategorie sind die Aufgaben, die Bauchweh auslösen. Die verschiebe ich gezielt, weil sie mich gerade zu viel Energie kosten würden. Diese Dinge erledigen sich am besten, wenn kleineren und leichteren Aufgaben aus dem Weg geräumt sind.

Können so nicht Aufgaben liegen und vielleicht an anderen hängen bleiben?

Wir müssen uns klarmachen, dass Zeit immer ein Nullsummenspiel ist. Für alles, wofür wir Zeit ausgeben, wird irgendetwas anderes hinten runterfallen. Wir müssen jedes Mal überlegen, was das ist. Man kann sich auch immer die Frage stellen: Wie tragisch wäre es wirklich, wenn ich das jetzt nicht mache? Bei den meisten von uns wird dadurch niemand sterben – anders ist das zum Beispiel bei medizinischen Berufen.

Wie kann das in diesen Jobs, also in der Pflege, aber auch im Handwerk, funktionieren?

Ich glaube, meine Grundidee trifft auch auf diese Bereiche zu. Wir haben ja gerade in der Pflege hohe Raten von Leuten, die wegen Burn-out ausfallen oder wegen Überlastung kündigen. Oft macht man aus Pflichtgefühl gegenüber den Patientinnen oder Kollegen weiter, weil man sie nicht im Stich lassen will. Aber ich stehe eigentlich vor der Wahl, die Leute jetzt ein bisschen im Stich zu lassen oder später komplett auszufallen. Chefinnen und Chefs sollten das auch zu einem gewissen Grad vorleben. Ich ermutige Leute auch, sich krank zu melden, wenn es ihnen schlecht geht.

Was würden Sie Chefinnen und Chefs noch mitgeben?

Der wichtigste Rat ist, empathisch zu sein und davon auszugehen: Die Leute möchten was beitragen, aber wenn es nicht so schnell geht, wie man sich das selbst vorstellt, sollte man eine gute Absicht unterstellen und bei den Aufgaben unterstützen.

Viele Menschen wollen von sich aus viel leisten. Wie kann man sich selbst etwas einbremsen?

Ich glaube, das wichtigste ist, sich selbst nicht vorzuwerfen, noch nicht genug geleistet zu haben. Es ist auch nicht so, dass man das einmal beschließt und dann läuft das. Es sind tausend kleine Entscheidungen, die man tagtäglich jedes mal aufs Neue treffen muss.

Karriere mit Long Covid

Karriere
Martha Dudzinski wuchs in Friedrichshafen auf und studierte in München und Edinburgh. Sie arbeitete als Journalistin, war Referentin im Bundespresseamt und von 2019 bis 2021 Pressesprecherin von Mercedes Benz Deutschland.

Initiative
Seit 2021 ist Dudzinski Geschäftsführerin der Swans Initiative, die unter anderem Studentinnen und junge Berufstätige mit Migrationsgeschichte vernetzt. Im April erschien ihr Buch „Konsequent 60 Prozent – wie du mit weniger Arbeit mehr schaffst“. Sie lebt heute in Berlin.

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