Trotz häufiger Leerung sind viele Altkleidercontainer übervoll. Foto: Faltin
Die Sammler standen schon länger mit dem Rücken zur Wand, jetzt versetzt ihnen eine falsch verstandene EU-Richtlinie den womöglich letzten Stoß. Immer mehr Container werden abgebaut.
Anton Vaas, der Geschäftsführer der karitativen Organisation „Aktion Hoffnung“, ist gerade dabei, selbst alle Hoffnung fahren zu lassen: „Der Markt ist am Zusammenbrechen, wir halten nicht mehr lange durch.“ Rund 1400 Altkleidercontainer hat das katholische Sozialunternehmen im Bereich der Diözese Rottenburg-Stuttgart aufgestellt, derzeit zieht Vaas immer mehr ab, weil sie mehr kosten als nutzen.
Warum steckt die Branche in der Krise?
Vor allem der Trend zur sogenannten Fast Fashion mit hohen Anteilen an künstlichen Fasern und insgesamt minderwertiger Qualität führt seit gut zehn Jahren dazu, dass immer weniger Textilien wiederverwendet werden können. Chinesische Billigimportware von Temu und Shein verstärkt das Problem der Wegwerfmode. Eine EU-Richtlinie, die eigentlich die Recyclingquote erhöhen und den Sammlern nutzen sollte, scheint das genaue Gegenteil zu bewirken: Seit Jahresanfang schreibt die EU vor, dass Alttextilien getrennt gesammelt werden müssen und nicht mehr in den Restmüll gehören. Die Regelung richtet sich vor allem an die kommunalen Entsorger wie die AWS in Stuttgart, doch Verbraucherzentralen und Medien machten daraus teilweise die Botschaft, dass auch die Bürger nichts mehr in den Restmüll werfen sollen. Verdreckte oder zerschlissene Kleidung gehört aber weiterhin dort hin.
Was sind die Folgen für den Bürger?
Doch seither sind viele Container übervoll, davor stapeln sich die Säcke, obwohl häufiger als früher geleert werde, wie Udo Freudling sagt. Er ist der Betriebsleiter der Firma Terec in Renchen bei Offenburg: „Die Menge hat stark zugenommen und vor allem auch der Anteil der kaputten und verdreckten Kleider.“ Terec sammelt, trennt und verwertet die Ware aus 1800 Containern entlang des Rheins, oft im Auftrag karitativer Organisationen. Diese erhalten also Geld für die Sammlung, alles Weitere übernimmt Terec.
Bis vor kurzem wurden mehr als 60 Prozent der Kleider als Secondhand-Ware weiter genutzt. Der Müllanteil, der nur noch verbrannt werden konnte, lag bei fünf Prozent. Ein Teil konnte zumindest zu Putzlappen oder Malervliesen verarbeitet werden. Jetzt ist der Anteil guter Kleider auf die Hälfte gesunken, während die Kosten für die Entsorgung steigen. „Mit nicht mehr tragbaren Kleidern konnte man noch nie Geld verdienen“, betont Anton Vaas, „jetzt ist das Verhältnis gekippt.“
Wohin gehen die Secondhand-Kleider?
Was die Lage noch verschärft, ist das Wegbrechen der Absatzmärkte. Bisher wurde die Secondhand-Ware zu kleinen Anteilen in Kleiderkammern von karitativen Einrichtungen wie der Caritas oder dem DRK angeboten, ein großer Teil wurde aber in die Ukraine oder nach Afrika weiterverkauft. Durch den Krieg und weil Temu auch nach Afrika liefert, sind dort die Kleider nicht mehr so gefragt. Auch die Transport- und Personalkosten seien stark gestiegen, meint Udo Freudling. Längst wurde das aufwendige Sortieren ins Ausland verlagert. Terec lässt das mittlerweile vorwiegend in Ländern wie Litauen oder Italien machen.
Nun ziehen viele Sammler und Verwerter, egal ob karitativ oder gewerblich, die Reißleine. Das DRK im Rems-Murr-Kreis hat viele seiner Container abgezogen. Auch Terec prüft jeden Standort. Die Aktion Hoffnung hat ihre Frühjahrssammlung abgeblasen. Und der große Sortierer Soex in Bitterfeld mit 230 Mitarbeitern musste letztes Jahr Konkurs anmelden. 20 bis 30 Prozent der gewerblichen und karitativen Container seien in Deutschland in den letzten sechs Monaten verschwunden, rechnet Anton Vaas vor. Das Sammelsystem in Deutschland sei einmal vorbildhaft gewesen, rund 70 Prozent der jährlich etwa eine Million Tonnen an Altkleidern seien eingesammelt und verwertet oder recycelt worden. Jetzt kollabiere das System.
Löst die Politik die Probleme?
Manche EU-Staaten, wie Frankreich oder Schweden, haben bereits eine sogenannte „Erweiterte Herstellerverantwortung“ eingeführt. Vom Preis eines jeden Kleidungsstücks müssen die Modefirmen einen kleinen Betrag in eine Organisation weiterleiten, die das Sammel- und Verwertungssystem fördert. In Frankreich, sagt der Sprecher des Umweltministeriums, Steffen Becker, gebe es für die Hersteller zudem finanzielle Anreize, damit sie gleich nachhaltigere Kleider produzieren.
Nur noch rund die Hälfte der gesammelten Kleider kann noch getragen werden – bis vor kurzem waren es noch rund zwei Drittel. Foto: dpa
Auch in Deutschland soll eine solche Haftung kommen, allerdings frühestens in zwei oder drei Jahre. „So lange halten wir nicht mehr durch“, sagt Anton Vaas. Er fordert eine Übergangslösung: Die Kommunen oder die Abfallentsorger sollen die etablierten Sammelunternehmen finanziell unterstützen. Denn womöglich stünden die Entsorger sonst selbst in der Pflicht, ein System aufzubauen, meint Vaas, und das käme teurer.
Im Moment verhallt die Forderung aber noch weitgehend, bisher zahle eine Kommune bei der „Aktion Hoffnung“ erst für einen einzigen der 1400 Container einen Obulus – das gute Stück steht im Recyclinghof der Stadt Metzingen. Manche Kommunen wären nicht einmal bereit, ihre Stellplatzgebühren zu erlassen, wie etwa Reutlingen. Ihre Standorte dort hat die „Aktion Hoffnung“ deshalb zum Jahresende gekündigt. Der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) als bundesweiter Vertreter der Abfallentsorger hat zumindest angekündigt, den karitativen Sammlern zeitweise unter die Arme zu greifen. Vizepräsident Uwe Feige: „Wer Kleidung in Umlauf bringt, muss auch Verantwortung für deren Entsorgung übernehmen. Bis es soweit ist, müssen wir in der Übergangszeit auch auf Mittel aus dem Gebührentopf zurückgreifen.“
Warum wird so wenig recycelt?
Am nachhaltigsten wäre es, Kleidung gleich so herzustellen, dass sie lange tragbar und gut recycelbar ist. Die Fasern der Fast Fashion sind meist so schlecht, dass sie gar nicht wiederverwertet werden können. Oft besteht Hemden oder Hosen auch aus mehreren Stofftypen, die sich nicht trennen lassen. Und selbst wenn sich die Fasern nutzen ließen, ist der recycelte Stoff meist teurer als neue Baumwolle oder neuer Polyester. Der Textilforscher Kai Nebel von der Hochschule Reutlingen sagt, „Recycling für die Textilproduktion steckt deshalb noch in den Kinderschuhen.“
Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) will die Beträge der Hersteller auch zur Weiterentwicklung eines wirklichen Faser-zu-Faser-Recycling nutzen: „Der Aufbau einer echten Kreislaufwirtschaft bei Textilien ist unabdingbar.“ Daneben müsse die Bundesregierung dafür sorgen, dass Billiganbieter aus China dieselben strengen Umwelt- und Sozialstandards einhalten wie inländische Produkte.
Eine Maßnahme zumindest kann jede und jeder sofort umsetzen: minderwertige oder kaputte Kleider wieder zuhause im Restmüll entsorgen. Womöglich sichert das den Sammelunternehmen das Überleben.