Weniger Fracht bei der Bahn 500 000 Lkw mehr auf den Straßen?

Auf der Schiene sind immer weniger Frachtzüge unterwegs – mit gravierenden Folgen. Foto: imago images/Arnulf Hettrich

In einem Brandbrief an die Regierung schlagen Anbieter im Kombiverkehr Alarm: Die Transporte auf der Schiene gehen zurück – mit Folgen für Wirtschaft, Klima und Bürger.

Korrespondenten: Thomas Wüpper (wüp)

„Rettet den Kombinierten Verkehr!“ Mit diesem Appell haben führende Anbieter den Brandbrief überschrieben, der bei Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) und Evelyn Palla, der neuen Chefin der Deutsche Bahn AG, nun auf dem Tisch liegt. Die Logistiker warnen vor einem drastischen Rückgang der Frachttransporte auf der Schiene und der umweltschädlichen Rückverlagerung auf die Straße in großem Ausmaß.

 

In den kommenden Jahre drohten allein Richtung Schweiz und Österreich auf den Korridoren durch die Alpen rund 500 000 Lkw-Fahrten zusätzlich, warnt die Branche. Das führe zu „mehr Emissionen, mehr Staus und höherem Unfallrisiko“. Auf der Rheintalachse ging demnach der Kombiverkehr in den vergangenen Jahren bereits um 7,6 Prozent zurück, während der Straßengüterverkehr um 7,2 Prozent zunahm. Allein das entspreche 86 000 zusätzlichen Lkw-Fahrten.

Schleichender Verfall der Infrastruktur

Mit Wachstumsraten von drei bis sieben Prozent habe der Kombiverkehr über viele Jahre den Gütertransport auf der Schiene nach vorne gebracht, heißt es in dem Offenen Brief der Verbände und Unternehmen. Dabei liefern Lkw die Container zu Umschlag-Bahnhöfen, um Fracht über längere Strecken auf der Schiene zu befördern. Nach Jahren des schleichenden Verfalls der Bahninfrastruktur sei jedoch „die Performance des Güterverkehrs miserabel, die Zuverlässigkeit im Keller, die Produktionskosten explodieren durch Zugausfälle, Umleitungen und Verspätungen“.

Zu den bereits vielen Baustellen, Störungen und Engpässen kämen künftig die 40 Korridorsanierungen hinzu, mit denen der DB-Konzern bis 2036 wichtige Strecken modernisieren und jeweils sechs Monate komplett sperren will. Die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Umleitungen sei „ungewiss“, kritisieren die Logistiker: „Erfahrungen aus bisherigen Bauphasen zeigen, dass mit Einschränkungen wie kürzeren Zügen, güterverkehrsuntauglichen Streckenprofilen oder deutlich längeren Laufwegen zu rechnen ist.“ Die Branche erwartet, dass wegen der Sanierungen und Sperrungen die Kapazität des Schienengüterverkehrs zeitweise um 20 bis 30 Prozent schrumpft.

Das alles gefährde die Wettbewerbsfähigkeit der Schienentransporte weiter und führe zu Zugausfällen und Verkehrsverlagerungen auf die Straße, warnen die Unternehmen. Unterzeichnet haben den Brandbrief Dirk Stahl, Präsident der European Rail Freight Association, sowie die Geschäftsführer von Fermeci, Hupac, Kombiverkehr, SGKV, TX Logistik und der Union International Rail Road. Die Logistiker fordern von der Bundesregierung dringend Hilfen und werfen der Verkehrspolitik vor, die Gleichgültigkeit gegenüber dem Kombiverkehr sei besorgniserregend, es gehe um die Lebensader und Versorgungssicherheit der deutschen Industrie.

Sechs Maßnahmen gefordert

Die Branche fordert sechs Maßnahmen. Erstens dürften die Trassenpreise nicht noch weiter steigen, 2026 müsse es eine Nullrunde geben. Seit 2023 habe sich die Nutzung der Infrastruktur bereits um knapp ein Fünftel verteuert, nächstes Jahr seien Erhöhungen von 25 bis 35 Prozent zu befürchten. Dagegen blieben die Kosten auf der Straße stabil: „Kein Wunder, dass selbst langjährige Kunden dem Kombiverkehr den Rücken kehren.“

Zudem verlangen die Logistiker, dass bei Baustellen mindestens 90 Prozent der bisherigen Kapazität garantiert werden sowie Umleitungen ertüchtigt werden, damit sie leistungsfähig wie Hauptachsen werden. Zudem sollte bei Trassenvergaben und Engpässen beachtet werden, dass Transporte auf der Schiene gehalten werden. Stornierungsentgelte sollten ausgesetzt werden, bis die Netzqualität wieder akzeptabel geworden ist. Wenn Korridore gesperrt und angebotene Ersatzstrecken „minderwertig“ seien, sollte es zudem eine „Betriebserschwerniszulage“ geben.

Weitere Themen