Menschen mit einer Form von Essstörung erhalten Hilfe bei der Anlaufstelle ABAS. Dort gibt es verschiedene Kurse. Einer davon: „Achtsam Essen“. Foto: Imago/HalfPoint Images
In der Stuttgarter Anlaufstelle Abas finden Menschen wie die 20-jährige Ronja Hilfe bei Essstörungen. Trotz hoher Nachfrage könnten Angebote nun wegfallen, weil die Stadt sparen muss.
Ronja liegt auf einer Matte, die Augen geschlossen. Sie spürt in ihr rechtes Bein hinein: Kribbelt es? Fühlt es sich schwer oder leicht an? Gedanklich wandert sie so durch ihren ganzen Körper – von den Zehen bis zu den Ohren. Bodyscan heißt diese Achtsamkeitsübung, die Teil des Kurses „Achtsam Essen“ der Anlaufstelle für Menschen mit Essstörung (Abas) in Stuttgart ist. Was simpel klingt, kann für viele enorm herausfordernd sein – besonders für Menschen mit einer Essstörung.
Laut Angaben der AOK Baden-Württemberg hat die Zahl ihrer von Essstörungen betroffenen Versicherten in Stuttgart in den letzten drei Jahren stetig zugenommen. Von 752 Fällen im Jahr 2021 stieg sie bis 2024 auf insgesamt 791 Betroffene in Stuttgart an – der Großteil davon weiblich. Die meisten Betroffenen sind zwischen 20 und 44 Jahren alt. Die Zahl der Betroffenen in der Landeshauptstadt dürfte noch weitaus höher liegen: Andere Krankenkassen sind nicht mitgezählt, dazu kommt eine hohe Dunkelziffer von nicht gemeldeten Fällen.
Die Abas ist eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene mit Anorexie, Bulimie oder Binge-Eating-Störung. Sie bietet Beratung, fachliche Einschätzungen und Gruppenangebote für Betroffene, Angehörige und ihr Umfeld an.
Einige Angebote stehen nun allerdings auf der Kippe: Weil die Stadt im Doppelhaushalt 2026/27 sparen muss, will das Amt für Soziales 19.000 Euro weniger pro Jahr an Abas ausbezahlen. Daher könnten manche bisherigen Angebote wegfallen – dabei gibt es davon ohnehin nicht genug in Stuttgart, sagen Betroffene wie Ronja, deren Namen wir auf Wunsch geändert haben.
Bereits jetzt müssten Betroffene laut der Liga der Wohlfahrtspflege Stuttgart bis zu sieben Wochen auf eine erste Beratung warten. Dies geschehe, obwohl die Zahl junger Menschen mit psychischen Belastungen nach Angaben der Liga weiter dramatisch steige. Durch die Kürzungen könne sich die Wartezeit noch verlängern – aus Sicht der Liga untragbar.
Hilfe für Betroffene außerhalb von Kliniken ist rar – aber sehr gefragt
Ronja begann vor fünf Jahren eine Therapie, um ihre Anorexie in den Griff zu bekommen. Doch das reichte ihr nicht. „Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass es mir einfach nicht reicht. Ich brauchte einfach mehr Unterstützung“, sagt sie heute. Die Essstörung ohne Klinikaufenthalt zu überwinden, das war ihr Wunsch. So sei sie auf die Abas gekommen.
Die Anlaufstelle ist eine von wenigen Einrichtungen, die ambulante Hilfe außerhalb von Kliniken anbietet. Die Nachfrage nach Hilfsangeboten wachse ständig, täglich kämen neue Anfragen rein, Wartezeiten seien die Regel erklärt Ramona Mosig, Leiterin des Kurses. Ronja ergänzt: „Es gibt echt sehr, sehr wenig Anlaufstellen. Und die Gruppen waren dann auch immer sehr schnell ausgebucht.“
Die offene Sprechstunde für Menschen mit Essstörung ist donnerstags von 15-16.30 Uhr. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Besonders der Kurs „Achtsam Essen“ habe der 20-Jährigen geholfen, Fortschritte in Richtung Heilung zu machen. Der Kurs vermittelt durch geführte Meditationen, Wahrnehmungsübungen und Gruppengespräche eine achtsame Verbindung zu sich und zum Essen. Ramona Mosig erklärt, es gehe darum, den Körper wieder bewusst wahrzunehmen: Welche Bedürfnisse habe ich? Was sagt mein Bauchgefühl?
Viele Betroffene hätten den Kontakt zu Hunger-, Sättigungs- oder Stresssignalen verloren. „Achtsam Essen“ soll ihnen helfen, diese Signale wiederzuerkennen – und ihnen und sich selbst zu vertrauen.
Wie Rosinen wirken
Eine weitere zentrale Übung ist die Rosinen-Meditation. Die Teilnehmenden erkunden eine einzige Rosine mit allen Sinnen: Sie fühlen die runzelige Oberfläche, nehmen den süßen Duft wahr, betrachten die Farbe – bevor sie die Rosine langsam essen. So soll ein Gespür dafür entstehen, ob man satt oder weiterhin hungrig ist.
Ramona Mosig leitet den „Achtsam Essen“-Kurs. Mit dabei sind Menschen mit den unterschiedlichsten Arten einer Essstörung. Hier ist sie mit Ronja im Gespräch. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Emotionen seien dabei eng mit dem Essverhalten verknüpft. Ramona Mosig berichtet, dass Betroffene zwar wahrnehmen, wenn sie traurig sind, jedoch oft nicht erkennen, dass aus der Traurigkeit ein Heißhungeranfall wird. Auch in Kontrolle kann sich das äußern, wie bei Ronja: „Im Alltag fühle ich mich oft gestresst und überreizt. Dann weiß ich manchmal gar nicht mehr, was zu mir gehört und was von außen auf mich einwirkt. Ganz schnell passiert es dann, dass ich Kontrolle im Essen suche.“
Im Kurs lernen sechs Teilnehmende in sechs Gruppenabenden innezuhalten und sich selbst wahrzunehmen – ohne Wertung. Um so zu merken, welche Bedürfnisse der Körper hat.
Altersunterschiede spielen im Kurs keine Rolle und auch nicht, welche Art von Essstörung eine Person hat. Es gehe darum, sich gegenseitig zuzuhören und austauschen zu können, so Ronja und Ramona Mosig. Um das Gespür zu trainieren, sollen die Teilnehmenden zuhause weiter üben. Ronja baut deshalb Meditationseinheiten in ihren Alltag ein und geht gerne im Wald spazieren. Dadurch könne sie zur Ruhe kommen.
Seit 2021 wird der „Achtsam Essen“-Kurs angeboten – und er zeigt Wirkung: Nach Angaben der Abas verbesserte sich bei 83 Prozent der bisher 47 Teilnehmenden das Essverhalten.
Je früher Essstörungen erkannt und behandelt würden, desto höher sei die Chance auf eine Genesung. Wenn nun Hilfe wegfallen würde, wäre das fatal, findet Ramona Mosig. „Das ist eine Milchmädchenrechnung“, sagt sie. Je länger sich eine Essstörung manifestiere, desto teurer sei das später für das Gesundheitssystem. Magersucht sei eine der tödlichsten psychosomatischen Krankheiten.
Ronja befindet sich auf einem guten Weg. „Die Gruppenangebote haben mich auf meinem Weg durch die Essstörung sehr unterstützt und weitergebracht. Sie haben mir ein ganz neues Bewusstsein und einen liebevolleren Umgang mit mir selbst geschenkt“. Sie überlegt sich bereits, an weiteren Angeboten teilzunehmen. Vorausgesetzt, die gibt es noch.
Abas Anlauf- und Fachstelle bei Essstörungen Stuttgart Der „Achtsam Essen“-Kurs ist ab 18 und kostet 108 Euro, die teilweise von der Krankenkasse übernommen werden können. Adresse: Lindenspürstraße 32, Stuttgart-West, Telefon: 0711 / 30568540
Beratungstelefon bei Essstörungen für Betroffene, Angehörige und andere Personen, Telefon: 0221 892031, Mo-Do 10-22 Uhr