An der Zusammenlegung von Berufsschulklassen führt kein Weg vorbei, sagt das Kultusministerium. In manchen ländlichen Regionen ist schon jetzt jede vierte Klasse zu klein.

Stuttgart - Die Wirtschaft grummelt, viele Landräte sind ungehalten. Es droht die Schließung von kleinen Berufsschulklassen. Am Rückgang der Schülerzahlen gibt es für das Kultusministerium nichts zu deuteln. Über die Zahlen wird natürlich gestritten. 15 000 Schüler weniger sind prognostiziert. Das hält der Berufsschullehrerverband für „viel zu hoch gegriffen“. Folglich dürfe auch keinesfalls damit kalkuliert werden, dass durch den Rückgang 938 Lehrerstellen frei würden.

 

An den Berufsschulen fällt seit Jahren mehr als vier Prozent des Unterrichts aus. Dieses strukturelle Defizit soll ausgeglichen werden, weil die freiwerdenden Stellen im System bleiben sollen. Doch Lehrerstellen werden nur gewonnen, wenn Klassen weg fallen. Das Haus von Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) muss sparen und will „darauf hinwirken, dass möglichst wenige Kleinklassen gebildet werden“. Das ist bei 300 Ausbildungsberufen keine leichte Aufgabe. In Crailsheim (Kreis Schwäbisch Hall) beispielsweise werden die „Fachklassen Nahrung“ dicht gemacht. Fleischer und Fleischereifachverkäufer sollen im Regierungsbezirk Stuttgart künftig die Berufsschulen in Künzelsau, Bad Mergentheim, Backnang und Schwäbisch Gmünd besuchen. Ohne wohnortnahe Berufsschule fänden die Handwerker keine Lehrlinge mehr,klagt der baden-württembergische Handwerkstag.

In Ländlichen Regionen ist die Situation dramatisch

Doch das Schicksal der Fleischerlehrlingen kann viele treffen. Von den 15 650 Klassen an den staatlichen Berufsschulen erreichen laut Statistik 1700 die Mindestgröße von 16 Schülern nicht. In ländlichen Regionen sei zum Teil bereits jede vierte Klasse zu klein, berichtet Frank Körner, der im Ministerium für die Einstellung von Lehrern an beruflichen Schulen zuständig ist.

Die Einsparungen funktionieren nicht eins zu eins. In Zukunft müssen sich aber zwei Drittel des Schülerrückgangs in weniger Klassen niederschlagen. Das ist die Sparvorgabe. Die Lehrer werden flexibler werden müssen. „Es wird mehr Abordnungen geben“, kündigt ein Sprecher der Kultusministerin an. Doch helfen die gesetzlichen Möglichkeiten allein nicht immer weiter. Vor allem die technischen Lehrer stehen vor Herausforderungen. Ganz wenige Jugendliche machen zum Beispiel hauswirtschaftliche Ausbildungen. „Es wird zunehmend schwieriger, die technischen Lehrer für Hauswirtschaft einzusetzen“, sagt Körner. Es gibt einfach keine Klassen mehr. In den Regierungspräsidien werde an Maßnahmenkatalogen getüftelt, diese Fachlehrer in der Ganztagsbetreuung oder der individuellen Förderung einzusetzen.

Schulbezogene Stellenausschreibungen funktionieren nicht immer

In anderen Bereichen drohen Engpässe. Dabei müsste die Lehrerversorgung an beruflichen Schulen besonders gut funktionieren. Die Bildungspolitiker von SPD und Grünen halten mehr schulbezogene Stellenausschreibungen für ein probates Mittel, um zu einer passgenauen Versorgung zu kommen. An Berufsschulen werden 80 bis 90 Prozent der Stellen schulbezogen ausgeschrieben, erklärt Michael Eppinger, beim Ministerium zuständig für das Personalmanagement und die Lehrereinstellung. Doch das Prinzip funktioniert nur, wenn die Stellen für die direkten Ausschreibungen früh freigegeben werden.

Heuer wurden nur 120 Stellen im März ausgeschrieben. Normalerweise seien das mehrere hundert, sagt Körner. Das lag an den Änderungen bei der Werkrealschule. Die Notenhürde für die zehnte Klasse ist gefallen. Das hat bewirkt, dass auch zweijährige Berufsfachschulen keine Beschränkung mehr haben. „Wir hatten keinerlei Erfahrungswerte wie sich das auswirken wird“, berichtet Körner. Bis 1. März mussten sich die Neuntklässler anmelden. Verbindlich wurde die Bewerbung im Juli mit dem Zeugnis. „Jetzt sieht es so aus, als kämen 60 Prozent der Bewerber vom Frühjahr tatsächlich.“ Das macht frühe Planungen schwierig.

Die Entscheidungen fallen spät im Schuljahr

Dazu kommt die Unsicherheit, wie viele Realschüler eine Lehrstelle antreten oder doch eine berufliche Vollzeitschule besuchen. Das entscheide sich oft erst im September, wenn das Lehrjahr beginnt. „Falls es an manchen beruflichen Schulen besondere Engpässe geben sollte“, hat das Ministerium nach eigenen Angaben vorgesorgt. Erst jetzt haben die beruflichen Schulen noch einmal 25 Deputate bekommen. Insgesamt sind es 730 Stellen. Damit können sie „im Wesentlichen alle frei werdenden Lehrerstellen wieder besetzen“, lässt die Kultusministerin erklären.

Das Auf und Ab im Beruflichen Schulwesen

Im Schuljahr 2011/12 besuchten in Baden-Württemberg 425 935 Schülerinnen und Schüler eine berufliche Schule. Rund 363 000 davon waren Schüler einer öffentlichen beruflichen Schule. Die Beruflichen Gymnasien meldeten 56 780 Schüler. Laut Statistischem Landesamt gab es im Land 18 488 Klassen an 770 Schulen. An den öffentlichen beruflichen Schulen im Südwesten waren im vergangenen Schuljahr 22 244 Lehrer beschäftigt. Sie leisteten 402 852 Unterrichtsstunden pro Woche. An den privaten beruflichen Schulen waren 6777 Lehrer tätig. Die Statistik weist für das Schuljahr 1953/54 insgesamt 343 000 Berufsschüler in Baden-Württemberg aus. Den Höhepunkt erreichte die Schülerzahl im Schuljahr 1984/85 mit knapp 448 000. Fünf Jahre später sank sie mit 396 000 unter die 400 000er Marke. Diese wurde 2003/04 mit 403 000 wieder überschritten. Sie stieg dann 2009/10 auf 437 000, seither sinkt sie