Weniger Verkehr durch Corona-Epidemie Pragstraße bleibt beim Stickstoffdioxid ein Problemfall

Von Josef Schunder 

Neue Daten erhärten, dass der Grenzwert auch bei einem anhaltenden Tief der Kfz-Menge auf den Straßen nicht überall in Stuttgart einzuhalten wäre. Verkehrsminister Winfried Hermann sieht dennoch Anlass zur Hoffnung.

Luftreinigung an der  Pragstraße: Noch reicht es nicht ganz. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Luftreinigung an der Pragstraße: Noch reicht es nicht ganz. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Das Zurückfahren des öffentlichen Lebens wegen der Corona-Epidemie hat auch den Autoverkehr in Stuttgart drastisch verringert und die Schadstoffkonzentrationen in der Luft positiv beeinflusst. Doch auch neun Monate mit reduziertem Verkehr von April bis Dezember würden zumindest an einer Messstelle in Stuttgart den Jahresmittelwert 2020 für Stickstoffdioxid (NO2) nicht auf den Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft senken. Das ist nun mit Prognosezahlen belegt, die dem Landesverkehrsministerium vorgelegt worden sind.

Demnach würden in Bad Cannstatt an der Messstelle Pragstraße – je nach zugrundegelegtem Emissionsverhalten der Fahrzeuge – wohl 42,9 bzw. 43,2 Mikrogramm NO2 verzeichnet werden. Ansonsten würde der zulässige Jahresmittelwert in der Stadt unterschritten: an der Messstelle Talstraße im Stuttgarter Osten mit 38,8 bzw. 39,6 Mikrogramm, am Neckartor mit 37,8 bzw. 38,5, in der Hohenheimer Straße mit 33,4 bzw. 34,5 Mikrogramm. Diese Station ist im Übrigen die einzige, wo der Grenzwert auch einzuhalten sein dürfte, wenn die Verkehrsmenge nach dem März wieder komplett normal wäre.

Entspannung an drei Messstellen

Die Prognosen kamen jetzt nach heftigen Diskussionen im April über die Rolle der Dieselautos, deren ältere Modelle als stickoxidträchtig gelten. Bei der CDU und der FDP sah man das Automobil als entlastet an, denn die NO2-Messwerte seien ja trotz weniger Verkehr nahezu unverändert. Die Luftverschmutzung habe andere Ursachen. Klimatologen halten jedoch dagegen, das Coronatief habe sich ausgewirkt, man dürfte bei der Beurteilung der Werte aber nicht die Auswirkungen von luftchemischen Prozessen ausblenden. Auch sei witterungsbedingt zum Zeitpunkt des Corona-Lockdowns der Luftaustausch ungünstiger gewesen als zuvor.

Die neuen Prognosen kommen von drei Fachbüros, die schon zuvor für das Ministerium tätig waren, um abzuschätzen, ob der NO 2 -Grenzwert in Stuttgart in diesem Jahr einzuhalten ist und sich die von Gerichten geforderten zusätzlichen Fahrverbote für Euro-5-Diesel vermeiden lassen. Nach dem Rückgang des Kfz-Verkehrs ließ Minister Winfried Hermann (Grüne) noch zusätzlich rechnen, wie es aussehen würde, wenn die Verkehrsmenge für den Rest des Jahres um ein Drittel geringer bliebe.

Nun scheint also klar, dass Stuttgart selbst mit den Effekten des Lockdowns die gesetzlichen Standards für die Luftqualität nicht überall ganz erreicht. Das würde dann dafür sprechen, dass das Regierungspräsidium nach wenigen streckenbezogenen Verboten für relativ moderne Euro-5-Dieselfahrzeuge weitere Verbote für sie erlassen muss: in einer kleinen Umweltzone aus Innenstadt, Bad Cannstatt, Feuerbach und Zuffenhausen. Doch diese Konsequenz zieht das Ministerium nicht.

Minister Hermann hofft – und mahnt

Minister Hermann interpretierte die Prognosen am Mittwoch auf Anfrage unserer Zeitung so: „Die Zahlen machen Hoffnung. Wenn aber wieder mehr mit dem Auto gefahren wird, kann es sein, dass die Grenzwerte überschritten werden und weitere Maßnahmen erforderlich sind.“ Welche das wären, ließ er offen. Der Minister hofft nach wie vor, dass der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg (VGH) und die Umweltschützer den Landesbehörden bei der Luftreinhaltung eine Atempause gewähren. Dem VGH hatte Hermann schon früher geschrieben. Die neuen Prognosen werden nachgereicht.

Der Minister betonte auch, jeder habe es in der Hand, durch sein Mobilitätsverhalten Fahrverbote zu vermeiden. Das heiße: „Mit Bussen, Bahnen, mit dem Rad fahren oder zu Fuß gehen, gemeinsam Auto fahren oder ältere Diesel-Autos nachrüsten.“ Die Luft in den Kommunen im Land sei in den vergangenen Jahren indes „deutlich sauberer geworden“. Der Jahresmittelwert für Stickstoffdioxid sei 2019 nur noch in vier Städten überschritten worden, im Jahr davor in 14 Städten.

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