Wenn das Haustier verschwindet Sich das Leben im Katzenhimmel auszumalen, kann Kindern helfen

Die Katze ist Kindern oft das liebste Familienmitglied. Taurig, wenn sie von draußen nicht mehr zurückkommt. Foto: stock.adobe.co/Elena Kratovich

Der Fall einer Stuttgarter Familie zeigt: Wenn Katze, Hund und Co. plötzlich nicht mehr da sind, geht für Kinder die Welt unter. Eine Expertin gibt Tipps, wie Eltern mit dieser Situation umgehen können.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Es war ein Abend wie so viele. Marko (50) befand sich auf der letzten Runde mit seiner schwarzen Labradormischlingshündin. Es war kurz vor Mitternacht. Und dann das. Ein SUV näherte sich dem Zebrastreifen, über den der Familienvater mit Billie ging. Der Fahrer machte keine Anstalten zu bremsen. Das Auto erwischte Billie, sie verschwand zwischen den beiden Vorderrädern und wurde von ihm überrollt. Am Heck des Autos tauchte sie wieder auf, wurde durch die Luft geschleudert, schüttelte sich und lief in Panik weg. Jedes Rufen nach ihr war vergeblich.

 

Das kann sie nicht heil überstanden haben, dachte Marko. Er war sich sicher, der Familienhund wird sich jetzt einen Platz zum Sterben suchen. Irgendwo unter einem Busch in Stuttgart. Alles andere erschien ihm, nach dem, was sich vor seinen Augen abgespielt hatte, unwahrscheinlich. Der Familienvater ging heim und erzählte seinen Kindern und seiner Frau: „Die Billie ist wahrscheinlich tot.“

Die ganze Familie hat gesucht

Noch in der Nacht begann dennoch die Suche nach Billie, die in den drei Jahren, die sie bei der Familie war, längst zu einem tierischen Familienmitglied geworden war. Am nächsten Morgen hängten sie Zettel auf, in den sozialen Netzwerken wurde ihre Vermisstenmeldung geteilt, ehrenamtlich Helfer rückten mit zwei Spurensuchhunden an und nahmen tatsächlich Billies Spur auf. Sie könnte also noch leben. Tränen und das lähmende Gefühl der Ungewissheit bestimmten die nächsten Tage. Das Leben der Erwachsenen und der Kinder pendelte zwischen der Hoffnung auf ein Wiedersehen und dem Gefühl, für immer Abschied nehmen zu müssen. Es war eine echte Gefühlsachterbahn.

Geschichten wie diese oder ähnliche bleiben wahrscheinlich kaum einer Familie erspart, die sich auf das Leben mit einem Haustier einlässt. Kein Tier ist so flüchtig wie eine Freigängerkatze, und ein Hund kann in Panik oder aus Neugier weglaufen. Die Mutter von zwei Kindern im Schul- und Kita-Alter berichtet davon, wie nach drei Tagen Abwesenheit der Familienkatze der erlösende Anruf von der Polizei kam: „Wir haben Ihre Katze gefunden.“ Die Tage bis dahin waren anstrengend für die Eltern. „Ich konnte doch nicht sagen, dass sie vielleicht tot ist“, erinnert sich die Mutter. Sie wollte ihren Kindern nicht die Hoffnung auf ein Wiedersehen nehmen – und war natürlich auch selbst traurig über den Verlust.

Manche Tiere bleiben verschwunden

Im vergangenen Jahr zählte Tasso, das Register für mit einem Chip registrierte Haustiere, 31 000 Hunde und 82 000 Katzen, die verschwunden sind. 30 000 Hunde sind wieder bei ihren Besitzern. Ebenso 63 000 Katzen. Nicht bei allen dauert es so lange wie bei Katze Malo, die nach über zehn Jahren gefunden wurde und durch Tasso völlig zerzaust und offenbar nach einem Leben auf der Straße wieder bei ihren ursprünglichen Besitzern landete. Aber es gibt eben nicht in allen Fällen ein Happy End.

Wie reagiert man als Mutter oder Vater, wenn der Hund entläuft oder die Katze von ihren Streifzügen durchs Viertel nicht mehr zurückkommt? Die Familientrauerbegleiterin Stephanie Witt-Loers beschäftigt sich seit Langem damit, wie Kinder mit Verlusterfahrungen umgehen. Wobei sie den Begriff Verlust weiter als das Erleben eines Todesfalls fasst. Auch dann müssen Kindern mit Verlusten leben, wenn etwa ein Lebensabschnitt wie die Zeit in der Kita Ende zu geht. Oder eben ein Haustier verschwindet.

Tröstliche Vorstellung finden

„Ein Verlust wie der eines Haustiers geht mit Fragen einher, die nicht beantwortet werden können“, sagt Witt-Loers. Die Herausforderung, die Kindern dann meistern müssen, sei, mit offenen Fragen zu leben. Witt-Loers rät Eltern, ihren Sohn oder ihre Tochter zu fragen, was sie sich denn vorstellen, was dem Tier geschehen sei. Sie nennt das Jenseitsvorstellung. „Es ist wichtig, dass das Kind für sich eine tröstliche Vorstellung entwickelt.“ Aus sich heraus. Das mache das Weiterleben leichter. Der Vorstellungsraum reiche vom Leben im Katzenhimmel bis hin zum Verwöhnt-Werden in einer anderen Familie. Die Idee, ein Tier sei tot, könne tröstlicher sein als die, dass es bei bösen Menschen ist. Aber es bleibe für Kinder dann auch die Erkenntnis, dass es nicht auf jede Lebensfrage eine Antwort gebe.

Hilfreich sind auch in dieser Krisenzeit Rituale und das Gefühl, aktiv und nicht ohnmächtig zu sein. Also wie in Billies Fall Suchzettel aufzuhängen und sich selbst an der Suche zu beteiligen. Für den traurigen Fall, dass das Tier tot gefunden wird, rät Witt-Loers, dem Kind die Chance zu geben, zu ihm eine neue Form der Bindung aufzubauen. Ein Bild zu malen, eine Kerze aufzustellen oder einen Platz im Garten zu bestimmen, an dem man sich dem Tier nah fühlt, könne helfen. Sie rät davon ab, das Tier sofort durch ein Neues zu ersetzen. Das signalisiere dem Kind, dass alles, was verloren geht, sofort wieder ersetzt werden könne. „Das würde Kindern nicht helfen, denn man kann eben im Leben nicht immer alles ersetzen. Leben ist endlich, und es kann Trennungen geben, die endgültig sind.“

Bauchweh aus Trauer

Den Schmerz können Eltern ihren Kindern nicht ersparen, aber sie können sie unterstützen, im Idealfall in solche Krisensituationen Strategien für die Verlustsituationen der Zukunft zu entwickeln. „Das ist ihre Aufgabe“, sagt die Expertin. Und warum, so fragt sie, Kindern nicht schon beim Einzug eines Tiers in die Familie erklären, dass es ein Lebewesen ist, das ebenso weglaufen kann wie es sterben wird?

„Es ist die Lernaufgabe der Eltern, diesen Schmerz auszuhalten, den Kinder dann zeigen“, sagt die Verlustexpertin. Was Eltern dabei nicht übersehen sollten, ist, dass nicht nur ein weinendes Kind ein trauerndes Kind ist. Trauer kann sich auch ganz anders ausdrücken. In Form von Bauchschmerzen, Wut, Verlustängsten, dem Bedürfnis nach mehr Körperkontakt oder dem häufigen nächtlichen Aufstehen und dem Blick vor die Tür, ob das Tier doch zurückgekommen ist. „Dass kann alles Ausdruck von Trauer sein“, sagt Witt-Loers.

Ein ganzer Stadtteil suchte nach der Labradorhündin Billie. Foto: privat

Billie wurde übrigens von einer anderen Hundebesitzerin zwei Tage später ein paar Hundert Meter Luftlinie vom Unfallort entfernt am Straßenrand sitzend gefunden und mit Leckerli angelockt. Wie durch ein Wunder ist sie unverletzt geblieben und nun wieder bei ihrer Familie.

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