Wenn das Kind stirbt Das Sternenkind bleibt unvergessen

Etwa jede dritte Frau ist in ihrem Leben einmal von einer Fehlgeburt betroffen, sagen Experten. Foto: dpa/David Ebener

Wenn ihr Kind stirbt, bricht für die Eltern eine Welt zusammen. Eine junge Frau und ihr Freund aus Ditzingen haben diese Erfahrung gemacht. Wie geht das Paar mit dem Verlust um – und warum erzählt es seine Geschichte?

Leonberg: Stefanie Köhler (koe)

Bei einem Routineultraschall sind keine Herztöne mehr zu hören. Da ist L., die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, im fünften Monat schwanger. Der Tod ihrer Tochter kommt aus heiterem Himmel. „Ich war ziemlich fassungslos“, berichtet L. über jenen Tag im März. Ihrem Freund geht es ähnlich. Es ist nicht nur die schlimme Nachricht, die das Paar schockiert. Sondern auch, wie empathielos sich ihre Frauenärztin verhalten habe, erzählt L. Später kommt ihre Hebamme. „Sie war die erste, die wirklich zugehört hat.“ Erst jetzt wird L. langsam klar, dass ihr Kind tot ist. Ein Sternenkind. So heißen Mädchen und Jungen, die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben.

 

L.s Mädchen ist gestorben, aber nicht vergessen. Im Wohnzimmer hat das Paar eine Erinnerungsecke mit Fotos eingerichtet. Es will, dass sein Kind im Alltag sichtbar ist. „Unsere Tochter hat ein Recht darauf, da zu sein. Wir sind Eltern.“ Die Fotos helfen L. auch, ihre Schwangerschaft festzuhalten. „Wir haben nur diese Bilder. Manchmal habe ich das Gefühl, ich war nie schwanger. Es fühlt sich so unwirklich an.“

Zwischen Schocknachricht und Geburt liegt eine Woche

Im April bringt L. ihre Tochter zur Welt. „Es war alles schon angelegt, aber offensichtlich, dass sie nicht bereit war, auf die Welt zu kommen.“ Zwischen der Schocknachricht und der Geburt liegt eine Woche. Sie sei sehr wichtig gewesen, um den Verlust zu begreifen, Abschied zu nehmen. „Ich habe Zeit gebraucht, um meine Tochter loslassen zu können“, sagt L. In der Klinik habe sie unheimlich viel Rücksicht und eine liebevolle Begleitung erfahren. „Abgesehen von der Frauenärztin hatte ich viel Glück mit dem medizinischen Fachpersonal“, sagt L. In die Trauer, zu der auch Wut gehört, mischt sich gerade vor der Geburt Angst.

Hinterher ist die kleine Familie unzertrennlich. Das Paar nimmt das Kind mit heim und beerdigt es wenige Tage danach. Es ist der nötige Abschiedsprozess und eine Zeit, in der gemeinsame Momente entstehen. „Wir haben mit unserem Kind kaum Erfahrungen. In dem Augenblick schafft man sich welche“, sagt L. Und auch, die Traurigkeit komme immer wieder. In der Trauer werde die Sehnsucht nach einem Kind sehr stark. „Manchmal erwischt es mich eiskalt“, sagt L. Wenn sie Schwangere sieht etwa.

Mehr Offenheit nötig

Warum ihr Kind gestorben ist, weiß L. nicht. Sie sucht nicht nach den Gründen. Was ihr dafür bewusst ist: „Über gewisse Dinge haben wir keine Kontrolle – das Leben und den Tod zum Beispiel.“ Man könne in der Schwangerschaft noch so viele Untersuchungen vornehmen, am Ende habe man trotzdem keine Sicherheit. Sie habe ihren Weg gefunden, mit ihrem Schicksal umzugehen, sagt L. „Ich muss lernen, dieses Erlebnis als Teil meines Lebens zu akzeptieren.“ Teil werde auch die Angst bei der nächsten Schwangerschaft sein.

L. erzählt ihre Geschichte, weil sie die Erfahrung macht, dass Fehl- und Totgeburten öfter passieren, als man vielleicht denkt, und viele Betroffene ihr Schicksal für sich behalten. Daher wünscht sich L. auch mehr Offenheit. Erst wenn sie Offenheit spüren, sei es Betroffenen möglich, sich zu öffnen. Laut Experten ist etwa jede dritte Frau in ihrem Leben einmal von einer Fehlgeburt betroffen. Bundesweit kommen circa 0,3 Prozent aller Kinder still zur Welt oder sterben kurz nach der Geburt. Der Tod ist generell ein Tabuthema, stellt L. fest. Darüber zu reden, heiße, sich einzugestehen, dass man sterblich ist. „Über viele Ängste spricht man nicht“, sagt L. Ihre Hebamme habe ihr Mut gemacht.

Mütter von Sternenkindern haben Rechte

Hebammen seien grundsätzlich gute Anlaufstellen, ebenso Kliniken, die mit Verbänden, Organisationen zusammenarbeiten. Der Zugang zu Angeboten sei essenziell. „Es gibt mehr Unterstützung als gedacht, aber insgesamt zu wenig Angebote“, meint L. Aus ihrer Sicht ist es auch wichtig, dass Mütter ihre Rechte kennen: den Anspruch auf eine Hebamme oder Periduralanästhesie bei der Geburt.

L. helfen Gespräche, mit dem Partner, der Familie, Freunden – und vor allem anderen Sterneneltern. Sei es beim Gesprächskreis oder bei der Rückbildung für Sternenmamas. „Der Austausch ist sehr wichtig. Er ist eine Möglichkeit, sich nicht allein zu fühlen.“ Genau das ist auch die Botschaft der jungen Frau: Menschen, die ihr Kind verlieren, sind nicht allein. „Gesteht ihnen ihren Weg der Trauer zu“, will L. auch vermitteln. Beim Trauerprozess gebe es kein richtig oder falsch. Jede Mutter, jeder Vater gehe anders um mit dem Verlust. „Es ist schwierig, was Allgemeingültiges zu sagen.“ Das betreffe ebenso den Umgang mit Betroffenen. „Am besten fragt man, was sie brauchen.“

Hilflosigkeit im Umfeld

Das sieht auch Sabine Leibbrandt so. Die Klinikpfarrerin in Ludwigsburg kümmert sich im dortigen Krankenhaus seit fünf Jahren um Sterneneltern. Sie erlebe sehr offene Eltern – aber nicht nur. Das Umfeld indes fühle sich hilflos, wisse nicht, was es sagen soll. Daher kämen auch mal saloppe Kommentare, selbst von Fachleuten. Sabine Leibbrandt rät Eltern, sich zu wappnen und dann auf Durchzug zu schalten. Und zu reden. Möglichst offen zu kommunizieren, helfe nicht nur einem selbst. „Ich muss damit rechnen, dass der andere meine Bedürfnisse nicht kennt“, sagt die Seelsorgerin. Gut sei auch, jemand Vertrautes zu haben. Der könne Freunde, Bekannte auf dem Laufenden halten.

Selbsthilfegruppen eignen sich laut Leibbrandt nicht für jeden, besonders kurz nach dem Erlebten. Dagegen seien Rückbildungskurse ein wichtiges Element. In kleinen Gruppen könnten sich Frauen langsam annähern. „Man muss ausprobieren, was einem guttut.“ Auch neigten Frauen dazu, gewisse Situationen zu meiden, wie Schwangere treffen, Eltern. Das müsse man im Auge behalten. „Schutz ist das eine. Man sollte aber nicht den Zeitpunkt verpassen, wieder am Leben teilzunehmen.“

Portal geht im Herbst online

Sabine Leibbrandt hat gemerkt, dass es zwar viel Information gibt, die sei jedoch „irgendwo“ zu finden. Akteure wüssten oft nichts voneinander. Also hat sie Stellen mit Angeboten für Sterneneltern an einen Tisch gebracht und das kreisweite Netzwerk Sternenkindeltern Ludwigsburg gegründet. Im Herbst geht ein Portal online, das alle Informationen bündelt. „Wir brauchen regional Anlaufpunkte“, so Leibbrandt. Konkrete Information sei vor allem bei Themen wie Bestattung und Rückbildung nötig. Die Pfarrerin findet auch, dass Sternenkinder Öffentlichkeit brauchen. Das Netzwerk beteiligt sich daher am Worldwide Candle Lighting Day: An jedem zweiten Sonntag im Dezember werden Kerzen im Gedenken an verstorbene Kinder angezündet.

Hier finden Eltern von Sternenkindern Unterstützung

Beratung
 Bei der Evangelischen Familienbildung Ludwigsburg (www.familienbildungludwigsburg.de) trifft sich wieder am 2. Juli die Gesprächsgruppe Wolkenband. Die Sozialstation Gerlingen, Leonberg, Weilimdorf (www.sozialstation-leonberg.de) bietet jeden letzten Mittwoch im Monat einen Gesprächskreis an. Im Haus der Diakonie in Leonberg (www.edivbb.de) finden Beratungen rund um Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft statt sowie Schwangerenkonfliktberatungen. Die Gesprächsgruppe „Eltern im Schatten“ in Böblingen im Haus der Begegnung (www.hospizdienst-bb.de) besteht seit 30 Jahren. Die Initiative Regenbogen (www. initiative-regenbogen.de) hat unter anderem eine Ansprechpartnerin in Weil der Stadt. Umfangreiche Informationen mit Ansprechpartnern vor Ort hat auch der Bundesverband Verwaiste Eltern (www.veid.de). Die Seite der Informations- und Vernetzungsstellen Pränataldiagnostik (www.pnd-beratung.de) listet Angebote in Baden-Württemberg.

Weitere Information
Die Schwangerenberatungsstelle im Gesundheitsamt Böblingen (www.schwanger-in-bb.de) hat mit dem Arbeitskreis „Die Kleinsten der Kleinen“ die Broschüre „Trauer um die Kleinsten der Kleinen“ herausgebracht. Die Ludwigsburger Klinikpfarrerin Sabine Leibbrandt ist telefonisch unter der Nummer 0 71 41/9 99 62 38 zu erreichen und per E-Mail: sabine.leibbrandt@rkh-kliniken.de.

Nach der Geburt
Auch nach einer Fehl- oder Totgeburt haben die Mütter Anspruch auf eine Betreuung durch eine Hebamme, ebenso auf andere Leistungen, die Müttern nach einer Geburt zustehen, wie Mutterschutz und Rückbildung. Die gibt es speziell für Sternenmütter zum Beispiel im Hebammenhaus in Oberstenfeld. Seit Mai 2013 können Sterneneltern die Geburt beim Standesamt anzeigen und ihrem Kind damit offiziell eine Existenz geben. Zuvor war eine solche Dokumentation bei Kindern, die mit unter 500 Gramm tot geboren wurden, nicht möglich.

Bestattung
Sternenkinder über 500 Gramm müssen laut Gesetz bestattet werden. Auf dem Renninger Friedhof gibt es ein Sammelgrab für diese Kinder. Sternenkinder unter 500 Gramm, die in den Kreisen Böblingen und Calw zur Welt kommen, werden eingeäschert und gemeinsam auf dem Waldfriedhof in Böblingen in der Grabstelle der „Kleinsten der Kleinen“ bestattet. Zweimal im Jahr sind Sammelbestattungen mit Trauerfeier. Eltern können alternativ eine Einzelbestattung auf eigene Kosten selbst organisieren. Auch das Klinikum Ludwigsburg bietet Sammelbegräbnisse für nicht bestattungspflichtige Kinder unter 500 Gramm. Der Ditzinger Friedhof hat eine Gedenkstätte für Sternenkinder, die nicht bestattet werden.

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