Wenn die Eltern Musiker:innen sind Tourbus statt Kita

Sie sind die Kinder von erfolgreichen Stuttgarter Musiker:innen – und haben sich auch für die Musik entschieden: Joscha Brettschneider (li.), Anna Illenberger (o.re.) und Ella Estrella Tischa (u.re.). Foto: /Julia Keltsch (li.), Alessandro de Matteis (o.re.), Lea Röwer (re.u.)

Zam Helga, Stefan Hiss und Ralf Illenberger prägten die Stuttgarter Musikszene. Ihre Kinder arbeiten derzeit daran. Wie fühlt sich das an, in die Fußstapfen musikalischer Eltern zu treten?

Die alte Geschichte vom Apfel, der nicht weit vom Stamm fällt. Doch manchmal eben anders als gedacht. Ella Estrella Tischa, Joscha Brettschneider und Anna Illenberger sind die Kinder erfolgreicher Stuttgarter Musikerinnen und Musiker. Und auch sie selbst sind aktiv in der Stuttgarter Musikszene.

 

Sie plaudern aus dem Nähkästchen, wie so eine eine Kindheit zwischen Schule und Tonstudio aussieht, wie sie selbst zur Musik gefunden haben und darüber und ob es überhaupt nötig ist, sich vom Stil der Musiker-Eltern zu emanzipieren.

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Zam Helga und Tine Raetzer in der Stuttgarter Rock-Szene

Freaky, laut und ewig jugendlich: Der Sänger und Gitarrist Zam Helga hat besonders mit seinen Bands Helga Pictures und Rauhfaser die Stuttgarter Musikszene der 80er- und 90er-Jahre geprägt. Auch seine Frau Tine Raetzer, die 2015 plötzlich an einem Herzinfarkt verstarb, ist in der Stuttgarter Kulturszene unvergessen – nicht nur als Musikerin „Tira Lala“ (und früher „Tee Ratz“), sondern auch als die Seele des ehemaligen Café Stella. Ihre gemeinsame Tochter Ella Estrella Tischa macht sich aktuell mit ihrer Band Atomic Lobster in der Region einen Namen.

Erinnerungen an eine besondere Kindheit

„Eine meiner ersten Erinnerungen ist, dass ich später in den Kindergarten durfte. Das war eine Sondervereinbarung, weil mein Vater nachts im Studio und meine Mutter im Café Stella gearbeitet hat. Unser Rhythmus war also immer in Richtung Nacht orientiert“, erzählt Ella. Ihre Kindheit lang verbrachte sie viel Zeit im Studio ihres Vaters, wo sie in die neuesten Songs reinhören durfte. „Eine andere Erinnerung ist, dass wir 2000 in Los Angeles waren für Musikvideodrehs von der damaligen Band meiner Eltern, Rauhfaser.“

Als Ella später eine Waldorfschule in Stuttgart besuchte, hielt sich das Verständnis für diesen Lebensstil in Grenzen: „Auf der Waldorfschule wurde das schon ein bisschen kritisch gesehen, dass meine Eltern Rockmusik machten,“ erzählt sie.

Der Wunsch, selbst Musik zu machen, kam erst im Teenie-Alter. Als sie schließlich anfing, in Bands zu spielen, unterstützten ihre Eltern sie tatkräftig wo’s nur ging. „Da sind dann auch ein paar Kontakte wieder angefeuert worden. Mit meiner ersten Band habe ich einen Gig im Theaterhaus gespielt, was echt krass ist, wenn man gerade erst eine Band gegründet hat.“

Der Weg zur Eigenständigkeit

Nachdem erste Bandkonstellationen auseinanderbrachen, versuchte sie sich eine Zeit lang als Solokünstlerin. Zu dieser Zeit arbeitete auch Zam Helga solo. „Wir haben auch gemeinsam Auftritte gehabt. Zwar als einzelne Acts, aber auf derselben Bühne. Das war für eine Zeit cool, aber irgendwann wollte ich nicht mehr nur ‚die Tochter von Zam‘ sein“, erzählt sie. Mit der Zeit emanzipierte sie sich musikalisch und fand ihren eigenen Standpunkt. „Jetzt stört mich das auch gar nicht mehr – ich freue mich, dass mein Papa in so vielen Köpfen hängen geblieben ist.“

Den eigenen Spark finden

Ella schätzt sich heute glücklich über den leichten Zugang zur Musik, den ihr ihre Eltern ermöglicht haben: „Wenn es um Musik ging, war das für mich, wie in warmes Wasser zu gleiten“, sagt sie. Damals in die Kulturszene mitgenommen zu werden, hat sie positiv geprägt. „Als ich gestartet habe, habe ich schon einen Druck verspürt, weil ich eben die Tochter meiner Eltern bin. Den eigenen Spark zu finden, der einen antreibt – das ist essenziell. Ich musste erst einmal merken, dass die Musik etwas ist, was ich selbst wirklich will. Und nicht nur, weil ich da reingeboren wurde, sondern weil es etwas ist, das mich selbst als Mensch erfüllt.“

Gemeinsam mit ihren Bandkollegen Daniel und Mandu kreiert Ella bei Atomic Lobster eine vielschichtige Musik, die Grunge mit Nuancen von Soul und Trip-Hop verbindet. Ihr Debütalbum „Claws“ wurde erst vor Kurzem, am 17. Mai, veröffentlicht.

Die Legende am Akkordeon

Stefan Hiss gehört zu Stuttgart, wie die Butter auf die Brezel. Er ist der wohl bekannteste Akkordeonist aus der Region und hat mit seinen vielen musikalischen Projekten wie der Kapelle HISS oder der Familienband Los Santos schon mehr als 2 800 Auftritte in Kirchen, Kneipen, Sälen und Spelunken aufs Parkett gebracht. Sein Sohn Joscha Brettschneider ist mit seinen drei Band-Projekten ebenfalls ein Tausendsassa in Sachen Musik.

Gitarre statt Nintendo

Nachdem seine Eltern sich getrennt haben als er sechs Jahre alt war, hat sein Vater weiterhin in der Nähe gewohnt. Trotzdem war Stefan Hiss als Musiker viel unterwegs. „Ich kann mich schon erinnern, dass ich ihn dann vermisst habe, trotzdem fand ich toll, dass mein Vater Musiker ist“, erzählt Joscha.

Als Kleinkind war Joscha schon mit dabei auf den Konzerten seines Vaters. Für manche untypisch, für ihn normal: „Wenn man eh damit aufwächst, dann gibt es nie den einen Moment, in dem man suggeriert bekommt, dass Musik cool oder besonders ist. Man wächst eben damit auf und es ist normal, dass Musik eine so große Rolle spielt“, so der Stuttgarter.

Mit zwölf Jahren hat er dann selbst angefangen Gitarre zu spielen, erst mal gar nicht aus Eigeninitiative: „Meine Eltern haben gesagt: ‚Der Junge lernt ein Instrument. Wir probieren es zumindest‘.“ Nachdem er sich das erste Jahr durchquälen musste, ist irgendwann der Funke übergesprungen: „Irgendwann hat mich was gebissen und ich fand‘s plötzlich voll geil. Und dann habe ich nicht mehr wegen dem Nintendo-Spielen die Hausaufgaben nicht gemacht, sondern weil ich nur noch Gitarre gespielt habe – also wirklich acht Stunden am Tag. So intensiv habe ich nie wieder geübt“, berichtet er weiter.

Kein Bedürfnis zur Abgrenzung

„Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mich von der Musik meines Vaters emanzipieren muss. Ich hatte schon immer ein sehr gutes und freundschaftliches Verhältnis zu ihm und es gab nie einen Punkt, wo mir meine Eltern so dermaßen auf den Sack gegangen sind, wie’s viele andere hatten“, sagt Joscha. „Auch hatte ich nie den Drang mich musikalisch zu emanzipieren, weil ich eben nicht wie mein Vater Akkordeon spiele.“

Dankbarkeit und Eigenständigkeit

Seinem Vater ist Joscha besonders dankbar für den einfachen Zugang zur Musik und den Mut, einfach mal zu machen. „Natürlich kenne ich auch über meinen Vater Leute in dem Business, aber ich glaube das meiste davon habe ich mir selbst erspielt – er war nicht der ultimative Türöffner.“

Vielmehr traten Joscha und seine Band-Kollegen selbst die nötigen Türen ein. „Wir waren halt junge Pisser, die davon geträumt haben, im Zwölfzehn in Stuttgart zu spielen. In der großen Stadt. Aber das haben wir uns selbst erarbeitet, damit hat mein Vater nichts zu tun.“

Joscha Brettschneider steht mit drei verschiedenen Band-Projekten auf der Bühne: Der Rock’n’Roll-Cumbia-Space-Surf-Band Los Santos, mit der souligen Americana-Band BRTHR und mit The Tremolettes, die inspiriert von den amerikanischen Wurzeln der Popmusik, einen ganz eigenen Rock’n’Roll spielen.

Ein Leben für die Musik

Ralf Illenberger ist ein Gitarren-Virtuose. Seit den späten 70er-Jahren bis heute, berührt er die Menschen mit seinen melodisch-jazzigen Klängen. Teilweise in verschiedenen Duo-Konstellationen, manchmal als Solokünstler, erlangte er Beliebtheit auf internationaler Ebene. Seine Tochter Anna Illenberger, alias KiTZ, ist ebenfalls Musikerin geworden, allerdings hat es sie in ein anderes Genre verschlagen.

Kindheit und erste musikalische Schritte

Für Anna war Musik ursprünglich gar nicht im Fokus: „Musik war zwar immer schon ein Teil meines Lebens, aber sie hat in meiner Wahrnehmung zu meinem Papa gehört.“ Nach der Trennung ihrer Eltern zog ihr Vater nach Amerika, als sie zehn Jahre alt war. „Ich erinnere mich, dass ich viel in seinem Studio abgehangen habe, als er noch zuhause gewohnt hat“, sagt sie. „Mein Papa war aber keiner von denen, die das wichtig finden, dass die Kinder auch eine musikalische Ausbildung haben.“ So richtig ein Instrument gelernt habe sie nie.

Als sie später mit ihrem Bruder in den Sommerferien nach Amerika reiste, war dort Musik aber allgegenwärtig. „Mich hat schon immer der Synthesizer angesprochen, weil es so leicht ist, damit Musik zu machen“, erzählt sie. Auch das Singen war immer ein Teil von Annas Leben gewesen, aber ursprünglich nicht mit dem Ziel, auf der Bühne zu stehen. „Auf meinem ersten eigenen Laptop, den ich mir mit Anfang 20 gekauft habe, war dann Garage Band drauf. Damit habe ich rumprobiert und plötzlich waren da Songs.“ Sie begann, CDs für Freund:innen zu brennen und ihre Musik zu verbreiten.

Der erste Soloauftritt und der Beginn einer Karriere

Ihr erster Soloauftritt fand bei der Veranstaltung „Silent Friday“ in den Wagenhallen statt. „Das war ein magischer Moment, wo ich gemerkt habe: ‚Krass, das ist irgendwie doch das, was ich machen möchte’.“ Heute ist Musik Annas erste Liebe. Sie beschreibt ihre Musik selbst als „experimental Art-Pop“. Vergangenen Februar veröffentlichte die Stuttgarterin ihr neustes Album „Blase“.

Papa Illenberger ist Fan der Musik seiner Tochter, obwohl er selbst keinen elektronischen Hintergrund hat. „Elektronische Musik war wirklich meine Entdeckung. Es war gut, dass ich nicht in seine Fußstapfen getreten bin, sondern etwas Eigenes gefunden habe“, sagt Anna.

Im Gegensatz zu anderen Musiker:innen hatten Anna, Joscha und Ella nie den Struggle, ihre Eltern vom Karrierewunsch in der Musikbranche überzeugen zu müssen. Auch ein kleiner Vorteil, wenn die eigenen Eltern im selben Business sind und die Liebe zur Musik teilen. „Mein Vater fand das total toll. Er ist heute auch immer noch stolz“, sagt Anna.

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