Was tun, wenn das Halbjahreszeugnis schlecht ausgefallen ist? Drei Experten erklären, wie Mütter und Väter Kinder in der Schule unterstützen können – und was sie unterlassen sollten.
Die Halbjahreszeugnisse stehen an – und manches fällt schlechter aus, als von den Eltern erwartet oder erhofft. Vor allem Mütter geben sich dann oft selbst die Schuld, machen sich Vorwürfe, fragen sich, ob sie ihrem Kind mehr hätten helfen können. Wir haben drei Expertinnen und Experten gefragt, ob, wie viel und auf welche Art und Weise Eltern ihren Nachwuchs bei schulischen Themen unterstützen sollten.
„Nicht auf Ziffern schauen, sondern darauf, was und wie ein Kind lernt“
„Für mich ist die Halbjahresinformation zunächst einmal nichts anderes als ein Kontostand. Sie zeigt: Wo steht das Kind im Moment? Eigentlich dürfte dieser Kontostand niemanden überraschen. Wenn Eltern ihr Kind über das Schulhalbjahr hinweg begleiten, wissen sie in der Regel sehr genau, wie Klassenarbeiten gelaufen sind, wie die mündliche Beteiligung aussieht und wo Stärken oder Schwierigkeiten liegen.
Begleitung bedeutet dabei ausdrücklich nicht, dass Eltern den Stoff zu Hause erklären oder permanent mitlernen müssen – das ist Aufgabe der Schule. Entscheidend ist vielmehr, Interesse zu zeigen: regelmäßig nachzufragen, wie eine Klassenarbeit gelaufen ist, wie gelernt wurde, ob Unterstützung gewünscht ist, sich gemeinsam über Gelerntes zu freuen und das Kind zu bestärken. So wissen Eltern immer, wo ihr Kind gerade steht.
Wenn eine Halbjahresinformation für Eltern ein Schock ist, zeigt das häufig, dass über längere Zeit kaum hingeschaut wurde. Dabei ist genau dieses Dranbleiben wichtig – gerade auch dann, wenn es einmal nicht gut läuft. Kinder müssen lernen, dass Rückschläge dazugehören, und dass man daraus wieder herausfinden kann. Eltern können hier eine wichtige Rolle spielen, indem sie sagen: Das ist nicht schlimm. Wichtig ist, dass du etwas gelernt hast. Probier es beim nächsten Mal wieder.
Aus pädagogischer Sicht ist es außerdem entscheidend, Lernen nicht ausschließlich über Noten zu definieren. Es gibt Kinder, die sehr intensiv lernen und trotzdem eine Klassenarbeit nicht optimal schreiben – sie haben dennoch viel gelernt. Umgekehrt gibt es Kinder, die kurzfristig auf eine gute Note hin lernen und das Wissen danach schnell wieder vergessen. Das nennt man Bulimie-Lernen. Nachhaltiges Lernen zeigt sich nicht immer sofort in der Note, ist aber langfristig viel wertvoller.
Ich halte es daher für wichtig, dass Eltern weniger auf einzelne Ziffern schauen, sondern darauf, was und wie ihr Kind lernt. Über nachhaltige Lernprozesse freue ich mich persönlich mehr als über einzelne gute Noten.
Nicht zuletzt geht es auch um Resilienz: Kinder brauchen die Erfahrung, dass nicht immer alles glattläuft – und dass man mit Unterstützung wieder aufstehen kann. Studien zeigen, dass viele junge Menschen später große Schwierigkeiten haben, mit Misserfolgen umzugehen, weil sie diese zuvor kaum erlebt oder bewältigt haben. Auch das Begleiten von Niederlagen gehört deshalb zur elterlichen Aufgabe.
In diesem Sinne ist die Halbjahresinformation eine sinnvolle Standortbestimmung. Und gerade wenn man zwischen zwei Noten steht, eröffnet sie eine Entscheidung: Möchte ich noch einmal bewusst Gas geben – oder gehe ich den bisherigen Weg weiter? Genau darin liegt ihr eigentlicher Sinn.“
Karin Schneider, ist die Rektorin der Waldschule Degerloch und die Sprecherin der freien Schulen in Stuttgart.
„Kinder brauchen organisatorische Begleitung“
„Auf die Frage, wie Eltern ihre Kinder bei schulischen Themen unterstützen können, würden viele Profis antworten: Am besten gar nicht. Warum? Wir haben Eltern, die arbeiten jeden Tag zwei bis drei Stunden mit ihrem Kind, damit bestimmte Leistungen erzielt werden. Bei andauernder Überforderung entwickeln sich jedoch Stress und Ängste. Die psychische Gesundheit der Kinder kann leiden und das Verhältnis zu den Eltern gestört werden. Ich räume aber ein, dass das jetzt weit gedacht ist.
Ich empfehle Eltern, dass sie ihr Kind beim Lernen organisatorisch begleiten. Welche Hausaufgaben stehen an, welche Klassenarbeiten? Was ist heute zu tun? Kinder brauchen organisatorische Begleitung; eine Struktur, zum Beispiel in Form eines gemeinsam erstellten Wochenplans.
Selbstverständlich können Eltern beispielsweise auch Vokabeln abfragen. Aber auf keinen Fall sollten sie ihrem Kind das Lernen abnehmen, weder Lehrerin oder Lehrer ihres Kindes sein oder zum Beispiel den Stoff für die nächste Klassenarbeit vorkauen. Wenn ich von Eltern Sätze höre wie ,Wir müssen noch Bio lernen’ oder gar ,Wir haben eine 2 geschrieben’, dann ist für mich klar, dass da was schiefläuft. Das Kind sollte lernen, selbst zu lernen. Besser ist es, wenn Eltern sich von ihrem Kind Fragen zu Hausaufgaben oder zum Thema für die nächste Klassenarbeit erklären lassen. Wenn sie dann merken, dass Sohn oder Tochter Defizite oder keine Ahnung hat, müssen sie gegebenenfalls eingreifen und ihr Kind situativ unterstützen.
Vor allem aber warne ich Eltern vor überzogenen Lern- und Leistungserwartungen. Wenn der Nachwuchs dauerhaft nur dank der massiven Mithilfe von Mama oder Papa oder Nachhilfe in der Schule mitkommt, sollten nach den Ursachen geforscht werden. Nachhilfe ist nur geeignet, um kurzfristige Lernlücken zu schließen. Wenn das Kind länger als ein Jahr Lernschwierigkeiten hat, muss die Frage erlaubt sein, ob es auf der passenden Schule ist. Oder ob eventuell eine Lernentwicklungsstörung vorliegt und eine professionelle Lerntherapie sinnvoll und notwendig sein könnte.“
Hartmut Bernart hat einen Master of Science (Psychologie) und ist Integrativer Lerntherapeuth. Er leitet die LTE Lern-Therapeutische Einrichtung in Stuttgart.
„Eltern sollten auch mal bewusst einen Schritt zurücktreten“
„Das Halbjahreszeugnis zeigt den Leistungsstand im ersten Schulhalbjahr und hilft, Stärken und Entwicklungspotenziale zu erkennen. Wichtig ist ein wertschätzender Umgang: Statt Kritik und Druck braucht das Kind jetzt Unterstützung und klare Strukturen, um im zweiten Halbjahr gezielt Fortschritte zu machen.
Eltern sollten ihre Kinder so lange unterstützen, wie sie Orientierung, Sicherheit und Rückhalt brauchen. Auch wenn es auf dem ersten Blick schneller geht, ist es wichtig, nicht jede Aufgabe für sie zu übernehmen. Spätestens dann, wenn Kinder grundsätzlich in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen, sollten Eltern bewusst einen Schritt zurücktreten.
Wichtig ist dabei, den Zeitpunkt nicht zu lange hinauszuzögern. Wenn Eltern dauerhaft eingreifen, Probleme abfangen oder Misserfolge verhindern wollen, kann das die Eigenmotivation des Kindes schwächen. Das Kind lernt dann nicht, mit Fehlern umzugehen, und entwickelt weniger Selbstständigkeit. Im schlimmsten Fall entsteht eine Negativspirale aus Unsicherheit, Leistungsabfall und sinkendem Selbstvertrauen.
Beim Thema Lernen sollten Eltern auf keinen Fall:
- Dauerhaft kontrollieren oder Druck ausüben
- Aufgaben für das Kind übernehmen
- Fehler bestrafen oder dramatisieren
- Leistung mit Liebe verknüpfen
- Vergleiche mit Geschwistern oder anderen Kindern ziehen
- Das Lerntempo oder die Lernweise des Kindes ignorieren
- Frustration des Kindes kleinreden. Aussagen wie „Das ist doch nicht so schwer“ nehmen dem Kind das Gefühl, ernst genommen zu werden.
Nachhilfe ist sinnvoll, wenn sich die Noten deutlich verschlechtern oder Kinder bereits mehrfach schlechte Noten in Klassenarbeiten geschrieben haben. Wichtig ist, dann frühzeitig mit der Nachhilfe zu beginnen, damit die Lernlücken nicht noch größer werden. Nachhilfe kann aber auch genommen werden, wenn sich Schülerinnen und Schüler Notenziele, zum Beispiel in Abschlussprüfungen gesetzt haben und diese allein nicht erreichen.“
Denise Kirchberger ist Sprecherin der ZGS Bildungs-GmbH, zu der auch der Nachhilfeanbieter „Schülerhilfe“ mit mehreren Standorten in Stuttgart gehört.