Wenn Großeltern Enkel erziehen Haltet euch da raus!
Großeltern haben häufig eine eigene Vorstellung davon, was für ihre Enkel gut ist. Das kann zu Konflikten führen. Was Eltern tun können, um den Frieden zu wahren.
Großeltern haben häufig eine eigene Vorstellung davon, was für ihre Enkel gut ist. Das kann zu Konflikten führen. Was Eltern tun können, um den Frieden zu wahren.
Stuttgart - Wie macht man einen Kinder-Kaffee? „Bei uns kommt eine Prise Zimt in die Milch oder ein bisschen Kakao – irgendetwas, das cool aussieht. Aber definitiv kein Kaffee“, sagt Lena Degen*. Ihren Schwiegereltern war das nicht klar. Als ihre dreijährige Enkelin Klara* bei einem Besuch einen Kinder-Kaffee forderte, träufelte die Großmutter ihr so lange Kaffee in die Milch, bis die leicht hellbraun wurde.
Nachdem sie ihrer Schwiegertochter davon erzählt hatte, stellte Lena Degen klar, dass sie das nicht möchte. „Kind und Kaffee – schon der gesunde Menschenverstand sagt einem doch: Das passt nicht zusammen“, betont die 31-Jährige. Sie dachte, damit sei das Problem geklärt.
Bis sie Klara ein paar Tage später erneut in der Obhut ihrer Schwiegereltern ließ. Abends, beim Geschirrspülen, bemerkte sie: Klara hatte wieder Kaffee zu trinken bekommen. Dieses Mal aus ihrer Kindergarten-Flasche. „Als ich die Flasche aufgedreht habe, kam mir der Kaffeegeruch schon entgegen“, sagt Lena Degen. „Da war ich echt auf 180.“
In Deutschland ist etwa ein Drittel der Großeltern an der Enkelbetreuung beteiligt. Das ergab eine Studie des Deutschen Zentrums für Altersfragen. Dass es dabei immer wieder zu Auseinandersetzungen kommt, ist ganz normal. „Deshalb hat niemand etwas falsch gemacht“, sagt die Sozialpädagogin Valeska Riedel.
Viel wichtiger sei, wie die Beteiligten mit Konflikten umgehen, sagt die stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF). Sie rät dazu, keine Vorwürfe zu machen, sondern gelassen zu bleiben: „Sowohl die Eltern als auch die Großeltern wollen normalerweise ja nur das Beste für das Kind.“
Dass ihre Vorstellungen davon, wie das zu erreichen sei, häufig weit auseinanderliegen, liegt Riedel zufolge daran, dass die Bedingungen, unter denen die Generationen aufgewachsen sind, sich erheblich unterscheiden. Erziehung finde nicht nur im Mikrokosmos Familie statt, sagt sie. Sie sei stets geprägt von den aktuellen Werten, dem Menschenbild, dem Wissensstand und vielem mehr. „Und wir alle wissen, dass es zu jeder Zeit zu Irrtümern und Fehlinformationen kommen kann.“
Für die Stuttgarter Familientherapeutin Rose Griffel sind Respekt und Wertschätzung der Schlüssel zu einer guten Beziehung. „Wenn man dem anderen in jedem Fall eine gute Absicht unterstellt, weckt man in der Regel eine positive Resonanz“, sagt sie. Gleichzeitig sei es wichtig, Schwierigkeiten zeitnah, offen und direkt anzusprechen. Und dabei einen respektvollen Ton zu wahren, „auch wenn man verletzt ist oder wütend“.
Lena Degen versuchte gleich nach dem Abwasch, ihre Schwiegereltern anzurufen, erreichte sie aber nicht. Also schickte sie beiden eine Nachricht. „Ich habe geschrieben, dass sie Klara bitte keinen Kaffee mehr geben sollen, weil ich absolut dagegen bin“, sagt sie. Sie halte es für möglich, dass Koffein in so geringen Dosen einem Kind nichts ausmache, tippte sie weiter in ihr Handy, trotzdem wolle sie nicht, dass Klara so früh damit in Berührung komme.
Schon in der Vergangenheit hatte sie ein paarmal damit zu kämpfen, dass ihr Schwiegervater sich in die Erziehung einmischte. „Zum Beispiel hat er mir gesagt, dass ich meinen Sohn nicht bei jedem Quäken hochnehmen soll, damit er lernt, alleine klarzukommen“, sagt sie. „So hätten er und seine Frau das früher mit ihren Kindern auch gemacht.“
„So langsam ist sie aber wirklich zu alt für einen Schnuller!“ Solche Ratschläge sind oft der Auslöser für Spannungen. Andrea Schulz aus Bad Wildbad hat einen Weg für sich gefunden, damit umzugehen. Die 34-jährige Intensiv-Krankenschwester erzählt: „Mein Mann und ich versuchen, alle Ratschläge erst einmal ernst zu nehmen.“ Ihr Sohn hatte, bis er zwei Jahre alt war, immer sehr rote Backen. Die Oma vermutete eine Milchallergie. Andrea Schulz und ihr Mann besprachen das umgehend mit dem Kinderarzt, „denn es hätte ja wirklich sein können, dass es an so etwas liegt“.
Manchmal hilft es ihr aber auch, das Gesagte geflissentlich zu überhören. Die Baby-Trage etwa, die die Großeltern für zu einengend halten, benutzt sie nach wie vor. Sie weiß, dass ihre Tochter gerne darin schläft. Sie habe gelernt, es nicht immer recht machen zu müssen.
Doch wer bestimmt nun im Einzelfall, wie lang das Kind täglich Fernsehen schauen darf oder wie viele Süßigkeiten in Ordnung sind? Frank Baßfeld und Ulrike Halm, die in Stuttgart eine Praxis für Psychotherapie betreiben, raten zu einer Mischung aus Grundregeln, an die sich alle halten, und zu einer gewissen Selbstbestimmung für diejenigen, die sich gerade um das Kind kümmern.
Dazu sollten die Eltern zunächst festlegen, welche Regeln ihnen wichtig sind, so die beiden Familientherapeuten. Anschließend sollten sie den Großeltern ausführlich erklären, wie sie zu ihren Vorstellungen gekommen sind. Nur so sei es den Großeltern möglich, diese nachzuvollziehen.
Dabei müssen bei Oma und Opa gar nicht dieselben Regeln gelten wie zu Hause. Bei den Großeltern dürfen die Kinder vielleicht nicht jedes Zimmer betreten, dafür lesen sie ihnen zum Beispiel länger vor als die Eltern. Schon für kleine Kinder sei es wichtig, sich in die Bedürfnisse anderer einzufühlen, sagt die Pädagogin Rose Griffel: „So lernen sie, sich anzupassen.“ Kinder, die es frühzeitig schaffen, sich flexibel in verschiedenen Lebenswelten zu bewegen, sagt Griffel, seien bestens vorbereitet auf die Kita, die Schule, den Beruf „und überhaupt auf das Leben.“
Bei Lena Degens Schwiegereltern bewirkte ihre deutliche SMS ein Einlenken. Noch am selben Nachmittag antwortete ihre Schwiegermutter, sie und ihr Mann würden Klara keinen Kaffee mehr zu trinken geben. Bei ihrem nächsten Treffen war die Stimmung zunächst zwar etwas angespannt, mittlerweile ist das Verhältnis zu ihren Schwiegereltern aber wieder genauso herzlich wie zuvor.
* Name von der Redaktion geändert
Tritt ein Problem immer wieder auf, kann ein ungeklärter Konflikt zwischen Eltern und Großeltern dahinterstehen, der mit der Sache selbst nichts zu tun hat. In dem Fall kann es helfen, eine außenstehende Person einzubeziehen, die bei der Lösung hilft, etwa im Rahmen einer Familienberatung.
Anlaufstellen in Stuttgart sind unter anderem die Psychologische Beratungsstelle der Evangelischen Kirche (Tel.: 07 11 / 66 95 90) sowie die Psychologische Beratungsstelle des Caritasverbands (Tel.: 07 11 / 6 01 70 30). Der Caritasverband bietet auch eine vertrauliche und kostenfreie Online-Beratung an: www.caritas.de/hilfeundberatung