Wenn in der Kirche der Wurm steckt Kleine Tiere – große Wirkung

Hans Cabanis setzt an den geschnitzten Figuren die Giftspritze an. Foto: Roberto Bulgrin

in der prächtigen alten Holzkanzel in der Cyriakuskirche in Baltmannsweiler-Hohengehren haben sich Holzwürmer breit gemacht. Die betroffenen Schnitzereien wurden fachmännisch behandelt.

Region: Corinna Meinke (com)

Wenn Hans und Annette Cabanis die Spritze zücken, wird es ernst. Dann hat das letzte Stündchen für all die Holzwürmer geschlagen, die die Schnitzereien an der Kanzel der Cyriakuskirche in Baltmannsweiler-Hohengehren zum Fressen gern haben. Die beiden Esslinger Diplomrestauratoren injizieren ein Holzschutzmittel in die Fraßgänge, damit Johannes der Täufer und all die anderen neu- und alttestamentlichen Gestalten nicht von innen ausgehöhlt werden. Für die Behandlungskosten gab es eine Kostenspritze durch die Stifter für Baltmannsweiler und Hohengehren.

 

Weiches Lindenholz ist beliebt

So eine Behandlung ist bei altem Holz immer mal wieder notwendig, erklären die beiden Restauratoren, denn Anobium punctatum, wie der gemeine Nagekäfer unter Fachleuten bezeichnet wird, schmeckt vor allem das weiche Lindenholz. Hartholz wie beispielsweise Eiche stehe dagegen nicht auf dem Speiseplan der ein bis zwei Millimeter kleinen Larven. Übrigens können die Tiere bis zu neun Jahre lang ihr Unwesen im Holz treiben, bevor sie sich verpuppen, als Käfer schlüpfen und ausfliegen, um an anderer Stelle ihre Eier abzulegen, aus denen dann erneut Larven schlüpfen.

Diesen Kreislauf zu durchbrechen, sei gar nicht so einfach berichtet das Restauratorenpaar. Je nach Befall müsse die Prozedur alle paar Jahre wiederholt werden. Vor rund zehn Jahren war vor allem der Schalldeckel über der fast 300 Jahre alten Kanzel von den Holzwürmern heimgesucht worden. Der Befall war so stark, dass viele kleine Häufchen Holzmehl auf der Oberseite von der Aktivität der Parasiten kündeten. „Da waren lauter kleine Vulkane zu sehen“, erinnert sich Annette Cabanis. Bleibt ein Holzwurmbefall unentdeckt, können die Larven auch massive Holzkonstruktionen regelrecht aushöhlen und die Statik eines Bauteils gefährden, berichten die Fachleute.

Die Löcher werden mit Kreidekitt verschlossen

Die Arbeiten in der Cyriakuskirche, deren Kirchenschiff vermutlich im 14. Jahrhundert erbaut worden ist und die für ihre farbenprächtigen Emporenbilder bekannt ist, sind nach zwei Tagen abgeschlossen worden. Die Restauratoren haben nach der Injektion des Holzschutzmittels die Ausfluglöcher mit Kreidekitt verschlossen und die vielen kleinen Verletzungen an den geschnitzten Figuren mit wasserlöslichen Spezialfarben retuschiert. Und der Schalldeckel über der Kanzel wurde erneut komplett mit dem Schutzmittel eingelassen.

In den vergangenen Jahren hat es die evangelische Gemeinde auch mit einer biologischen Abwehr versucht, berichtet Pfarrer Jonathan Dörrfuß. Dafür habe man Röhrchen mit Schlupfwespen nahe der befallenen Holzteile aufgehängt. Diese kleine Wespenart könne die Nagegeräusche der Anobien hören, die Holzwürmer orten und die Larven mit einem gezielten Stich außer Gefecht setzen. Allerdings habe diese ungiftige Methode im Fall der Kanzel keinen nachhaltigen Erfolg gehabt.

Auch andere Gemeinden haben Sorgen

Sind einmal Holzwürmer im Gebäude, muss regelmäßig ihre Aktivität beobachtet werden, da sind sich Pfarrer Dörrfuß und die Restauratoren einig. Das geschieht auch in den evangelischen Kirchen in Aichwald, berichtet der Pfarrer Jochen Keltsch. Vor Jahren habe es bei der Renovierung des Schanbacher Gotteshauses eine chemische Behandlung gegeben. In Reichenbach wird das Gebälk auf der Bühne der Mauritiuskirche alle zehn Jahre von einer Fachfirma gegen Holzwurmbefall behandelt, berichtet der langjährige Kirchengemeinderat Wilfried Rayher, während die evangelische Gemeinde im Lichtenwalder Teilort Hegenlohe ganz andere Sorgen umtreiben.

In der dortigen Heilig Kreuz Kirche sind in den 1970er Jahren die Balken im Dachstuhl mit giftigem Holzschutzmittel behandelt worden. Momentan läuft eine Schadstoffanalyse parallel zu einer Schadenskartierung rund um die Schäden am Gebäude durch Risse und Setzungen, berichtet Stefan Großmann. Wann saniert werden soll, ist noch unklar, erst brauche es eine Kostenschätzung, sagt der Kirchengemeinderat.

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