Wenn Scheidungen zum Entführungsfall werden Mit den Kindern im Keller versteckt
Scheidungen können schmutzig sein. Zum Drama werden sie, wenn Kinder ins Ausland entführt werden. Die Suche nach ihnen wird zum Wettlauf gegen die Uhr.
Scheidungen können schmutzig sein. Zum Drama werden sie, wenn Kinder ins Ausland entführt werden. Die Suche nach ihnen wird zum Wettlauf gegen die Uhr.
San Francisco/Stuttgart - Dad, bitte hol mich hier raus.“
„Was ist los?“
„Mama hat mich geschlagen, zehnmal.“
„Was?!“
„Sie hat gesagt, sie würde mich in die Psychiatrie stecken.“
„Warum sollte sie das tun?“
„Ich weiß nicht.“
„Mein Junge, du weißt, das wird nicht passieren. Ich werde das nicht zulassen.“
„Hoffentlich. Ich muss jetzt Schluss machen. Sie darf mich nicht erwischen.“
Diese Sätze tauscht Marc Coleman (Name von der Redaktion geändert) im Sommer 2020 mit seinem Sohn aus, der sich aus einem Versteck bei ihm meldet. Der damals Elfjährige hat Angst vor seiner Mutter. Er schreibt die Textnachricht, die der Redaktion in voller Länge vorliegt, mit seiner Spielkonsole via Skype, denn die Mutter hat ihm das Handy abgenommen. Marc, sein Vater, weiß jetzt, dass die Zeit drängt. Er muss seine Ex-Frau und die beiden Kinder finden.
Die Kommunikationsfetzen sind der vorläufige Höhepunkt eines Scheidungskriegs, der Mutter, Vater und die Kinder von San Francisco in die schwäbische Provinz, weiter nach Düsseldorf, Stuttgart und zurück in die USA führt. Verwickelt sind deutsche und amerikanische Behörden, Richter, Staatsanwälte, Jugendämter, Polizisten und eine Stuttgarter Fachanwältin für Familienrecht. Sibel Yüksel ist darauf spezialisiert, Mandanten zu ihrem Recht zu verhelfen, deren Kinder aus dem Ausland entführt wurden, um sie dem Ex-Partner zu entziehen.
Sie stützt sich dabei auf das Haager Kindesentführungsübereinkommen (HKÜ). Yüksel: „Ziel ist, dass ein Kind so schnell wie möglich in sein Herkunftsland zurückkehrt. In dem Staat, in dem die Familie vor der Entführung gelebt hat, soll dann entschieden werden, wer das Sorge- und das Umgangsrecht bekommt.“ Das Übereinkommen hat rund 100 Vertragsstaaten.
Ein zuletzt spektakulärer Fall war der Sorgerechtsstreit um den sechsjährigen Eitan, den einzigen Überlebenden des tödlichen Seilbahnunglücks vom Lago Maggiore. Der Junge mit israelischen Wurzeln hatte seine Eltern, Urgroßeltern und einen kleinen Bruder bei der Katastrophe verloren. Er kam bei seiner Tante in der italienischen Stadt Pavia unter. Der Großvater ließ ihn nach Israel entführen, musste ihn aber aufgrund mehrerer Gerichtsentscheidungen nach Italien zurückbringen.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Die Pandemie ist ein Stresstest für Paare
Das Haager Abkommen funktioniert also – und stößt doch an Grenzen. Erst recht während der Coronapandemie. Marc Coleman, ein 39-jähriger IT-Experte, arbeitet in San Francisco. Er erzählt am Telefon seine Geschichte. Am Anfang steht, wie so oft, die große Liebe. Im Jahr 2007 lernt der Amerikaner die Deutsche Jasmin K. (Name ebenfalls geändert) kennen, sie heiraten wenig später. Sie zieht zu ihm nach San Francisco, 2009 kommt die Tochter, ein Jahr später der Sohn zur Welt.
Die Idylle währt nur kurz. „Wir trennten uns und wurden 2014 geschieden.“ Seine Ex-Frau geht zurück nach Deutschland, kündigt aber an, nach ein paar Monaten wiederzukommen. Als aus Monaten fast ein Jahr wird, reist Marc ihr nach und arbeitet zeitweise in Düsseldorf. Es ist ein letzter Versuch der beiden, ihr Privatleben zu ordnen. Erneut ziehen sie nach Kalifornien. „Dort aber wurde endgültig klar, dass das nicht gut gehen wird.“ Das Sorgerecht teilen sich beide.
Dann kommt der Nachmittag im Oktober 2019, der dieser Geschichte eine unheilvolle Wendung gibt: Wie vereinbart will Marc die Kinde von der Schule abholen. „Doch da war niemand.“ Er findet heraus, dass seine Ex-Frau nach Deutschland gereist ist, ins Haus ihres verstorbenen Opas in einer kleinen Gemeinde zwischen Nagold und Calw. Monatelang versucht er, sie telefonisch zur Rückkehr zu bewegen. Ohne Erfolg. Die Sache geht vor Gericht. Beide treffen sich im Februar 2020 unmittelbar vor dem weltweiten Corona-Ausbruch zu einem Gerichtstermin in Stuttgart. Das Amtsgericht entscheidet, dass die Kinder an den Ort „ihres gewöhnlichen Aufenthalts“ zurück sollen – also in die USA. Das Oberlandesgericht bestätigt diese Entscheidung. Im Glauben, bald seine Kinder bei sich zu haben, fliegt Marc zurück und wartet.
Er wartet vergebens. In den Wochen danach breitet sich Coronapandemie global aus. Jede Reise birgt ein unwägbares Risiko, erst recht ein Zwölfstundenflug nach San Francisco. Marc hat vor allem Angst um seinen Sohn, der an einer angeborenen Erkrankung der Leber leidet. Die Abgeschiedenheit der schwäbischen Provinz erscheint ihm sicherer als eine Millionenstadt in den USA. „Wir einigten uns, dass die Kinder bis Ende Juli in Deutschland bleiben.“
Das war möglicherweise ein Fehler. Denn bei Kindesentführungen drängt die Zeit. Anwältin Sibel Yüksel: „Binnen eines Jahres sollte ein Antrag auf Rückführung gestellt und das Kind wenn möglich in das Land zurückgeführt werden, wo es vor der Entführung den gewöhnlichen Aufenthalt hatte.“ Die Gerichte prüften aber auch bei der Jahresfrist den Einzelfall und die genauen Umstände. „Oft ist es auch möglich, dass der entführende Elternteil das Kind nach dem Gerichtsbeschluss zurück in das Land des gewöhnlichen Aufenthalts bringt und das Kind dort bei diesem bleibt, bis das zuständige Gericht vor Ort eine Sorgerechtsentscheidung gefällt hat.“ Sorgeberechtigt seien ja in aller Regel weiterhin beide Elternteile, bis eine Entscheidung des Gerichts ergeht.
Aber ein Jahr geht rasch vorbei. Das wissen die Betroffenen und ihre Anwälte. Yüksel: „Da wird oft auf Zeit gespielt.“
Lesen Sie aus unserem Angebot: Dramatischer Rückschlag für Laras Vater
Das versucht auch Jasmin. Sie kommt nicht im Juli. Sie kommt auch in den Wochen und Monaten danach nicht. Sie hat viel zu tun. Marc Coleman realisiert nach eigenen Worten erst später, dass sie die Kinder zu verschiedenen Krankenhäusern bringt, um zu beweisen, dass sie schwer krank sind oder gar vergiftet wurden. Eine Klinik verständigte das Jugendamt, das überraschend an der Tür des Hauses bei Nagold klingelt. Doch niemand öffnet. Marc Coleman: „Ich erfuhr später von den Kindern, dass sie sich mit ihrer Mutter stundenlang im Keller versteckt hatten.“ Die Kinder werden dem Vater zugesprochen. Auf dem Papier. Doch Jasmin weigert sich, einer Rückführung zuzustimmen. Die gesundheitlichen Gefahren seien zu groß. Und ein Leben in den USA sei den Kindern nicht zuzumuten. Die Mutter selbst zu dem Fall zu befragen ist derzeit unmöglich. Niemand weiß, wo sie sie aufhält.
Die Pandemie als Blockadeinstrument – Sibel Yüksel kennt auch diese Taktik. „Das Haager Abkommen verbietet Rückführungen, wenn eine schwerwiegende Gefahr im Heimatland droht.“ Die Pandemie bot vielen Entführern – Vätern und Müttern – nach der Trennung einen idealen Vorwand, um die Kinder nicht freizugeben. Auch Marc Colemans Ex-Frau beruft sich auf diesen Paragrafen. „Die Rechtsprechung ist aber keineswegs eindeutig“, so Yüksel. Trotz der Coronalage erlauben sie in vielen Fällen die Rückführung der entführten Kinder. Die Coronakrise stelle in aller Regel keine „schwerwiegende Gefahr“ dar, zumal Schutzvorkehrungen getroffen werden können.
Doch für Marc Coleman drängt die Zeit. Er beschließt, noch einmal nach Deutschland zu fliegen. Trotz der coronabedingten Flugverbote bekommt er die Erlaubnis einzureisen. Er könnte jetzt seine Kinder an die Hand nehmen und zurückreisen. Das Problem: Sie und die Mutter bleiben verschwunden.
„Alles, was ich wusste, war: Sie wurde in Düsseldorf von ihrer dort lebenden Schwester gesehen, die noch Kontakt zu ihr hatte.“ Also fährt Marc dorthin, um nach ihr zu suchen. Mission Impossible: Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen lungert er in der Altstadt herum, streift durch Straßen und Parks. Und eines Tages sieht er eine Frau. Sie ist es. „Ich folgte ihr und verständigte die Polizei.“ Die Beamten – mit der Situation möglicherweise überfordert – erlauben der Frau, mit den Kindern zu gehen, und hindern Marc an der Verfolgung. Erst einen Tag später schaltet das Gericht in Stuttgart die Polizei ein – wegen Gefährdung des Kindeswohls. „Dann erst drangen schwer bewaffnete Beamte in die Einzimmerwohnung vor und nahmen die Kinder mit.“ Sie sind nur mit dem Nötigsten bekleidet. Marc verlässt Deutschland – mit den Kindern. „Wenigstens war der Rückflug im halb leeren Flugzeug mit 200 Dollar billig.“
Seine Ex-Frau gibt nicht auf, reist ihm nach und verspielt mit körperlichen Attacken auf ihn ihre letzte Chance auf ein geteiltes Sorgerecht. Das Gericht verhängt ein Annäherungsverbot. Doch wie ein Gespenst aus der Vergangenheit taucht sie bis heute bei ihm auf, klopft an die Tür und sprüht Durchhalteparolen in deutscher Sprache auf die Straße. Ihre Sicht der Dinge lässt sich nicht erfragen. Denn auch Marc weiß nicht, wo sie sich aufhält.
Die Geschichte könnte hier zu Ende sein. Doch sie hat ihre düsteren Spuren in der zersplitterten Familie hinterlassen. Coleman: „Beide Kinder haben eine Posttraumatische Belastungsstörung.“ Die emotionale Irrfahrt hat das Gemüt seines Sohns aus der Balance gerissen. Er neigt zu Wutausbrüchen, macht aber in einer Therapie gute Fortschritte.
Auf die deutschen Behörden blickt Marc mit zwiespältigen Gefühlen. „Die sind überfordert, wenn sich jemand ihren Anordnungen einfach entzieht.“ Die Stuttgarter Anwältin Sibel Yüksel sieht das differenziert: „Wenn wir nicht wissen, wo sich die Kindesmutter aufhält, können wir auch nichts machen.“ Dieses Problem stellt sich mit den Behörden einiger Länder. „Wir scheitern oft damit, den Aufenthaltsort eines Vaters oder einer Mutter in bestimmten Staaten herauszufinden.“ Da können Monate, gar Jahre ins Land gehen. Für die Rückführung ist es dann oft zu spät. „Ich hatte einen Fall, in dem der Vater seine Kinder in die Türkei entführt hat.“ Drei Jahre später wurde der Mann tot in einem Hotel aufgefunden. Dann erst konnten die Kinder zu ihrer Mutter. Die emotionalen Folgen mag an sich kaum vorstellen.
Beim Bundesamt für Justiz herrscht dagegen kein Alarmismus. Die Fallzahlen im Jahr 2020 seien weitgehend konstant geblieben, heißt es im Tätigkeitsbericht für 2020 – trotz der weltweiten Covid-19-Pandemie und der Reisebeschränkungen. Möglich sei allenfalls, dass die erwartete jährliche Steigerung der Entführungsfälle durch die Pandemie ausblieb.
Doch hinter jeder Zahl verbirgt sich ein Schicksal. Marc weiß, dass sein Kampf ohne die Expertin aus Stuttgart vergebens gewesen wäre. „Sibel hat mir wirklich geholfen.“ Doch am Ende bleibt ein bitterer Nachgeschmack. „Es geht nicht ums Gewinnen oder Verlieren. Meine Kinder haben ihre Mutter verloren.“ Und das, so der 39-Jährige, „ist doch das Schlimmste“.