Stuttgart - Das Stück wird nicht auf der Bühne, sondern im Foyer des Schauspielhauses gegeben. Besucher kommen keine, die Akteure sind ihr eigenes Publikum. Auch der Titel klingt spröde: „Ordentliche Mitgliederversammlung des Fördervereins der Staatstheater Stuttgart“. Doch es kann spannend werden, wenn am nächsten Donnerstag die erste und wohl einzige Aufführung ansteht. Klappt alles, wie von der Regie seit Wochen diskret geplant? Oder tanzt jemand im letzten Moment aus der Reihe? Endet der Abend, der nach manchem Konflikt hinter den Kulissen wieder Harmonie herstellen soll, gar mit einem Eklat? Da es keine Generalprobe gibt, wird sich das erst bei der „Premiere“ zeigen. Einlass ist um 19 Uhr, Beginn um 19.30 Uhr.
Normalerweise hält sich das öffentliche Interesse an dem 1952 gegründeten Förderverein in Grenzen. Mehr als 400 Freunde von Oper, Schauspiel und Ballett sind darin versammelt, um Gutes für die Staatstheater zu tun. Unterstützt werden vor allem junge Künstler und besondere Projekte; für den Neubau der Cranko-Schule sammelte man sogar eine Million Euro. Im Gegenzug genießen die Mitglieder „eine Reihe exklusiver Vorteile“, etwa spezielle Einblicke in den Kulturbetrieb.
Die Spitzen der Stuttgarter Gesellschaft
Es sei wichtig, dass die Theater in der „Spitze der Gesellschaft“ verankert seien, lässt sich der Verein auf seiner Internetseite vom Geschäftsführenden Intendanten Marc-Oliver Hendriks loben. Tatsächlich sind viele der Förderer reich an Geld, Erfolg oder Einfluss: Aktive oder ehemalige Unternehmer zählen zu dem illustren Kreis, zudem Managerinnen, Banker, Selbstständige, Anwälte und wohlsituierte Privatiers. Natürlich geht es ihnen mehr oder weniger um die Kunst, aber auch um die Kontaktpflege unter ihresgleichen, ums Sehen-und-gesehen-Werden.
Doch die Zeiten sind nicht normal für die Staatstheater – und damit auch nicht für den Förderverein. Stadt und Land müssen entscheiden, ob sie zusammen eine Milliarde Euro für die Sanierung des Opernhauses aufbringen. Die Schicksalsfrage ist noch ziemlich offen, angesichts skeptischer Stimmen brauchen die Theater jeden Beistand. Dem Förderverein haben Hendriks und die drei Spartenintendanten dabei eine besondere Rolle zugedacht: Er soll „die großen baulichen Veränderungen aktiv unterstützend begleiten“, heißt es in einem gemeinsamen Brief an die Mitglieder. Es gelte, Verbündete aus allen Bereichen der Gesellschaft zu gewinnen, um die Sanierung „zu einer Angelegenheit möglichst vieler Menschen in Baden-Württemberg zu machen“.
Bauknechts Rückzug wird auch herbeigesehnt
Unter diesen Vorzeichen steht beim Förderkreis nun ein Führungswechsel an. Nach sieben Jahren an der Spitze verabschiedet sich die bisherige Vorsitzende Ann-Katrin Bauknecht, immer noch Stuttgarts bekannteste Charity-Lady und Konsulin von Nepal. Sie verweist auf private Gründe und ihren Umzug in die Schweiz, zudem wird sie dieses Jahr achtzig. Bei der Mitgliederversammlung dürfte Bauknecht mit Lob überhäuft werden, vielleicht winkt ihr sogar der Ehrenvorsitz.
Intern aber wurde ihr Rückzug zuletzt auch herbeigesehnt. Neidvoll schielen Mitstreiter nach Baden-Baden, wo der Freundeskreis des Festspielhauses floriere; von der erfolgreichen Arbeit dort könne man sich viel für Stuttgart abschauen. Nötig sei eine „Wiederbelebung“ des Fördervereins, sagt ein Kulturkenner – gerade so, als wäre dieser schon tot. Munter schien es zuweilen nur zuzugehen, wenn interne Kleinkriege auszufechten waren, oft getrieben von Eitelkeiten oder Eifersüchteleien. Prompt erhielt der Verein hässliche Etiketten wie „Intrigantenstadel“ oder „Schlangengrube“.
Schuster schweigt zu seiner Kandidatur
Neuen Schwung reinbringen und alte Konflikte befrieden – das wird vom künftigen Vorstand erwartet. Namen nennen weder Bauknecht noch die Intendanten, nicht einmal intern. Gemeinsam habe man nach Kandidaten gesucht und eine neue Struktur ausgetüftelt, mit der die drei Sparten gestärkt würden, erfuhren die Mitglieder lediglich. Selbst der Aspirant für den Vorsitz, den unsere Zeitung schon im Dezember öffentlich machte, wird offiziell nicht bestätigt und schweigt auch selbst: Altoberbürgermeister Wolfgang Schuster.
Eigentlich hatte der 70-Jährige, der immer noch ein gutes Dutzend (Ehren-)Ämter auflistet, schon wegen Zeitmangels abgesagt. Nun aber tritt er doch an, unbeeindruckt von auch kritischen Reaktionen. Als Verfechter von Stuttgart 21 und Fan des gescheiterten Trump Towers auf dem Pragsattel sei er vielleicht nicht der Ideale, um für die Opernsanierung zu werben, wenden Skeptiker ein; schon kursiert die Spottversion „Oper 21“. Auch kommunikativ sei es Schuster nicht gegeben, Begeisterung für das Milliardenvorhaben zu wecken. Selbst das Kalkül, mit dem Christdemokraten lasse sich die konservative Klientel der Halbhöhenlagen einbinden, wird teils angezweifelt: Da gebe es ebenso gut vernetzte „Schwarze“ ohne solchen Ballast. Allerdings kann der Alt-OB auf große Kulturprojekte aus seiner Amtszeit verweisen – Stichwort Kunstmuseum und Stadtbibliothek.
Drei starke Vorstände für die Sparten
Aber Schuster soll offenbar nicht die alleinige Galionsfigur werden, sondern nur eine Art Holdingchef ohne eigenes Ressort. Unter ihm soll es in dem von derzeit fünf auf mehr als zwanzig Mitglieder erweiterten Vorstand drei starke Spartenchefs geben. Auch sie sind intern längst ausgeknobelt, werden aber noch nicht verraten. Für die Oper soll nach Informationen unserer Zeitung Ingrid Hamm (65) zuständig sein, früher Geschäftsführerin der Bosch-Stiftung. Ums Schauspiel soll sich Ulrich Dietz (60) kümmern, einst Chef des IT-Dienstleisters GFT, ums Ballett die Unternehmerin und Mäzenatin Ariane Piëch. Nach einer Übergangszeit, wird spekuliert, könnten Hamm oder Dietz Schuster an der Spitze beerben.
Doch das Personaltableau krankt an der konspirativen Art und Weise, in der es zustande kam. Bauknecht darf es zwar präsentieren, aber es trägt vor allem die Handschrift der Intendanten. Hinter den Kulissen haben die alles festgezurrt. Nun hebt sich der Vorhang, die staunenden Mitglieder dürfen applaudieren. Zwei derzeitige Vorstände aber, die gerne im Amt bleiben wollten, fühlen sich schnöde übergangen. Einer von ihnen, Wirtschaftsanwalt und Mäzen Mark Binz (70), hatte sogar ein ausführliches, mehrfach gelobtes Reformkonzept für den Förderverein entwickelt. Doch er gilt nicht als jemand, der sich gerne fernsteuern ließe – und polarisiert zudem durch seine Streitbarkeit.
Störpotenzial gäbe es genug
Nun wird mit Spannung erwartet, ob die beiden – wie angedeutet – trotzdem kandidieren. Chancen hätten sie wohl nur, wenn die neue Spitze nicht per Blockwahl gekürt würde. Doch so viel Demokratie, ahnen Insider, riskiere man lieber nicht. Dem Vernehmen nach ist schon ein versierter Moderator ausgeguckt, der die Versammlung elegant zum geplanten Ergebnis steuern soll. Abweichler müssten gut überlegen, heißt es, ob sie sich mit Störmanövern isolieren wollten – ein Kalkül, dass aufgehen könnte. Dabei gäbe es durchaus Störpotenzial. Schon wird gefragt, ob die Einladungen eigentlich innerhalb der vorgeschriebenen Frist versandt worden seien. Wer wegen Formfehlern eine Wiederholung erzwänge, bräuchte sich in dem erlesenen Kreis freilich nicht mehr blicken zu lassen.
Im Machtspiel der großen Egos könnte der Geschäftsführende Intendant Hendriks am Ende als Sieger dastehen. Als er bei einem Konflikt im Förderverein einmal zum Eingreifen ermuntert wurde, hielt er sich mit einer schönen Begründung heraus: Kinder seien nicht dazu da, Streit zwischen ihren Eltern zu schlichten. Nun bugsieren die „Kinder“ – also die Intendanten - ihre „Eltern“ genau dahin, wo sie sie haben wollen.