Seit Neil Armstrong wissen wir, dass auch kleine Schritte große für die Menschheit sein können. Günter Riemer betritt zwar nicht den Mond, sondern Kirchheimer Gehwege. Aber auch er ist überzeugt, dass viele kleine Schritte die menschlichen Belange weit voranbringen können. Sonst hätte der Baubürgermeister der Stadt unter der Teck, zuständig auch für Mobilität und Digitalisierung, wohl kaum die Schritte-Challenge der Arbeitsgemeinschaft fahrrad- und fußgängerfreundlicher Kommunen in Baden-Württemberg (AGFK-BW) mitinitiiert. Dass der Schrittmacher und AGFK-Vorstandsvorsitzende an dem Wettbewerb auch teilnimmt, versteht sich sowieso von selbst. 100 weitere der insgesamt knapp 800 Beschäftigten der Kirchheimer Stadtverwaltung tun es ihm gleich. Landesweit machen rund 3500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den 27 AGFK-Mitgliedsstädten, -gemeinden und -landkreisen mit, darunter die Stadtverwaltungen von Esslingen und Leinfelden-Echterdingen.
Worum es geht? Innerhalb von vier Wochen so viele Schritte wie möglich zu machen. Also angewandte Ökomobilität zu beweisen durch zu Fuß zurückgelegte Wege – private wie berufliche, vom Sonntagsspaziergang über den Sprung zum Kaffeeautomaten bis zum längeren Dienstgang. Um die Wette schreiten die Verwaltungsmänner und -frauen noch bis 4. April – nicht nur gegen die anderen Kommunen. Auch die Teams, von denen es mehrere pro Stadt, Gemeinde oder Kreis geben kann, treten gegeneinander an. Sieger ist, wer die höchste durchschnittliche Schrittzahl pro teilnehmender Person erreicht. Gezählt werden die Schritte mit allem, was die Technik hergibt: App, Smartwatch oder dem am Hosenbund hängenden Schrittzähler-Klassiker. Derzeit (Mittwoch, 12.17 Uhr) liegt Renningen vorn mit 102 346 Schritten pro Person, bei den Teams führen die Spring Walker aus Singen mit 229 180 Schritten. In allen 27 Kommunen zusammen wurden bislang 239 584 194 Schritte getan. Singen siegte übrigens bei der ersten Challenge im vergangenen Jahr mit 21 beteiligten Kommunen und 2500 Teilnehmenden.
Siegen ist nicht alles
Aber bei diesem Wettbewerb ist Dabeisein viel und Siegen nicht alles. Das eigentliche Ziel trägt die Arbeitsgemeinschaft fahrrad- und fußgängerfreundlicher Kommunen im Namen. Es geht um höhere Gewinne: für die Umwelt, das Klima, lebenswerte statt von Blechlawinen erstickte Stadträume. Ein Weg zum Ziel ist die Stärkung des Fußgängerverkehrs, und sie ist die Mission der Challenge.
Bewusstsein schaffen, Wertschätzung wecken
Günter Riemer will mit der Challenge schlichtweg „Bewusstsein schaffen für das Zu-Fuß-Gehen als die natürlichste und umweltfreundlichste Fortbewegungsart.“ Und damit Wertschätzung wecken, an der es im Berufsleben schon aus einem simplen Grund mangelt: Für zu Fuß gegangene Strecken gibt es keinen Fahrtkostenersatz. In der Sache selbst sieht Riemer eine schöne Eintracht vielfältiger Vorzüge: Gesundheit, urbane Wahrnehmung, Ökologie und Soziales. „Zu-Fuß-Gehen ist Bewegung und Begegnung“, sagt der Bürgermeister, „die Aktion hat auch einen kommunikativen Aspekt. Wer als Fußgänger in der Stadt unterwegs ist, trifft Leute, kommt ins Gespräch. Nach den Lockdowns ist diese ungezwungene Art des Miteinander ein wiedererwachtes Bedürfnis.“ Und wenn es mal pressiert, findet der eilige Passant „höfliche, aber bestimmte Mittel, seine Wege schnell fortzusetzen“, ist Riemer überzeugt. Keineswegs nur ein Nebeneffekt für fußläufige Stadtverwaltungsleute sind Mängelerfahrungen aus eigener Anschauung, etwa eingeschränkte Barrierefreiheit oder lange Wartezeiten an Ampeln. Letztere habe man in Kirchheim durch häufigeres Umschalten abgeschafft.
Zentral ist für Riemer die Botschaft, dass Fußgänge keine säuerlichen Öko-Bußgänge sind, sondern Spaß machen und den Erfahrungshorizont erweitern können. Für Sabine Frisch, bei der Stadt Esslingen tätig in der Stabsstelle Nachhaltigkeit und Klimaschutz und eine von 198 Teilnehmenden der insgesamt 1997 Beschäftigten der Stadtverwaltung, ist das selbstverständlich. Sie liebt vor allem „die vielen kleinen, alten Wege in die Esslinger Stadtteile“. Ihr Mobilitätsverhalten musste die passionierte Fußgängerin und Radfahrerin für die Challenge nicht umstellen. Sie weiß aber von Kolleginnen und Kollegen, die genau dies taten. Wolfgang Kirst, bei der Stadt zuständig für die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements, gehört nicht dazu. Auch er ist ein Bewegungsmensch, der etwas bewegen will, nämlich „dazu beitragen, dass die Leute andere Mobilitätsformen als das Auto ausprobieren.“ Im Wettbewerb hat er ein Handicap: Bei seiner Größe braucht er weniger Schritte als die kleiner gewachsene Konkurrenz.
Welchen Anteil haben Fußgänger am Verkehr?
Wege
Um den Anteil der Fußgänger am gesamten Verkehr zu beziffern, gibt es zwei Ansätze. Der erste ist, die Wege zu zählen. Laut jüngeren Statistiken werden in Deutschland derzeit rund 23 Prozent aller Wege zu Fuß zurückgelegt. 1972 waren es noch 33 Prozent. Die Überalterung der Bevölkerung scheint den Anteil des Fußgängerverkehrs allerdings wieder zu erhöhen. Laut der Studie „Mobilität in Deutschland“ von 2017 legen die über 80-Jährigen 34 Prozent ihrer Wege zu Fuß zurück, die 40- bis 49-Jährigen nur 16 Prozent.
Kilometer
Die Zahl der Wege sagt nichts über die Verkehrsleistung in Kilometern aus, da zu Fuß zurückgelegte Wege im Durchschnitt nur 1,4 Kilometer lang sind. Der zweite Ansatz beziffert deshalb den Anteil der zu Fuß zurückgelegten Kilometer an der gesamten Verkehrsleistung. Das Bundesverkehrsministerium teilt für 2019 einen geschätzten Anteil des Fußgängerverkehrs von 2,9 Prozent mit. 1976 waren es noch 4,3 Prozent. 73,6 Prozent entfielen 2019 aufs Auto.