Wer ist der neue Freiburger OB Martin Horn? Der Freiburg-Eroberer

Freiburgs neuer OB Martin Horn ist „voll gespannter Erwartung“ Foto: Fionn Große

Martin Horn hat Anfang Mai völlig überraschend die Oberbürgermeisterwahl in der südbadischen Metropole gewonnen – jetzt tritt er sein Amt an. Wer ist dieser Mann, der sich als Mister Unbekannt bewarb und so steil aufgestiegen ist? Eine Begegnung.

Regio Desk: Achim Wörner (wö)

Stuttgart - Das Jackett legt Martin Horn an diesem Morgen beim Treffen im Café Hüftengold gleich mal ab. Der Stuttgarter Kessel ist schon aufgeheizt an diesem sonnigen Frühsommertag. Und weil der 33-Jährige zuvor noch seinen zweijährigen Sohnemann versorgt hat, ist er zusätzlich ein wenig ins Schwitzen gekommen. Doch jetzt ist er da, der künftige Oberbürgermeister der Stadt Freiburg, der in Sindelfingen gearbeitet hat und noch bis Ende des Monats mit seiner Frau Irina und den beiden Kindern – der Kleine ist keine vier Wochen alt – in Stuttgart wohnt.

 

Es braucht kein Abtasten, wie sonst so oft, wenn zwei Gesprächspartner sich erstmals persönlich begegnen. Martin Horn, nach seinem Amtsantritt am 2. Juli wohl der jüngste Rathauschef einer deutschen Großstadt, gibt sich offen und kommunikativ, so wie bereits im Wahlkampf. „Ich bin total vorfreudig, bin voll gespannter Erwartung“, sagt er. „Und ich bin froh, wenn es offiziell losgeht.“ Dass er wegen Klagen, die eine nicht zugelassene Kandidatin gegen die Wahl eingereicht hat, nur als „Amtsverweser“ starten kann, trübt seine Stimmung nicht; dies zumal mit Ausnahme des fehlenden Stimmrechts im Gemeinderat damit keine Einschränkung verbunden ist. Nur der Begriff stört ihn. „Ich bin etwas jung, um zu verwesen“, sagte er mit dem ihm eigenen Hang zur Selbstironie.

Manchmal reibt sich Martin Horn selbst die Augen

Was ist das für ein Mensch, der – angetreten als Mister Unbekannt – bei der Oberbürgermeisterwahl Anfang Mai Freiburg aus dem Stand heraus eroberte, der mit Dieter Salomon einen versierten Kommunalpolitiker und Grünen-Granden aus dem Feld schlug? Wo liegen seine Wurzeln, was hat ihn geprägt? Wie geht er die Herkulesaufgabe an der Spitze einer 5000 Mitarbeiter zählenden Verwaltung und eines zersplitterten Gemeinderats an?

Martin Horn, schlank, mit schmalen Lippen und markanter schwarzumrandeter Brille, reibt sich selbst manchmal die Augen angesichts seines erstaunlichen Aufstiegs zum Regenten der viertgrößten, 230 000 Einwohner zählenden Kommune im Südwesten. Weder habe er bisher ein Parteiamt inne gehabt noch jemals eine Gemeinderatssitzung geleitet oder einen Haushalt eingebracht, sagt er frank und frei. Und doch schreckt ihn dieses unbekannte Terrain nicht ab. Seine Kernmannschaft werde aus Menschen bestehen, denen er zu 100 Prozent vertraut, bei denen sich Spaß an der Arbeit und Professionalität verbinden. Aber auch darüber hinaus will er möglichst viele mitnehmen auf dem Weg, in Freiburg brach liegende Potenziale zu heben. Nicht zuletzt die Bürger selbst, denen er regelmäßig Sprechstunden anbieten wird. „Nur gemeinsam können wir etwas wuppen“, meint Horn, der als Parteiloser für die SPD antrat.

Der Schultes in spe wuchs in einem weltoffenen Elternhaus auf

Das Hüftengold hat er selbst ausgewählt als Ort der Begegnung: Wohnzimmeratmosphäre herrscht hier mit gemütlichen Bänken und ein wenig Plüsch. Viele junge Leute belegen an diesem Vormittag die Tische, aber auch ältere sind darunter. Irgendwie passt dieses Ambiente zu Martin Horn, dessen Vater, Klaus Hoffmann, seinen Sohn als „menschenzugewandt, lebensfroh und zielstrebig“ beschreibt. Hoffmann, mittlerweile im Vorruhestand, ist evangelischer Pfarrer in Hornbach gewesen. In diesem Umfeld einer südwestpfälzischen Gemeinde ist der Schultes in spe zusammen mit drei Schwestern aufgewachsen.

Das Elternhaus war nicht pietistisch, sondern stark ökumenisch orientiert, weltoffen. Die im vergangenen Jahr verstorbene Mutter hat sich sozial und ökologisch engagiert. „Die bedingungslose Wertschätzung“ aller Menschen habe er da mitbekommen, sagt Horn, der rumgekommen ist in der Welt. Nach dem Abitur war der passionierte Skifahrer und Taucher unterwegs mit dem Rucksack, hat für Greenpeace in Neuseeland gearbeitet und in Namibia erstmals bittere Armut hautnah erlebt.

Recht spät, erst mit 23 Jahren, hat er in Ludwigsburg ein Studium der sozialen Arbeit begonnen und danach in Bremen einen Master in internationaler Politik darauf gesetzt – all dies verbunden mit Praktika beim Europarat, im Europäischen Parlament, bei internationalen Organisationen. In sechs Sprachen kann er sich verständigen, darunter auch auf Arabisch, wenn es sein soll. Dass er schließlich als Europa- und Entwicklungskoordinator bei der Stadt Sindelfingen anheuerte, war also nur folgerichtig. Dort habe er bewiesen, urteilen Beobachter, „dass er nicht nur sehr eloquent ist, sondern tatkräftig mit anpackt“. Während der Flüchtlingskrise saß er schon mal persönlich am Steuer eines Transporters, der Hilfsmittel aus der Daimlerstadt zur griechischen Insel Samos brachte.

Die Wahl der Stadt war kein Zufall

Doch je mehr er in fernen Gefilden unterwegs war, desto stärker spürte Horn den Drang, sich auf kommunaler Ebene engagieren zu wollen, an der Basis, wo die Menschen ihre Heimat haben. Seine Bekanntschaft mit der SPD-Generalsekretärin im Land, Luisa Boos, führte schließlich zur Kandidatur in Freiburg, wobei die Wahl der Stadt kein Zufall war: Seit jeher gebe es diverse Bezüge, und als er dort samt Familie die Trauer um den Tod seiner Mutter verarbeitete, war für ihn vollends klar, so stellt er es dar: „Entweder OB an diesem Ort oder sonst nirgendwo.“

Dass die Bewerbung einem Himmelfahrtskommando glich, der Amtsinhaber auch nach 16 Jahren felsenfest im Sattel zu sitzen schien? Geschenkt. Martin Horn erkundete von Herbst an minutiös die Stadt an der Dreisam, die er von vielen Besuchen ohnehin schon gut kannte. Früh hat er nach eigenem Bekunden in Gesprächen gespürt, dass im Südbadischen eine „Wechselstimmung“ herrscht. „Viele hielten die Kandidatur für vermessen und haben mich gewarnt“, erzählt er. „Aber mir war klar, dass es eine reelle Chance auf einen Sieg gibt.“

Martin Horn weiß, was er will. Manche sagen auch, er sei ein Getriebener, dazu mit einem allzu großen Selbstbewusstsein ausgestattet. In jungen Jahren schon erstellte er eine Liste der 100 Dinge, die er auf Erden erledigen will, eine Liste, die atmet, die ihm Antrieb ist und Orientierung gibt. Der Freitod eines Onkels, den er als besonders einschneidendes Erlebnis beschreibt, war der Auslöser dafür. Horn war 15, als der Verwandte starb. Nur keine Zeit verplempern scheint seither sein Motto zu lauten, stattdessen: Leben, Leben, Leben.

Fast eineinhalb Stunden dauert das Gespräch schon. Nach einer kühlen Maracuja-Schorle stehen mittlerweile ein Espresso Macchiato und Wasser auf dem Tisch. Die Nachbarn haben gewechselt. Horn versprüht jugendlichen Charme und strahlt zugleich viel Energie aus. Der Wahlsieg wirkt noch immer wie legales Doping.

Auf Horn warten politische Spannungsfelder

Sein Erfolgsrezept? Kein fertiges Programm vorzulegen, sondern erst mal zuzuhören. Dialog statt Frontalunterricht. Horn hat dies den Vorwurf eines inhaltsleeren Wahlkampfs eingetragen, den Vorwurf, nicht zu sagen, wofür er steht und nur jedermanns Darling sein zu wollen. Doch gegen solche Sichtweisen verwahrt er sich: „Ohne stichhaltige Argumente“, betont er, „hätte ich nicht gewonnen.“

Dabei ahnt Horn, dass die Nagelproben erst kommen. Politische Spannungsfelder warten auf ihn, die er als Novize auf dem OB-Thron noch vor der Sommerpause austarieren muss: beim Stadionneubau für den SC Freiburg oder in der Debatte über das große Neubaugebiet Dietenbach auf der grünen Wiese. Alles umstritten und geeignet, ihm den Start gründlich zu vermiesen. Auch seine Vision von mehr bezahlbarem Wohnraum, die im 100-Tage-Programm auftaucht, wird nicht so schnell zu realisieren sein. Immerhin: Das Thema steht ganz oben auf seiner Tagesordnung, ebenso wie die Initiierung eines Leerstandskatasters oder die Senkung der Kita-Gebühren.

Salomons Ehefrau verlässt das Vorzimmer des Oberbürgermeisters

Die pikanteste Personalie hat er, erstaunlich zupackend, immerhin schon vor Amtsantritt gelöst. Salomons Ehefrau Helga Mayer-Salomon, die das Vorzimmer ihres Gatten führte, schiebt künftig in der Baubehörde Dienst – wobei die Versetzung manchem Netzkommentator nicht weit genug geht: „Ein wesentlicher Grund für die Freiburger, Herrn Salomon nicht mehr zu wählen, war, dem Filz ein Ende zu bereiten. Nun geht’s gerade so weiter“, mäkelt ein Enttäuschter. „Ich werde es nicht allen Recht machen können“, sagt Horn nur – wissend, dass zwischen „Hosianna“ und „Kreuzigt ihn“ ein schmaler Grat liegt.

Längst geht es auf Mittag zu im Hüftengold. Die ersten Essen werden serviert. Wie er all die Erwartungen, die von außen an ihn herangetragen werden, erfüllen will? Martin Horn kommen die Worte des US-amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr in den Sinn : „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Es wird spannend sein zu beobachten, wie ihm das gelingt – und dabei sich selbst treu zu bleiben, die Bodenhaftung zu bewahren und sich nicht vom Amt auffressen zu lassen, was sein erklärter Wille ist. Der Mittwochvormittag soll, so hat er sich fest vorgenommen, der Familie gehören. Im Juli wird das wohl zweimal klappen.

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