Wer lenkt das Spiel des VfB Stuttgart? Die zentralen Probleme

Von Dirk Preiß 

Aus der Mitte entspringt kein Fluss: Der VfB Stuttgart hat Schwierigkeiten im zentralen Mittelfeld, wodurch das Spiel stockt. Daniel Didavi fehlt dem Team, was aber nicht das einzige Problem ist.

Santiago Ascacibar (li.) und Christian Gentner (li.) haben Probleme, das Spiel des VfB Stuttgart zu lenken. Foto: Baumann
Santiago Ascacibar (li.) und Christian Gentner (li.) haben Probleme, das Spiel des VfB Stuttgart zu lenken. Foto: Baumann

Stuttgart - Weil es nicht viele dieser Momente gab in der laufenden Bundesliga-Saison, ist die Erinnerung daran noch lange nicht verblasst. Also: Man schrieb den 29. September, der VfB Stuttgart empfing den SV Werder Bremen, es lief die 19. Minute. Daniel Didavi bekam den Ball, spielte das, was man einen Zuckerpass nennt, Anastasios Donis vollstreckte. Auf der zentralen Position hinter den Spitzen, schwärmte Michael Reschke später, sei Didavi eben „ein Bundesliga-Spitzenspieler“. Das Problem des VfB Stuttgart in der bisherigen Saison: Der Bundesliga-Spitzenspieler ist noch nicht einmal eine Teilzeitkraft.

Wegen einer Entzündung am Schleimbeutel an der Achillessehne konnte Didavi in der Hinrunde kaum mitwirken und fast nie voll trainieren. Die Beschwerden sind nun abgeklungen, nun fehlt nach den vielen Fehlzeiten die nötige Fitness. „Er muss über 90 oder zumindest 60 Minuten Gas geben können“, sagte VfB-Coach Markus Weinzierl am Sonntag. Das konnte Didavi zum Rückrundenstart gegen den 1. FSV Mainz 05 noch nicht – weshalb der Trainer in der Klemme steckt. Denn: Aus seiner Mitte entspringt kein Fluss.

Das liegt einerseits an Daniel Didavi und seinen Verletzungssorgen, die – bezogen auf seine Knorpelschäden im Knie – überwunden schienen. Andererseits daran, dass es keine echte Alternative für die Nummer zehn im Stuttgarter Kader gibt. Und fasst man das Spielzentrum noch ein bisschen weiter, wird das Problem des VfB nicht kleiner, sondern größer.

Axel Witsel als Idealtyp des modernen Zentrumsspielers

Wie ein moderner Zentrumsspieler heutzutage agieren muss, ist beim derzeitigen Branchenprimus wöchentlich zu beobachten. Axel Witsel von Borussia Dortmund ist Balleroberer, sicherer Passgeber, Takt­geber, Tempobestimmer und Vollstrecker. Will der VfB dagegen all das auf den Platz bringen, benötigt es gleich mehrere Spieler, um alle Fähigkeiten abzudecken – vor der Abwehr und hinter den Spitzen.

Da ist zum Beispiel Santiago Ascacibar. Der kleine Argentinier ist ein knallharter Zweikämpfer und nimmermüder Lückenschließer. Mit dem Ball am Fuß verwandelt er sich aber nicht zum Strategen. Zuletzt häuften sich die Fehler im Spielaufbau, die etwas offensivere Rolle, die er am Samstag einnahm, kam dem 21-Jährigen nicht wirklich entgegen – in die Defensivzweikämpfe kam er meist erst gar nicht.

Warum Daniel Didavi noch lange nicht fit ist

Auf der eigentlichen Sechser-Position agierte Dennis Aogo. Er spielt einen sauberen Ball, kann sich in den Zweikämpfen behaupten, ist aber keiner, der das Spiel schnell macht. Viele Jahre seiner Karriere verbrachte er zudem als Linskverteidiger. Kapitän Christian Gentner stopft zwar fleißig Lücken und versucht, die freien Räume zu besetzen und in die Spitze nachzugehen. Seit jeher ist der 33-Jährige aber eher ein Mann für die Halbpositionen. Von der Sechser-Position, auf der er dennoch lange spielte, hat ihn Ex-VfB-Coach Tayfun Korkut abgezogen. Gonzalo Castro gilt ebenfalls als Achter, sollte aber an der Seite von Ascacibar das spielerische Vorwärtselement der Doppelsechs werden. Doch der Ex-Dortmunder spielte erst weit unter Form und nun als Rechtsverteidiger. Hans Nunoo Sarpei (defensiv) und Berkay Özcan (offensiv) waren bisher – auch verletzungsbedingt – keine echten Alternativen.

Die Zukunftshoffnung heißt Orel Mangala

Das Vakuum ist beim VfB also genau dort groß, wo das Herz des Spiels schlagen soll. Nach der aktuellen Saison soll der an den Hamburger SV ausgeliehene Orel Mangala im Zentrum Verantwortung übernehmen. Bis dahin scheint das Problem allein mit der Hoffnung auf einen fitten Daniel Didavi (Reschke: „Es wird noch einige Zeit dauern, bis er topfit ist“) nicht zu beheben sein – und viele Beobachter fragen sich, warum diese Lücke in der noch laufenden Transferperiode nicht geschlossen wurde.

Bis 31. Januar ist noch Zeit für Korrekturen am Kader. Die Überlegungen waren nach den Verpflichtungen von Alexander Esswein, Steven Zuber und Ozan Kabak vorerst abgeschlossen. Nach dem ernüchternden Rückrundenstart wird die Lage aber womöglich anders eingeschätzt.