Wer wählt die AfD? Glaube, Liebe, Ordnung

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Die Delegierten in Stuttgart verströmen eine Euphorie, die auf deutschen Parteitagen eher selten geworden ist. Im Habitus eher bürgerlich als radikal, machen sie aus ihrer Verachtung für das etablierte politische System keinen Hehl.

Sehnsucht nach dem „alten Deutschland“: die AfD-Delegierten arbeiten sich durchs Programm. Foto: dpa
Sehnsucht nach dem „alten Deutschland“: die AfD-Delegierten arbeiten sich durchs Programm. Foto: dpa

Stuttgart - Noch in jedem Territorium, das die Aufklärung besetzt hat, haben sich ,unversehens‘ unbekannte Dunkelzonen aufgetan“, steht bei Heiner Müller, als er über Bert Brecht nachdenkt. In diesen Dunkelzonen, fährt Müller fort, würden die „Dolche der Reaktion“ geschmiedet.

Unversehens kommt einem das Bild wieder in den Sinn, als beim Stuttgarter Bundesparteitag der AfD der ehemalige tschechische Ministerpräsident und spätere Staatschef Vaclav Klaus auftritt. Seine Rede in schwejkschem Deutsch ist Samt, aber seine Worte sind Granit, wenn er den deutschen Freunden auseinandersetzt, dass sie Recht tun, wenn sie sich gegen eine Verschwörung im eigenen Land richteten: Deutschland wäre demnach, umgedreht, eine antidemokratische Dunkelzone, und die Alternative für Deutschland müsse nur ihr Licht richtig leuchten lassen. Sagt Klaus. Augenblicklich steht das Publikum im Saal, wie nur selten ein Publikum bei einem Parteitag in der Republik gestanden hat. Euphorisiert von Eigeneuphorie.

Suche nach Orientierung

Man merkt diese seltsame Fieber jederzeit auch abseits der großen Bühne in diesen zwei „tollen Stuttgarter Tagen“ (Alexander Gauland), zum Beispiel, wenn Günter Geng ins Reden kommt, der in den „leicht versifften achtundsechziger Jahren“ (Jörg Meuthen) in Schwabing sein „Revier“ hatte, wie Geng sagt: „Kein Freund von Strauß, wirklich nicht“, stattdessen Anhänger von Brandt, sei er gewesen, „Willy-Wähler“. Bei der „Motorpresse“ in Stuttgart wird er Verlagskaufmann, dann geht er nach Brasilien, bleibt fast zwanzig Jahre, besiegt eine schwere Erkrankung und kommt mit zwei Kindern und der zweiten brasilianischen Frau nach Deutschland zurück. Er sei „weltoffen, absolut“, sagt Geng, „was denn sonst?“ Aber Deutschland war unterdessen ein anderes Land geworden, nämlich lange wiedervereint, und Geng sucht nach neuer Orientierung: Ronald Barnabas Schill, einst Hamburger Innensenator, Hardliner und Gründer der Partei Rechtsstaatliche Offensive, imponiert Geng. Heute lebt Schill, vielfach angeklagt und politisch gescheitert, in Rio, derweil Geng über die FDP meinungsmäßig zur AfD gekommen ist, für die er in der Ortenau Stimmen sammelt. In Stuttgart verkauft er silberne Anstecker mit dem Parteilogo zum Selbstkostenpreis: drei Euro, und wenn ein potenzieller Käufer, skeptisch das Haupt wägend, bemerkt, das Ding erinnere ihn leider „an einen Vibrator“, dann nimmt ihn Geng einfach lachend in den Arm. Man kann ihm, und da steht er stellvertretend für viele auf diesem Parteitag, nicht die Laune verderben, jetzt, wo sich wirklich „was rührt“. Er sei jetzt angekommen, sagt Geng, in einer Partei, „die quer zum Mainstream steht“, gegen „die linke Merkel ist“ und „alles für Familien tut“, wer täte das sonst? In der politischen Mitte, setzt Geng, mittlerweile 59 Jahre alt, fort, sei in Deutschland nun mal ein Vakuum. Aber jetzt nicht mehr. Jetzt sei da, zentral, die AFD. Und, bitte, von „Rechtsruck keine Spur“. Geng wirkt wie illuminiert.

Sitte, Heimat, Vaterland

Auf seine Weise stellt er die redselige Variante der AfD-Anhänger dar, von denen viele, nicht nur im Vorstand, mit Begriffen so umgehen, als gehörten ihnen die dahinter stehenden Erscheinungen gleich mit. Während die Welt ins Globale wächst, erobert die AfD rhetorisch gewissermaßen schollenweise zurück, was die bewusst verächtlich gemachten „Konsensparteien“ angeblich bereits aufgegeben haben: den Glauben an eine Ordnung vor dem Status Quo, an Sitte, Heimat und Vaterland (und den Glauben überhaupt). Nebenbei: es wird auf diesem Parteitag kein einziges Buch angeboten, das eine Ahnung vermittelte, auf welcher geistigen Grundlage die Partei steht. Aber Jacken gibt es; blau sind sie, für alle Wetter, und das ist mehr als metaphorisch gemeint. Daneben ein Päckchen Flyer der Christen in der AfD, die davor warnen, dass „auch eine Demokratie unmittelbar in die Barbarei führen kann“.

Euphorisch – und vielleicht ist es unter anderem das, was die Mitglieder der AfD so eigen macht: sie vermitteln das Gefühl, auf einer Mitbestimmungs-Mission zu sein, die andere, Etablierte, oft schon aufgegeben zu haben scheinen – euphorisch also ist auch Uwe Gewiese aus Zeitz in Sachsen-Anhalt, 46 Jahre alt, schwarzer Anzug, weißes Hemd, blaue Krawatte und Kinnbart. Angezogen also wie für eine Familienfeier. Mit Blick auf Gewieses bisheriges Leben - erzogen im FDJ-Geist der DDR, gelernter Stahlschlosser und nach der Wende „ein paar Jahre im Freiheitstaumel“ - lässt sich teilweise nachvollziehen, welche gesellschaftlichen Konstellationen zu den 24,3 Prozent für die AfD und André Poggenburg zuletzt bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt geführt haben mögen. Wie viele andere in diesem Bundesland hat Gewiese schneller als ihm lieb war die Berufe wechseln müssen, war in der Gastronomie und fünfzehn Jahre lang Fernfahrer. „Nie Hartz IV“, darauf ist er stolz. Er hat die einen und die anderen gewählt und war „immer enttäuscht“, bis er sich vor anderthalb Jahren der AfD angeschlossen hat, einer „Familie“. Seitdem behandeln ihn „viele alte Freunde sehr kühl“.

Gegen die „Merkelsche Meinungsdiktatur“

Gewiese will „etwas bewahren“, er sagt das so ungefähr, wie es auch viele Redner auf dem Bundesparteitag ungefähr sagen. Verkürzt und lückenhaft zusammengeschrieben gebraucht Gewiese während einer halben Stunde im Gespräch das gesamte Vokabular der AfD: Merkelscher „Meinungsdiktatur“ und „unkontrollierter Zuwanderung“ will er wieder „Werte“ entgegensetzen. Und: „eine Freiheit, die der Islam nicht will“. Gewiese hat den „Fahrplan der AfD“, von der Jörg Meuthen spricht, in großen Teilen internalisiert, also muss etwas funktioniert haben, was in anderen Parteien nicht mehr selbstverständlich ist.

Die AfD macht mittels der rhetorischen Form des Geraunes etliche Gefangene, die sich zum ersten Mal richtig frei fühlen. Mitunter sprechen sie (wie Gewiese) in einer Partei, die eindeutig vom Bürgertum regiert wird, eine Sprache nach, deren dunkle Doppelbödigkeit ihnen teilweise entgeht. Wenn Uwe Gewiese sagt, dass er sein Land behalten beziehungsweise „zurück haben“ will, was immer das heißt, heißt es auch, was Jörg Meuthen ungleich aggressiver ausdrückt: die AfD will eine andere Republik.




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