Wer wird OB in Stuttgart? Wahlkampf ohne Nahkampf

Wer übernimmt im Stuttgarter Rathaus das Kommando? Foto: Mauritius Images/Alamy Stock

Veronika Kienzle, Frank Nopper, Martin Körner, Marian Schreier, Hannes Rockenbauch: Diese fünf Kandidaten dürften die besondere OB-Abstimmung in Stuttgart unter sich ausmachen. Eine Annäherung.

Stuttgart - Es ist doch keine Bombe geplatzt. Im Stuttgarter Rathaus hatte sich noch bis Ferienbeginn das Gerücht gehalten, der wegen der Corona-Pandemie im Tiefschlaf befindliche Oberbürgermeister-Wahlkampf könnte Fahrt aufnehmen, indem noch ein „Großkaliber“ das Feld der wenig bekannten Bewerber ergänzt. Theaterdonner produzierte dann aber doch nur Donald Trump mit der Ankündigung, US-Truppen aus Stuttgart abzuziehen.

 

Dieser Wahlkampf um das wichtigste Bürgermeisteramt in Baden-Württemberg steht unter besonderen Vorzeichen: Nicht nur, dass die üblichen Haustürbesuche und Podiumsdiskussionen weitgehend entfallen müssen. Mit der überraschenden Entscheidung von OB Fritz Kuhn, nicht mehr anzutreten, und den Absagen namhafter Grüner hat sich die Partei ihrer Favoritenrolle entledigt. Für die Konkurrenz, vor allem die bei der Kommunalwahl 2019 in sich zusammengefallene CDU, wirkt das wie Blutdoping. Das Rennen ist offen.

Veronika Kienzle, die Tolerante

Die Last bei den Grünen trägt nun Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle. Mancher in der Partei zweifelt, dass die 57-Jährige nahtlos von der Moderation des Klein-Klein im Bezirk Mitte zu Entscheidungen über große Themen der Stadtpolitik wechseln kann. Allerdings hat man sie mangels anderer Interessenten um die Kandidatur gebeten. Sie traut sich das Amt nach 30 Jahren Engagement in der Kommunalpolitik aber zu. Deshalb radelt Kienzle durch die Stadt, um die Menschen zu überzeugen, vor allem aber, so sagt sie, um mit ihnen über die Probleme zu reden. Sie predigt Toleranz, will Wohnungen auf Parkplätzen und Garagen bauen, unideologisch die Transformation der Mobilität in der Stadt und die Energiewende voranbringen. Sie steht den Kulturschaffenden bei, zarte Pflänzchen wie das Kulturdeck im Züblin-Parkhaus hegt sie.

Wegen Corona sind ihre Kernthemen – Klimaschutz und neue Mobilitätsformen – in den Hintergrund geraten. Stattdessen wird über ihr Steckenpferd „Gendergerechtigkeit“ diskutiert – in einer Art, die einer Kandidatin missfällt, die sich anschickt, die zweite Frau nach Königin Katharina zu werden, die in dieser Stadt etwas zu melden hat. Die Gattin von Wilhelm I. wirkte vor 200 Jahren. In den Arm fällt ihr nun ausgerechnet der Parteifreund Winfried Kretschmann, der wie CDU und AfD gegen das Vorhaben ätzte, endlich eine geschlechtersensible Verwaltungssprache einzuführen. Dabei dürfte dem Ministerpräsidenten klar sein, dass die Gattin seines Redenschreibers Michael Kienzle unterstützt gehört, würde der Verlust des Rathauses doch einen Makel für seine Wahlkampagne bedeuten.

Veronika Kienzle wäre das erste Stadtoberhaupt, das seinen Vor- und Nachnamen tanzen kann. Die 57-Jährige steckt die Anspielungen über ihr Eurythmie-Studium lachend weg, verweist stattdessen auf ihre Leistungen als erste städtische Flüchtlingskoordinatorin. Seit 2013 ist sie in der Stabsstelle für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung im Land beschäftigt. Als Bezirksvorsteherin weiß sie um die Schwachstellen in der Verwaltung, beklagt seit Jahren, die Informationsrechte des Bürgergremiums mühsam einfordern zu müssen. Sie wäre wohl nicht nur OB, sondern auch OBV – Oberbezirksvorsteherin. Für Kienzle zählt weniger die Fähigkeit, ein Bierfass verletzungsfrei anzuzapfen; sie rät den Wählern, die Kandidaten nach „Haltung, Stil, Präsenz und Verlässlichkeit“ zu bewerten.

Frank Nopper, der Leidenschaftliche

Ob sie Erfolg hat, hängt wesentlich davon ab, ob sich Frank Nopper (CDU) als Experte für Wiederaufbau, Arbeitsplätze und Sicherheit profilieren kann. Der Backnanger OB geht davon aus, dass bei dem Feld von bis zu 20 Bewerbern, die Entscheidung nicht am 8. November fällt, sondern erst drei Wochen später, dann im direkten Vergleich. 78 Prozent haben 2012 ihre Entscheidung nicht an der Partei festgemacht, sondern an der Persönlichkeit des Bewerbers. Zwei Aspekte seien entscheidend, sagt Nopper: „Kann der das? Und mag ich den?“

Heute hier, morgen dort – Nopper ist zwar in Stuttgart geboren, in Politik und Wirtschaft bestens vernetzt und wegen der familiären Herkunft (Zahn und Nopper) vor allem den älteren Bürgern ein Begriff. Sein Bekanntheitsgrad gilt aber als ausbaufähig. An einem sonnigen Mittag lässt er auf der Terrasse des Weinberghäuschens von CDU-Stadtrat Fritz Currle den Blick über die Weinberge von Uhlbach schweifen. Dem Kandidaten gefällt die dörfliche Struktur; sie bildet einen wunderbaren Kontrast zu den industriell geprägten Stadtteilen. Am Uhlbacher Marktplatz ist aber Schluss mit Idylle: Hier hat der letzte Laden vor Jahren dichtgemacht.

Nach 18 Jahren in einem Rathaus dürfte er die Abläufe kennen. Aber er erfüllt auch die zweite OB-Voraussetzung: Er kann auf Menschen zugehen. Der 59-Jährige hat noch 52 Tage Resturlaub. Die nimmt Nopper jetzt, um sich in der Stadt umzusehen. Im Internet spielt er mit Emotionen: Fotos zeigen ihn leutselig beim Anstoß eines Fußballspiels, als Kellner beim Benefizessen und beim Freibierausschank. Er schlüpft in einen Overall der Stadtreinigung und in die Feuerwehruniform, er ist Volksschauspieler und Büttenredner. Mit einem detaillierten Programm will der Jurist die Wähler noch nicht belasten. Er setzt auf 100 Prozent Nopper und Prosa: Das Amt würde er mit „Leidenschaft und Tatkraft“ angehen, „das stolze Stuttgarter Rössle nicht nur auf Trab, sondern auf Galoppgeschwindigkeit bringen“ . Dafür müsse ein OB nah beim Bürger und Brückenbauer zwischen verschiedenen Lebenswelten, Lebensstilen und Positionen sein. Dass das im Widerspruch zu seiner Kritik in der Debatte über das Gender-Sternchen steht, kommentiert ein Parteifreund mit dem Hinweis: „Ein echter Nopper.“

Martin Körner, der Verwaltungsexperte

Als „echten Körner“ bezeichnet man einen wahlkämpfenden Sozialdemokraten mit einem Strauß Rosen, der auf den Marktplätzen das Gespräch mit den Bürgern sucht. Martin Körners Arbeitswochen als OB-Kandidat sind zwar „pickepacke voll“, aber wie der CDU-Bewerber vermisst der SPD-Fraktionschef den „Nahkampf“. Im Biergarten auf der Wangener Höhe sinniert er beim „bleifreien“ Pils über die Ausgangslage, die noch nie so gut gewesen sei, auch wenn ihm seine Partei kaum Rückenwind verleihen kann. Wenn nicht jetzt, wann dann? Die Genossen zählen in Stuttgart zu den Dauerwahlverlierern, im Gemeinderat hat Körner nur noch fünf Mitstreiter. Es kommt also auf ihn an. „Körner hätte das Zeug zum OB“, hört man im Rathaus quer durch alle Parteien und Gruppierungen.

Kaum einer kennt die Schwachstellen in der Verwaltung so gut wie der 49-jährige Diplom-Volkswirt, immerhin füllt er das Ehrenamt fast in Vollzeit aus. Vor allem hat der Finanzexperte den städtischen Haushalt fest im Blick. Dem Sozialdemokraten schwebt die Fünf-Minuten-Stadt vor – Wohnen, Handel und Arbeiten liegen dabei eng beieinander, das wäre auch gut fürs Klima. Der geförderte Wohnungsbau ist ihm ein Anliegen, dafür würde er auch auf grünen Wiesen bauen.

Körner ist ein netter Kerl, Widerspruch läutet er regelmäßig mit einer Entschuldigung ein, mit der er sich den Beinamen „Aber sorry“ eingehandelt hat. Er kann aber auch unbarmherzig sein, wie er in der Klinikumsaffäre bewiesen hat, in der er unerbittlich gegen die Rathausspitze ermittelte. Ratskollegen werfen ihm jedoch immer wieder vor, ihre Ideen aufzupolieren, um dann ein Urheberrecht einzufordern. Die SPD befindet sich an der Nahtstelle zwischen bürgerlicher und ökosozialer Mehrheit. Mit Verhandlungsgeschick holt er das Maximale heraus. Dafür hänge er sein Fähnchen aber auch gerne in den Wind, sagen seine Kritiker.

Marian Schreier, der Unabhängige

Der Ratsfraktionschef will mit einem guten Ergebnis in die zweite Runde einziehen. Dabei kommt ihm aber Parteifreund Marian Schreier in die Quere. Dessen Kampagne dürfte Körner Stimmen kosten. Hilfreich sei dessen Auftritt sicher nicht, sagt er. Sein Unmut dürfte die Spitze der Landespartei einschließen, die sich als unfähig entpuppte, die Doppelkandidatur zu verhindern. Es ist nicht ausgemacht, dass der 30-jährige Bürgermeister von Tengen mit seiner Entscheidung über die Köpfe der Genossen hinweg bei der Wahl Schiffbruch erleidet und parteiintern erledigt wäre. Mit einem zweistelligen Ergebnis dürfte er nicht lange in der Strafklasse geführt werden. Andernfalls bleibt er eben im Hegau, das so nah an der Schweiz liegt, dass Schreier beim Besuch des Klärwerks die Grenze überschreiten muss. Das Städtchen mit 4700 Einwohnern, 100 Verwaltungsbeschäftigten, drei Kitas, drei Windrädern und Corona-Problemen erscheint wie eine Lehrwerkstatt für ambitionierte Bürgermeister.

Die Wahl in Stuttgart scheint wie für Schreier gemacht: Er ist nun unabhängiger Kandidat, es gibt keinen Amtsinhaber mit Treue-Bonus, keinen klaren Favoriten, als Außenstehender wird er nicht für das zuletzt ramponierte Image verantwortlich gemacht – und es gibt keinen Wahlkampf nach üblichem Muster. Die Notwendigkeit, diesen ins Internet zu verlegen, kommt ihm gelegen. Digital marschiert er seit Monaten vorneweg. Er sammelte Unterstützer online und kassierte mehr als 70 000 Euro an Spenden ein. In seiner Kampagnenzentrale schuftet ein junges Team an Computern und analysiert, wo einem Wählerstimmen zufallen und wo man es gar nicht versuchen muss. Ob er sich mit seinem Slogan „Der Junge kann das“ einen Gefallen getan hat? Er erinnert an „Hannes kann es“ des Mitbewerbers Rockenbauch von vor acht Jahren. Schreier sieht Potenzial bei jungen, aber auch bei Wählern im Rentenalter, die an ihre Enkel dächten. Keiner kann behaupten, der „Junge“ hätte sich keine Gedanken über die doppelte Herausforderung – Krisenbewältigung und langfristige Entwicklungsperspektive – gemacht. Vieles müsse „einfach gemacht werden“, sagt Schreier und verweist auf die Schlangen vor der Zulassungsstelle oder das „Pingpongspiel“ zwischen Stadt und Land um die Ausleuchtung des Eckensees. Darauf hätten die Steuerzahler einen Anspruch.

Hannes Rockenbauch, der Vordenker

Wie Schreier lässt sich auch Rockenbauch im Wahlkampf für ein sozial- und klimagerechtes Stuttgart zu privaten Treffen einladen, vorzustellen braucht er sich dort nicht. Der 40-jährige Diplom-Ingenieur ist das Gesicht des Stuttgart-21-Widerstands. Seit 2004 sitzt er im Gemeinderat, vor acht Jahren holte er bei der OB-Wahl 10,4 Prozent. Das macht ihn nicht zum Favoriten. Er geht ins Rennen, um „Stuttgart zu einer Modellstadt für Klimagerechtigkeit“ zu machen. Denn „erst kommt der Planet, dann die Wirtschaft“. Rockenbauch legt den Finger in die Wunde: „Die Abhängigkeit von der Automobilindustrie muss und kann überwunden werden.“ Mit dem Zieljahr 2030 für Klimaneutralität lief er gegen die ihm vertraute Wand, die mittlerweile Löcher hat: Forderungen aus seinen Flegeljahren wie der Rückkauf des Wassernetzes und der Energienetze sind nach schroffer Ablehnung weitgehend umgesetzt. Die City wird langsam autofrei, der Rad- und Fußgängerverkehr genießt Vorrang. Der Rat hat auch beschlossen, keine Grundstücke mehr zu verkaufen. Wer hat’s erfunden?

Im Falle von Stuttgart 21 wähnt sich Rockenbauch schon lange auf dem richtigen Gleis: Bahn und politische Gegner diskutieren über Nachbesserungen, die er bereits 2010 in der Schlichtung vehement gefordert hatte.

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