Ein Student der Filmakademie dreht einen rührenden Weihnachts-Werbespot, der ein bisschen an „Forrest Gump“ und „Einer flog über das Kuckucksnest“ erinnert – und an Dieter Hallervorden. Von Adidas wurde der Spot ignoriert.

Ludwigsburg - Karl ist sterbenslangweilig. Der 79-Jährige dümpelt in einem Altenheim dahin, dabei würde der ehemalige Langstreckenläufer am liebsten raus, wieder über matschigen Boden zischen und sich einfach lebendig fühlen. Doch immer, wenn er den Ausbruch versucht, hält ihn das Pflegepersonal zurück. Ein Ausbruch aus dem tristen Alltag scheint aussichtlos – bis sich seine Heimmitbewohner an Weihnachten für ihn einsetzen.

Das ist die Geschichte des neuesten Werbespots aus der Schmiede der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg, deren Clips in der Vergangenheit schon häufiger Aufmerksamkeit erregten. Autor und Regisseur ist der 26-jährige Eugen Merher, der an der Filmakademie Werberegie studiert. Die Idee dahinter sei gewesen, zu zeigen, dass auch alte Menschen noch große Taten vollbringen könnten, sagt Merher. Zu dem Film inspiriert hat ihn ein mittlerweile verstorbener Verwandter, der „sehr jung im Herzen“ war. Als Producer unterstützten ihn Karli Baumann und Karl Heidelbach, an der Kamera war Mortimer Hochberg.

Den Hallervorden-Film kannte der Regisseur nicht

Beworben werden in dem rührenden Clip alte Laufschuhe von Adidas. Mit ihnen läuft Karl in die Freiheit. Die letzte Einstellung erinnert stark an den Ausbruch des „Häuptlings“ aus dem Klassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“. Dieser Film sei ebenso Vorbild für den Werbespot gewesen wie „Forrest Gump“, sagt Merher. Der in sozialen Netzwerken geäußerte These, er habe Dieter Hallervordens Film „Sein letztes Rennen“ kopiert, will Merher entgegentreten: „Dieser Film war mir bis kurz vor Dreh gar nicht bekannt. Und ich habe ihn dann auch nicht angeschaut, um ihn möglicherweise unbewusst zu kopieren“.

Im Fachjargon nennt man einen Werbeclip wie den von Merher einen Spec-Spot. Das hat nichts mit dem Ludwigsburger Oberbürgermeister Werner Spec zu tun, sondern kommt vom englischen „on spec“, was „auf gut Glück“ bedeutet. Sprich: der Film wurde nicht im Auftrag von Adidas gedreht, aber die Macher erhoffen sich positive Resonanz und eventuell einen Auftrag.

Spec-Spots haben Tradition

An der Filmakademie haben diese Spec-Spots Tradition. Bekanntheit erlangten beispielsweise ein Streifen über Johnny Walker oder ein Spot, in dem ein Mercedes den kleinen Adolf Hitler überfährt.

Letzterer hat dem Autobauer gar nicht gefallen, weswegen die Filmakademie gezwungen war, ihn als eigene Produktion zu kennzeichnen. Rechtlich gesehen bergen die unautorisierten Spec-Spots ein „gewisses Risiko“, erklärt Olivia Marten, Projektbetreuerin für Werbefilme an der Filmakademie. Immerhin nutzen die Studenten die Marke eines Unternehmens. In der Regel freue sich aber jeder über kostenlose Werbung. Um auf Nummer sicher zu gehen, kennzeichnet die Filmakademie mittlerweile jeden ihrer Spec-Spots mit ihrem Logo.

Für die Filmer sind die Spec-Spots eine gute Möglichkeit, bereits während ihrer Ausbildung auf sich aufmerskam zu machen. So schaffte es das Team Dorian & Daniel in diesem Jahr mit ihrem makabren Volvo-Spot bereits zum zweiten Mal, größere Aufmerksamkeit zu bekommen.

Andere an der Filmakademie ausgebildete Werbefilmer wie beispielsweise Christian Schilling, dessen Unicef-Spot „Granatapfel“ in diesem Jahr in Cannes den Young Directors Award abgeräumt hat, oder Hanna Maria Heidrich, die diesen Preis im Jahr 2011 gewann, sind in der Branche nun sehr gefragt.

Die Filmakademie hat unter dieser Liste auf Youtube zehn Werbefilme aus den letzten 25 Jahren zusammengestellt.