Wernau Die unendliche Geschichtsstube
Fast drei Jahre ist es her, dass die Einrichtung mit dem historischen Erbe der Stadt Wernau geschlossen wurde. Nach wie vor ist das Kreisarchiv damit beschäftigt, den Bestand zu sortieren und zu dokumentieren.
Fast drei Jahre ist es her, dass die Einrichtung mit dem historischen Erbe der Stadt Wernau geschlossen wurde. Nach wie vor ist das Kreisarchiv damit beschäftigt, den Bestand zu sortieren und zu dokumentieren.
Sisyphusarbeit – mit diesem Begriff, der ein Tun beschreibt, das kein Ende nehmen will, ist die Tätigkeit, mit der Kreisarchivar Manfred Waßner und sein Team in der Wernauer Geschichtsstube seit zwei Jahren befasst sind, ziemlich gut beschrieben. Ist der eine Bereich mal so weit abgeschlossen, warten bereits die nächsten Schränke und Vitrinen, Kisten und Kartons darauf, ausgeräumt, erfasst und inventarisiert zu werden. Waßner gab am Montag in der Gemeinderatssitzung in Wernau einen Sachstandsbericht ab. Eine Frau aus der rund drei Dutzend Köpfe zählenden Besucherschar fasste seine Einlassungen mit der Bemerkung, „wie Kraut und Rüben“ zusammen. Wohlgemerkt meinte sie damit nicht Waßners Aufarbeitung, sondern den Zustand, den er in der Einrichtung im Pfauhauser Schloss angetroffen haben muss. Seit fast drei Jahren ist die Wernauer Geschichtsstube geschlossen – und sie wird es auch deshalb wohl noch eine ganze Weile bleiben müssen.
Was wurde bereits aufgearbeitet?
Waßner erklärte, dass die aufwendigsten und kritischsten Punkte zuerst angegangen worden seien. So ist der noch vorhandene Nachlass des katholischen Pfarrers Ernst Hofmann, der während der NS-Zeit den braunen Machthabern die Stirn geboten hatte, aufgeteilt und inventarisiert worden. Der private Teil wurde der Alleinerbin, Hofmanns früherer Haushälterin, zurückgegeben, amtliche Unterlagen der Stadt. Kirchliche Dokumente gingen an das Diözesanarchiv Rottenburg. Das gilt auch für die Pfarrarchive St. Erasmus und St. Magnus, die, wie Waßner ausführte, „ohne erkennbare Rechtsgrundlage in der Geschichtstube aufbewahrt worden sind“. Ebenfalls schon aufgearbeitet ist der schriftliche Nachlass der erst kürzlich verstorbenen Antonie Hanninger, den diese wohl schon 2019 der Geschichtsstube übergeben hatte. Der Nachlass wurde geordnet und ins Wernauer Stadtarchiv integriert. Was sich lapidar anhören mag, „war ein Zeitaufwand von 140 Stunden“, betonte Waßner allerdings.
Wo liegen die größten Probleme?
Die verschiedenen Sammlungen in der Geschichtsstube umfassen Objekte, Bücher und Dokumente unterschiedlicher Art. Ein generelles Zugangsbuch oder eine umfassende Inventarliste gibt es jedoch nicht. Auch für Über- oder Leihgaben an die Geschichtsstube sind meist keine schriftlichen Vereinbarungen getroffen worden. Entsprechend ist nichts dokumentiert oder inventarisiert. Zudem wurden – etwa aus den Pfarrarchiven – einzelne Stücke entnommen und in neue thematische Sammlungen eingegliedert. Die Identifikation und die Zuordnung durch das Kreisarchiv ist damit ebenso aufwendig wie die abschließende Rückgabe an mögliche Eigentümer oder die konservatorische Sicherung. Wernaus Bürgermeister Armin Elbl schilderte das Prozedere: „Wir sind schon so weit, dass wir den Leuten, die ihre Besitzansprüche glaubhaft anmelden, eine eidesstattliche Versicherung abverlangen und ihnen ihre Leihgaben aushändigen.“ Manches sei aber nicht mehr auffindbar, räumt der Schultes ein.
Was muss noch getan werden?
Die stadtgeschichtliche Sammlung, historische Manuskripte und Urkunden, der Bibliotheksbestand, Münzen und Medaillen, Möbel und Gemälde , die Film- und Fotosammlung sowie einige Vereinssammlungen sind noch aufzuarbeiten. Was ansonsten noch zum Vorschein kommt und ob bereits abgeschlossene Projekte nochmals angepackt werden müssen, steht dabei auf einem anderen Blatt. Wie lange das dauern könnte, vermochte Waßner nicht zu sagen. Mit einem zeitnahen Abschluss rechnet er aber nicht.
Und was ist mit dem Förderverein?
Seit März 2022 ist der Förderverein Wernauer Geschichtsstube endgültig Geschichte. Mit der sogenannten Austragung aus dem Vereinsregister wurde die vorhergehende Selbstauflösung formal besiegelt. Übrig blieben die in der Geschichtsstube vorhandenen Gegenstände sowie ein Geldvermögen im niedrigen fünfstelligen Euro-Bereich. Beides geht laut Satzung an die Stadt Wernau über – zu einer „zweckgebundenen Verwendung“, wie es in den Statuten heißt. Während das „Material“ in der Geschichtstube bearbeitet wird, ist das Geld noch nicht bei der Stadt angekommen. Die Gründe dafür werden – je nachdem, wen man fragt – unterschiedlich geschildert. Ferdinand Schaller, der frühere Vorsitzende des Fördervereins, erklärt, mehrfach, aber vergeblich nachgefragt zu haben, wohin er das Geld überweisen soll.
Wie geht’s nun weiter?
Es gibt immer noch mehr offene Fragen als Antworten. Schaller ist es nach wie vor verboten, die Geschichtsstube zu betreten. „Ich will da aber auch gar nicht mehr rein“, sagt er. Was er allerdings möchte: „Meine persönlichen Sachen zurück.“ Zurückgefordert habe er sie schon mehrfach. „Zurückbekommen noch nicht“, ergänzt er. Das Restvermögen des Fördervereins werde er „nächsten Monat auf ein Konto der Stadt überweisen“, versichert Schaller. Er hofft, „dass damit dann die Feldkreuze auf Wernauer Gemarkung saniert werden“. Elbl will darüber nicht spekulieren. „Was mit dem Geld zweckgebunden geschieht“, entscheidet der Gemeinderat. Und was wird aus der Geschichtsstube? Es gibt Ideen, aber noch keine Beratungen. „Für deren Zukunft brauchen wir jedoch auf alle Fälle eine professionelle Unterstützung“, stellt der Bürgermeister klar.
Situation
Jahrzehntelang wurde die Wernauer Geschichtsstube ehrenamtlich gemanagt. Es gab einen Vertrag mit der Stadt, allerdings ließ die Verwaltung den Machern um den Leiter der Geschichtsstube, Ferdinand Schaller, weitgehend freie Hand. Kontrolle? – Eher weniger. Es entwickelte sich eine Eigendynamik, die zwischen Schaller und der Kommune, aber auch innerhalb des Fördervereins, dessen Vorsitz Schaller ebenfalls innehatte, zu Spannungen führte. Im Frühjahr 2020 schließlich eskalierte der Streit. Nach wechselseitigen Vorwürfen ließ die Stadt die Schlösser der Geschichtsstube austauschen, versagte Schaller den Zutritt und sperrte die Einrichtung zu.
Schlussstrich
Zu Beginn des Jahres 2021 wurde der Förderverein Geschichtsstube Wernau aufgelöst. Vorausgegangen war eine umstrittene, schriftliche Befragung der Mitglieder. Der Zoff aber hielt an – darüber, ob und wenn ja, wer was aus der Geschichtsstube entfernt und womöglich veräußert hat, welche Unterlagen verschwunden sind und wer dafür verantwortlich ist. Gegenseitige Vorwürfe und unterschiedliche Aussagen bestimmen bis heute das Geschehen rund um die Geschichtsstube.