Westen in der Krise Werte und Moral sind dehnbar
Die Krise des alten Westens, namentlich der USA und Europas, ist viel größer, als dieser selbst annimmt, kommentiert Christian Gottschalk.
Die Krise des alten Westens, namentlich der USA und Europas, ist viel größer, als dieser selbst annimmt, kommentiert Christian Gottschalk.
Stärke und Skrupellosigkeit, das hat man bisher mit Regimen in Moskau und Riad, in Teheran und in Peking in Verbindung gebracht. Dass auch die USA Stärke und Skrupellosigkeit im Repertoire haben, wird dieser Tage einmal mehr offensichtlich. Den Präsidenten eines unabhängigen Landes entführen, Schiffe auf den Weltmeeren beschlagnahmen, all das hat mit rechtlichem Vorgehen nicht mehr viel zu tun. US-Präsident Donald Trump, schon immer ein gewisser Bewunderer von Wladimir Putin, versucht sich darin, in dem Teil der Welt, den er aus irgendwelchen Gründen für sich und die USA beansprucht, eine Ordnung nach eigenem Gutdünken zu schaffen. Das ist Machtpolitik wie aus dem Lehrbuch.
Zu Recht weisen die Kritiker des US-Präsidenten darauf hin, dass man damit Tür und Tor öffnet, um Nachahmern bei ähnlichem Vorgehen argumentative Schützenhilfe zu geben, und dass diese Nachahmer Wladimir Putin oder Xi Jinping heißen können. Das ist aber nicht die gravierendste Folge des US-amerikanischen Vorgehens. Das Schlimmste ist der komplette Verlust an Vertrauen und an Vorbildfunktion, nicht nur im Fall der USA. Es ist das Ende eines ohnehin immer kleiner werdenden Wertekanons, den der Westen für sich in Anspruch genommen hat – zumindest in Sonntagsreden.
Die europäischen Reaktionen auf das Vorgehen in Caracas waren, um es vorsichtig auszudrücken, zurückhaltend. Moralisch richtig wäre es gewesen, mit allem, was zur Verfügung steht, gegen diese völkerrechtswidrige Aktion aufzubegehren. Tatsächlich aber hat es Tage gebraucht, bis aus Berlin und anderen Hauptstädten des Kontinents zumindest vorsichtiges Naserümpfen zu erkennen war. Die Lage sei „komplex“, hieß es zuvor. Mit Blick auf Venezuela ist das schlichtweg falsch, da ist die Lage eindeutig. Komplex ist es allerdings, weil eine wertebasierte Haltung realpolitische Gefahren birgt. Auch Europa ist vor Trump nicht mehr sicher, das zeigt die aktuelle Grönland-Debatte. Den Egozentriker zu verärgern bedeutet also, sich selbst einer unberechenbaren Gefahr auszusetzen.
Für die Vorsicht gibt es also einen Grund, aber das ist eine sehr europäische Sicht der Dinge. Andere Staaten, und das sind rund drei Viertel aller Länder, blicken mit anderen Augen auf die Welt. Für sie ist die Doppelmoral deutlicher sichtbar. Nun ist Doppelmoral kein neuer Vorwurf an den Westen. Den Krieg in der Ukraine zu geißeln, das israelische Vorgehen in Gaza aber nicht massiv zu sanktionieren, das ist etwas, was vielerorts nicht verstanden worden ist.
Die Zurückhaltung, die Europa nun bei der Kritik an seinem Partner an den Tag legt, wird dieser Ansicht nachhaltig neue Nahrung geben – und den sogenannten Westen in der übrigen Welt weitgehend diskreditieren. Werte und Moral sind durchaus dehnbar, das ist die Lehre dieser Tage. Und was der Westen für sich in Anspruch nimmt, das werden andere ebenso für sich beanspruchen. Allerdings mit anderen Wertungen dessen, was gut und richtig ist.
Das führt Europa in eine sehr viel tiefere Krise, als es der Kontinent bisher selber glaubt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Welt in absehbarer Zeit noch einmal in die Richtung entwickelt, wie sie zu Beginn des Jahrtausends gewesen ist, wird von Tag zu Tag kleiner. Der Status quo von damals war beileibe nicht für alle Staaten von Vorteil. Europa ist ganz gut damit gefahren. Deswegen wird Europa nun auch die Gegend sein, die am stärksten mit den Veränderungen der sich neu ordnenden Welt zu kämpfen haben wird. Wohin dieser Kampf führt, das ist offen. Stärke und Skrupellosigkeit, so viel scheint klar, werden eine größere Rolle spielen. Das ist keine europäische Kernkompetenz.