Western „Neues aus der Welt“ bei Netflix Verlorene Seelen in einem zerrissenen Land
In Paul Greengrass’ bewegtem Spätwestern-Gemälde „Neues aus der Welt“ spielen Tom Hanks und Helena Zengel („Systemsprenger“) zwei vom Schicksal gebeutelte Menschen.
In Paul Greengrass’ bewegtem Spätwestern-Gemälde „Neues aus der Welt“ spielen Tom Hanks und Helena Zengel („Systemsprenger“) zwei vom Schicksal gebeutelte Menschen.
Stuttgart - Der Westen der USA 1870: Fünf Jahre nach dem Bürgerkrieg bluten die Wunden weiter, Gesetzlose marodieren, versklaven Entwurzelte und schlachten massenhaft Bisons wegen der Felle. Europäische Immigranten im Überlebenskampf besiedeln das Land der Ureinwohner, die die U. S. Army ständig weiter dezimiert. In Texas zieht der traumatisierte Ex-Soldat Captain Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks) umher und trägt für ein paar Dollar den Dörflern mehr oder weniger frische Zeitungsnachrichten vor. Unterwegs stößt er auf das blonde Mädchen Johanna (Helena Zengel), das kein Englisch spricht, aber die Sprache Kiowa – eine verlorene Seele wie er selbst.
Beider Schicksale prägen den Spielfilm „Neues aus der Welt“: Kidd war in die Gräuel des Krieges verstrickt und hat viel mehr verloren als seine Unschuld, Johanna fand eine Heimat bei den selben Indianern, die sie zur Waisen gemacht hatten. Beide sind Stellvertreter des unsagbaren menschlichen Leids und Chaos’ in einem zerrissenen Land, das sich Vereinigte Staaten nennt, seine Bestimmung in der Ausdehnung sieht und diese mit hohem Blutzoll vorantreibt. Der Charakterdarsteller Tom Hanks („Forrest Gump“) ist ein Meister der Nuancen, der feinen Gesten und Regungen. Hier wirkt er anfangs routiniert und ähnlich unmotiviert wie seine Figur: Kidd liest die Nachrichten zunächst einfach nur ab, erst spät erblüht er als der charismatische Geschichtenerzähler, der er von Anfang hätte sein können.
Keine Blöße gibt sich die deutsche Kinderdarstellerin Helena Zengel, die 2019 in dem Filmdrama „Systemsprenger“ als nicht erziehbares Mädchen für Furore gesorgt hat. Sie wirft sich mit Haut und Haaren hinein in diese Johanna.
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Die schreit bei Gefahr wie eine Sirene und schlägt um sich, in friedlichen Momenten säuselt sie gedankenverloren ein Lied der Kiowa, und sie erbebt innerlich, wenn traumatische Vergangenheit unvermittelt ihr kindliches Bewusstsein flutet – zum Beispiel, als ihr wie aus dem Nichts ein Satz in ihrer ursprünglichen Muttersprache entweicht. Der englische Regisseur Paul Greengrass („Die Bourne Verschwörung“) folgt dem Spätwestern-Narrativ und torpediert den Mythos vom romantischen „Wilden Westen“ wie vor ihm Sam Peckinpah („Sacramento“, 1962), John Ford („Der Mann, der Liberty Valance erschoss“, 1962), Sergio Leone („The Good, The Bad And The Ugly“, 1966), Arthur Penn („Little Big Man“, 1970), Clint Eastwood („Erbarmungslos“, 1992) und die Coen Brothers („True Grit“, 2010). Was „Neues aus der Welt“ ein wenig abhebt, ist eine große Melancholie angesichts des menschlichen Wütens: Die Hauptfiguren vermitteln sehr intensiv, wie es sich angefühlt haben muss, so einer barbarischen Realität ausgesetzt zu sein.
Greengrass zeigt diese in einer Gemälde-Ästhetik, die an die damaligen Wildwest-Maler Frederic Remington und Charles Marion Russell erinnert.
Einen Schritt weiter war da bereits der schottische Regisseur John Maclean in seinem Film „Slow West“ (2015): Er hat die Bilderbuchlandschaft stilisiert und die Fantasie beflügelt, was statt des Schlachtens hätte möglich sein müssen auf derart paradiesischem Neuland.
„Neues aus der Welt“ läuft bei Netflix.