Westquartier Die Tradition der Salons wachgeküsst

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Zweimal ist Caroline Grafe mit ihrem Litquartier am Bezirksbeirat abgeprallt: Die Räte lehnten es ab, die Kulturinitiative der literaturbegeisterten Frau finanziell zu fördern. Zuletzt hatte Grafe vergeblich um Unterstützung in Höhe von 350 Euro angefragt für ein kleines Festival im Juni.

Seit einem Jahr veranstaltet Caroline Grafe im Westquartier  Lesungen. Foto: Benjamin Schieler
Seit einem Jahr veranstaltet Caroline Grafe im Westquartier Lesungen. Foto: Benjamin Schieler

S-West - Zweimal ist Caroline Grafe mit ihrem Litquartier am Bezirksbeirat abgeprallt: Die Räte lehnten es ab, die private Kulturinitiative der jungen, literaturbegeisterten Frau finanziell zu fördern. Zuletzt hatte Grafe vergeblich um Unterstützung in Höhe von 350 Euro angefragt für ein kleines Festival im Juni.

Vor knapp einem Jahr hat Grafe, die selbst in der Verlagsbranche tätig ist, das Litquartier gegründet. Sie konnte einen Lesekreis zusammentrommeln, der sich alle sechs Wochen trifft, um über gemeinsame Buchlektüren zu debattieren, sie hat Kindern vorgelesen, und sie hat Autoren eingeladen, die ihre neuen Werke vorstellen und anschließend mit den Zuhörern ins Gespräch kommen. Grafes Basisstation ist das Westquartier am Bismarckplatz, das sich mittlerweile zum urbanen Wohnzimmer für intimere kulturelle Veranstaltungen aller Art entwickelt hat – vom rätoromanischen Singer-Songwriter-Konzertabend bis hin zum Qi-Gong-Seminar. Wer etwas Passendes anzubieten hat, kann hier einen Raum mieten. Die Literaturwissenschaftlerin Grafe hat hier eine optimale Plattform gefunden.

Neben dem Lesekreis, dessen erfrischend inhomogene Zusammensetzung aus Literaturwissenschaftlern und Literaturliebhabern sie stets lebhafte Diskussionen verdankten, so Grafe, peilt sie drei Autorenlesungen im Jahr an. „Ich lade dafür eher junge Autoren ein, die noch nicht so bekannt sind.“ Dahinter stecke auch Grafes missionarisches Anliegen, wiederum junge Menschen für Literatur zu interessieren. „Und junge Leute wollen keine Frontalveranstaltung, sondern ein Erlebnis. Der Raum und die lockere Atmosphäre ermöglichen genau das: Im Westquartier begegnen sich Autor und Publikum auf Augenhöhe.“ Grafe sieht ihr Litquartier in der Tradition der literarischen Salons. Bei der Auswahl ihrer Autoren folgt sie den Empfehlungen von Buchrezensionen oder befreundeten Lektoren, oder es fällt ihr ein gutes Buch in die Hände, dessen Autor sie gerne kennenlernen und nach Stuttgart einladen möchte.

Die Resonanz auf die Lesungen im Westquartier waren von Anfang an erstaunlich: Sowohl bei den Berliner Schriftstellerinnen Elisabeth Rank und Julia Trompeter als auch beim Schweizer Autor Arno Camenisch war der Raum gut gefüllt. „Offensichtlich besteht für diese Art Veranstaltung im Westen noch ein Bedarf.“ Der Lesekreis erfreut sich seinerseits einer so großen Beliebtheit, dass man sich vorübergehend auf einen Aufnahmestopp für Neumitglieder geeinigt hat. Nur finanziell ist das Litquartier bislang ein Vabanquespiel geblieben, obwohl Grafe den Autoren wenig und manchmal nichts bezahlt. „Auch ohne Honorar bleiben Reisekosten, Raummiete, ein paar Blumen oder ein Geschenk für die Autorin, wenn sie schon umsonst liest. Das läppert sich so“, sagt Grafe. Die fünf bis sieben Euro Eintritt bei Veranstaltungen würden die Kosten nicht decken: „Oft muss ich drauflegen.“

Ein Förderantrag beim Bezirksbeirat West schien Grafe aussichtsreich. Darin betonte sie „das lokale Selbstverständnis des Litquartiers, das sich als Teil des Kulturbetriebs des Stuttgarter Westens versteht. So möchte das Litquartier mit den Salonabenden, veranstaltet mitten im Herzen des Stadtbezirks, das kulturelle Angebot“ bereichern. „Des Weiteren wird durch die Mietzahlung ein mutiges Projekt der beiden Betreiberinnen des Westquartieres unterstützt“, formulierte Grafe in ihrem Antrag auf finanzielle Unterstützung.

Konkret bezog sich Grafes Förderwunsch in Höhe von 350 Euro auf ein Literaturwochenende am 19. und 20. Juni. Anlässlich des einjährigen Bestehens des Litquartiers gibt es Samstag einen österreichischen Abend mit der Autorin Isabella Straub nebst Spezereien. Am Sonntag folgt auf die Fulminanz am Vortag ein nordkoreanischer Abend mit Geschichten und Bildern aus der kargen Volksrepublik von Spiegel-Bestseller-Autor Christian Eisert.

Doch die Bezirksbeiräte lehnen eine Förderung mehrheitlich ab. „Mich hat das schon etwas enttäuscht“, sagt Grafe. In nicht öffentlicher Sitzung war entschieden worden, dass unter anderem zwar das Feuerseefest auch in diesem Jahr wieder mit 2800 Euro gefördert wird, aber das Litquartier leer ausgeht. Nachdem sich Luigi Pantisano von der SÖS-Linke-Plus darüber echauffierte, dass solche Beschlüsse nicht öffentlich gefasst werden, entspann sich in öffentlicher Sitzung dann doch noch eine kleine Debatte um das Litquartier. Daraus ging hervor, dass sich die Bezirksbeiräte insbesondere daran störten, dass Grafe Eintritt verlangt, wodurch vielleicht ja doch ein gewisser Gewinn generiert würde, was die Gemeinnützigkeit des Projekts infrage stelle.

Ohne Eintrittsgelder könne sie das Litquartier gar nicht finanzieren, sagt Grafe: „Von der Möglichkeit reinen Mäzenatentums ist mein Gehalt weit entfernt.“ Von Profit könne schon gleich gar keine Rede sein. In den Förderrichtlinien des Bezirksbeirats West aus dem Jahr 2012 findet sich kein Hinweis darauf, dass die Kasse am Einlass quasi eine Förderung ausschließt. Eher allgemein heißt es, die infrage stehende Aktivität „muss gemeinnützig sein oder durch den Bezirksbeirat als besonders förderungswürdig eingestuft werden“. Diese Formulierung lässt weite Interpretationsspielräume offen. Andere Förderrichtlinien wie innovativ zu sein, modellhaft oder gemeinschaftsfördernd, erfüllt das Litquartier augenscheinlich. Doch Grafes Projekt hatte auch bei der städtischen Kulturförderung kein Glück: Die Veranstaltungen fänden nicht häufig und nicht regelmäßig genug statt, lautete die Begründung.

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