Wetter im Kreis Esslingen Nicht alle mögen’s heiß – so gehen Städte und Firmen mit der Hitze um

Mit Trinkwasserbrunnen wie hier in der Esslinger Maille wollen Kommunen ihren Bürgerinnen und Bürgern über Hitzewellen helfen. Foto: Roberto Bulgr/n

Hitze kann im Extremfall tödlich sein. Besonders gefährdet sind Ältere und Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Städte im Kreis Esslingen wollen mit Baumpflanzungen Schatten und mit Brunnen Erquickung bieten. Firmen setzen auf Klimaanlagen.

Gefährlich wird es, wenn die Flüssigkeitssäule im Thermometer weit oben bleibt. Noch gefährlicher, nämlich lebensgefährlich, wenn man Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, hohen Puls, hohe Körpertemperatur und Bewusstseinstrübungen spürt. Ersteres – die Dauerhitze – sei noch nicht gegeben, sagt Bernhard Hellmich, Chefarzt der Inneren Medizin an der Medius-Klinik Kirchheim, da die Temperaturen nachts abkühlen. Deshalb kämen „derzeit nur vereinzelt Patienten mit hitzebedingten Problemen in unsere Notaufnahmen“. Anders werde die Lage, wenn „heiße Tage in Kombination mit Tropennächten über einen längeren Zeitraum auftreten“. Solche Hitzewellen seien „gesundheitlich äußerst problematisch, denn wegen der fehlenden Nachtabkühlung kann sich der Körper nicht ausreichend gut erholen“.

 

Hitzschlag kann auch jüngere Menschen treffen

Die genannten Symptome wiederum zeigen einen Hitzschlag an. Und der „kann akut lebensgefährlich sein“, sagt Stephan Thomas, Arzt für Notfallmedizin am Klinikum Esslingen. Momentan würden nur einzelne Fälle im Klinikum behandelt, allerdings betreffen sie „auch junge, an sich gesunde Patienten“. Viel häufiger seien Kreislaufkollapse als Ausdruck von Flüssigkeitsmangel, verminderte Leistungsfähigkeit oder Schwindelgefühle unterhalb der Hitzschlagschwelle. „Hier bemerkten wir in den vergangenen heißen Tagen eine deutliche Zunahme “, sagt Thomas.

Obwohl der Hitzschlag bisweilen auch Jüngere trifft: Grundsätzlich seien ältere sowie chronisch vorerkrankte Menschen, etwa mit Herz-Kreislauf-Erkankungen, von Hitzesymptomen besonders gefährdet, betonen die Mediziner. Bei Älteren stelle zudem das verminderte Durstgefühl ein erhöhtes Risiko dar, da es bereits ohne Hitze oftmals zu Flüssigkeitsmangel führe. In den Seniorenheimen wird deshalb an den heißen Tagen noch genauer als sonst auf das nötige Pensum an Flüssigem geachtet – und dieses auch kontrolliert „bei den Bewohnerinnen und Bewohnern, die es nicht mehr selbst können“, sagt die Einrichtungsleiterin Petra Simon vom Esslinger Pflegestift Kennenburg. Ebenso verfährt man im Kirchheimer Henriettenstift, erklärt die Pflegedienstleiterin Rosemarie Cantatore-Renz.

Alles, was in den Seniorenheimen zur Hitzefolgenprävention praktiziert wird, tut auch jüngeren Menschen gut und entspricht folglich den Empfehlungen der Ärzte: nachts oder frühmorgens lüften, tagsüber Fenster und Jalousien geschlossen halten, körperliche Belastungen und Sport auf die frühen Morgen- oder die späten Abendstunden verlegen, luftige Kleidung mit Kopfbedeckung, leichte Kost mit flüssigkeitsreichem Obst und – trinken, trinken, trinken: pro Tag mindestens zwei, besser drei Liter Wasser, Saftschorlen oder Tee ohne Zucker. Allerdings gelte die empfohlene Trinkmenge für manche Herzpatienten nicht, schränkt Notfallmediziner Thomas ein. Alkoholische Getränke taugen übrigens nichts bei hohen Temperaturen: Alkohol entzieht dem Körper Wasser, und er erweitert ebenso wie Hitze die Blutgefäße, belastet also zusätzlich das Herz-Kreislauf-System.

Der Platz im Schatten ist der neue Platz an der Sonne

Erfreulich indes, dass Kommunen ihre Bürgerinnen und Bürger während der künftig wohl häufiger werdenden Hitzewellen planmäßig erquicken wollen. Zum Beispiel durch das Pflanzen schattenspendender Bäume, die in Ostfildern überall dort stehen sollen, „wo dies städtebaulich möglich ist“, teilt die Pressesprecherin Theresa Osterholzer mit. Für die Stadt Esslingen weist Katja Walther, Leiterin der Stabsstelle Nachhaltigkeit und Klimaschutz, auf sieben neue Baumbeete am Marktplatz hin. Auch am Kronenhof soll Bepflanzung künftig „Schatten und Abkühlung“ bieten, in der Ritterstraße seien die Baumbeete bereits im Februar mit Bänken ausgestattet worden.

Der Platz im Schatten hat in klimakatastrophischen Zeiten mit dem sprichwörtlichen Platz an der Sonne die Wertigkeit getauscht. Deshalb sollen in Kirchheim laut der Stadtsprecherin Jasmin Kögel längerfristig möglichst alle Bushaltestellen mit Wartehäuschen als Schutz nicht nur vor Regen, sondern vor Sonne ausgestattet werden. Auch Kirchheim pflanze neue Bäume – jährlich rund 100 – und erweitere Grünflächen. Zwei Trinkwasserbrunnen seien aufgestellt worden. Esslingen und Ostfildern planen ebenfalls neue Brunnen, Nürtingen prüfe „bei jeder Sanierung, ob die Installation eines Trinkbrunnens möglich ist“, sagt Rathaussprecher Clint Metzger. Der erste werde in der neu gestalteten Kirchstraße entstehen.

Wenn die Hitze ganz unerträglich wird, gibt es immer noch die Flucht an den Arbeitsplatz. Zumindest bei Festo, wo „die Büroarbeitsplätze klimatisiert sind“, sagt der Pressesprecher Christian Österle, und bei Eberspächer, wo laut der Unternehmenssprecherin Anja Kaufer Klimaanlagen oder zumindest gute Belüftung die Temperaturen senken. Bei Ceramtec in Plochingen „ist nur ein Teil der Räume klimatisiert“, sagt Pressesprecherin Anke Peters. Dafür gebe es überall Trinkwasserspender – und gelegentlich kühlt man die Belegschaft mit spendiertem Speiseeis ab.

Deshalb gibt es kaum noch Hitzefrei

Heiße Sommer
 Seit Beginn der regelmäßigen Wetteraufzeichnungen in Deutschland im Jahr 1881 liegen die vier heißesten deutschen Sommer alle im neuen Jahrtausend. Den Rekord hält bislang 2003 mit einer Durchschnittstemperatur von 19,7 Grad Celsius, gefolgt von 2018 mit 19,3 Grad. 2019 und 2022 kommen auf 19,2 Grad. Das langjährige Mittel der Sommertemperatur in Deutschland von 1961 bis 1990 liegt bei 16,3 Grad.

Hitzetote
 Das Robert-Koch-Institut (RKI) geht von einer seit Jahren tendenziell zunehmenden Zahl von Hitzetoten aus. Beziffert das RKI die hitzebedingte Übersterblichkeit für 2012 noch mit 1000 Todesfällen, steigt die Zahl im heißen Sommer 2018 auf 8300. Für den Sommer 2019 wurden 6900 Todesfälle errechnet, für 2020 3600, für 2021 nur 1900, für den ebenfalls recht heißen Sommer 2022 wiederum 4500.

Hitzefrei
Schülerinnen und Schüler müssen auch an heißen Tagen meist im Klassenzimmer weiterschwitzen. Das Kultusministerium hat den Schulleitungen die Entscheidung über Hitzefrei freigestellt (ausgenommen sind berufliche Schulen und gymnasiale Oberstufen). Aber nur noch selten hört man Jubelrufe der Schüler. Der Grund: die Betreuung der Kinder, sagt Christel Binder, Schulleiterin der Esslinger Gemeinschaftsschule Innenstadt. Man könne jüngere Schülerinnen und Schüler nicht einfach heimschicken, wenn beide Eltern berufstätig sind.

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