Wettermoderator Sven Plöger übers Klima „Ich habe mir ein Taxiverbot auferlegt“

Meteorologe, Klima-Experte und „leidenschaftlicher Bahnfahrer“: Sven Plöger. Foto: Eib Eibelshäuser

Vor 25 Jahren moderierte Sven Plöger zum ersten Mal im Fernsehen das Wetter. Heute hält er Vorträge, dreht Dokus und erklärt in Talksendungen die Klimaerwärmung. Im Interview spricht er über seine Prägung, den Einfluss jedes Einzelnen – und Bahnfahrten.

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Fast jeder Mensch in Deutschland kennt Sven Plöger, wie er im Fernsehen das Wetter vorhersagt. Längst aber beschäftigt er sich mit dem, was hinter der Zunahme von Extremwetter steckt.

 

Herr Plöger, was ist Ihr Lieblingswetter?

Schön, mit kleinen Quellwolken, sodass ich eine gute Thermik beim Gleitschirmfliegen habe. Oder wenn richtig was los ist – ohne dass ein Unwetter Schäden anrichtet.

Befasst man sich als Meteorologe heute automatisch mit der Klimaerwärmung?

Das war früher vielleicht noch anders, aber mittlerweile schon, ja. Man sieht die Klimaerwärmung einerseits an Messungen, andererseits spürt man es selbst. Wir nehmen nun wahr, was die Wissenschaft vor 30 oder 40 Jahren gesagt hat – in Form von häufigerem extremem Wetter, Hitze, Trockenheit, Überschwemmungen oder Abgänge von Muren in den Bergen, also Erdrutsche mit Schlamm und Gestein.

Inzwischen spüre jeder, was die Wissenschaft vor 30 oder 40 Jahren gesagt habe, sagt Sven Plöger. Foto: argum/Christian Lehsten

Wann haben Sie die Tragweite des Klimawandels erkannt?

Das war 1988. Damals hatte ich einen Aushilfsjob im Bildungsministerium. Ein Mitarbeiter brachte einen Bericht mit, in dem es um die Klimaerwärmung ging. Da habe ich drin gelesen – und in meinem Kopf ist etwas passiert. Dann kam noch der Orkan Lothar im Jahr 1999. Ich war damals in den Schweizer Bergen und stand in einer Windböe mit 180 Kilometern pro Stunde. Kurz darauf – ich war inzwischen sicher in einem Haus – sind 30 Prozent des Waldes vor meiner Nase umgerissen worden. Da habe ich gemerkt, wie gewaltig die Kräfte der Natur sein können. Und ich hatte den Gedanken: Durch unser Verhalten sind wir Opfer unserer eigenen Taten – eine unglückliche Doppelrolle.

Wie ging es danach weiter?

Ich habe mich verstärkt mit der Klimaerwärmung beschäftigt, durfte in ersten Talksendungen darüber sprechen und hielt Vorträge. Und ich spürte, dass sich die Gesellschaft damals – genau wie heute – sehr schwer mit dem Thema tat und tut.

Aber passiert nicht schon viel Gutes?

Bisher haben wir es weltweit nur geschafft, die Zunahme unserer Emissionen zu reduzieren. Wenn man nur die Zunahme reduziert, bedeutet das, dass wir derzeit die höchsten Emissionen haben, die wir jemals hatten. Natürlich passiert Gutes, und das darf gesagt werden, aber es genügt eben nicht.

Wie kommuniziert man übers Klima?

Jedenfalls nicht, indem man nur von Dystopien und Apokalypsen erzählt. Es ist wenig motivierend, nur zu hören, dass wir dem Untergang geweiht sind.

Sondern?

Wir müssen Mut machen, Chancen sehen und Begeisterung für Veränderung hin zur Nachhaltigkeit entfachen. Neben der fachlichen, gehört eine ordentliche emotionale Komponente dazu. Niemand sagt doch seinen Kindern: „Dir soll es später mal schlechter gehen als mir.“ Besser oder gleich gut ist unser Wunsch. Aber im Moment tun wir alles dafür, dass der erste Satz Wirklichkeit werden könnte. Natürlich ist der eigene Beitrag klein, aber wir sind acht Milliarden Menschen. Und acht Milliarden mal „sehr wenig“ ergibt unseren riesigen Einfluss auf die Umwelt. Auf andere zu zeigen oder das Thema zu leugnen, genügt nicht, denn die Natur interessiert sich nicht für unser Wunschdenken und unsere Ausreden. Da findet einfach nur Physik statt. Klar ist aber auch: Wir brauchen die richtigen politischen Rahmenbedingungen. Solange derjenige, der die Umwelt verschmutzt, reicher werden kann als der, der sie sauber hält, wird es schwer, vernünftig zu handeln.

Sagen Sie etwas, wenn ein Nachbar Ihnen erzählt, dass er fünfmal pro Jahr nach Mallorca fliegt?

Das kommt darauf an, welche Beziehung wir zueinander haben. Ich mische mich nicht einfach in Angelegenheiten anderer ein. Denn selbst wenn man etwas „gut meint“, kann es sein, dass man beim anderen auf eine Art „pubertären Widerstand“ stößt. Menschen wollen nicht gerne belehrt werden, ich übrigens auch nicht. Wenn mein Nachbar und ich aber einen eher freundschaftlichen Umgang miteinander haben und auch mal ein Bierchen zusammen trinken, versuche ich, das Thema auf den Tisch zu bringen. Ich versuche aber nicht zu missionieren, sondern spannende Geschichten zu erzählen, was in der Atmosphäre passiert. Manchmal springt dann ein Funke über. Insgesamt sehe ich mich als Übersetzer für Wissenschaft, nicht als Missionar, Ideologe oder Aktivist.

Sie sind „leidenschaftlicher Bahnfahrer“. Trotz allem, was man da so erlebt?

Ja, ich bin Bahnfahrer aus Überzeugung, obwohl der Fahrplan der Bahn mir im Moment eher wie ein Vorschlag vorkommt (lacht). Ich glaube aber an das Konzept der Bahn. Man ist umweltfreundlicher unterwegs. Und ich nutze die vielen Stunden im Zug, um zu arbeiten. Manchmal lese ich auch, döse oder schlafe. Das kann ich als Autofahrer nicht. Ich habe festgestellt, dass ich mit der Bahn insgesamt schneller bin und mir viel mehr nutzbare Zeit bleibt. Entscheidend ist, dass man sich im Kopf darauf einlässt.

Haben Sie noch ein Auto?

Ich habe mir ein Elektroauto gekauft. Allerdings habe ich meine Autokilometer nach Corona um etwa 80 Prozent reduziert. Und inzwischen kann ich die Unterschiede zu meinem Diesel auch als angenehm entschleunigend wahrnehmen. Außerdem habe ich mir ein Taxiverbot auferlegt: Wenn ich in einer Stadt ankomme, lasse ich mich auf den ÖPNV ein. Und unter 1,5 Kilometer Fußweg „darf“ ich kein Taxi rufen, sondern laufe zu Fuß – auch wenn das manchmal bedeutet, dass ich an einer Landstraße durch den Regen laufe.

Öffentliche Diskussion zu Klima und Verkehr

Meteorologe
 Sven Plöger (57) wurde 1967 in Bonn geboren und hat in Köln Meteorologie studiert. 1999 moderierte er erstmals das Wetter in der ARD. Er hat mehrere Bücher zum Klima veröffentlicht sowie Dokus gedreht. Er lebt in Ulm.

Veranstaltung
 Bei einer Diskussion des baden-württembergischen Verkehrsministeriums zum Thema Verkehr und Klimawandel am Dienstag, 15. Oktober, hält Sven Plöger ein Grußwort. Die Veranstaltung in der L-Bank, Börsenplatz 1 in Stuttgart, beginnt um 18 Uhr mit einer Begrüßung durch Minister Winfried Hermann, um 19 Uhr startet das Programm und ein Livestream. Es sind mehrere Experten dabei, auch werden Zuschauerfragen beantwortet. Die Veranstaltung richtet sich an Interessierte. Eine Anmeldung – sowohl für die Teilnahme vor Ort als auch per Livestream – ist nötig. Eine Anmeldung zur Teilnahme vor Ort ist unter diesem Link möglich: https://vm.baden-wuerttemberg.de/de/service/veranstaltungen/anmeldungen/mobilitaetsimpulse/anmeldung-vor-ort-mobilitaetsimpulse. Wer am Livestream teilnehmen will, kann sich hier anmelden:

https://vm.baden-wuerttemberg.de/de/service/veranstaltungen/anmeldungen/mobilitaetsimpulse/anmeldung-stream-mobilitaetsimpulse (jub)

Weitere Themen