Zwei Freunde Mitte Fünfzig durchleben eine Scheidung und beschließen, zusammenzuziehen. Nun leben sie nahe Stuttgart in einer WG-Villa mit Park. Funktioniert das? Ein Besuch.
Und was, wenn wir noch einmal zusammenziehen? Die Frage fiel, fast im Scherz, während eines Telefongesprächs. Der Architekt Peter Haug fragte dies Oliver Fuchs, seinen alten Freund, den er seit Zivildiensttagen in Denkendorf in den 1980er Jahren kennt. Beide teilten sich damals ein WG-Zimmer – heute teilen sie sich eine 240 Quadratmeter große Villa mit parkähnlichem Garten im Remstal.
Denn die Frage haben beide Herren, wiewohl altersmäßig weit in den Fünfzigern, mit „Ja, es wäre cool, an diese Zeit anzuknüpfen“ beantwortet. Die beiden Familienväter haben nicht nur zur selben Zeit Zivildienst geleistet, sie haben auch zur selben Zeit eine Trennung von ihren jeweiligen Familien durchgemacht und waren auch wohnlich auf der Suche Neuanfang.
Oliver Fuchs wohnte in einer Erwachsenen-WG in Stuttgart
„Ich wohnte damals schon in einer Erwachsenen-WG“, sagt Oliver Fuchs (59), der als Medientechniker im Haus der Geschichte in Stuttgart arbeitet. „Mit Peter verbindet mich eine über 40 Jahre währende Freundschaft. Und das Haus mit dem großen Garten, das ist natürlich ein Traum.“ Und weil in dem Haus so viel Platz ist, haben sie eine Dreier-WG gegründet, öfter wohnen jüngere Leute da. Die aktuelle Mitbewohnerin ist zurzeit allerdings nicht da, sie arbeitet auf der Insel Sylt.
Das Haus ist eine Apotheker-Villa, auf einer kleinen Halbhöhe gelegen, neben Gründerzeitvillen und Landhäusern mit Holzschindelfassade. Die Häuser stehen in Endersbach, das wiederum zu Weinstadt im Remstal gehört. Ein Örtchen mit altem Bauernhof im Zentrum, Terrassenhäusern aus den 70ern, einem Neubaugebiet mit Würfelhäusern.
Eine steile Stichstraße führt zum Haus, man kann auch eine verwunschen wirkende vermoste, steile Treppe hinaufsteigen, dann steht man vor der Villa. Ein trutziger Bau aus den 1970ern, die tiefen Betonauskragungen zeigen Patina. Natürlich wurde eine Villa in der damals zukunftsfröhlich unbedarften Zeit mit Doppelgarage geplant und der Hof praktisch gepflastert. Inzwischen gibt es auch zwei Eingänge. Links ist der Haupteingang, rechts eine Tür, die zu einer Wohnung führt. Früher war dort das private Schwimmbad. Der Architekt Peter Haug (63) hat für seine Vermieter – Nachkommen der einstigen Bewohner – den Pool in eine Wohnung umgebaut, so wurde nachverdichtet, ohne weiteren Platz zu verbrauchen.
Minimale Umbauten machen die Villa WG-tauglich
Auch das Haus selbst sollte in ein Mehrfamilienhaus umgebaut werden. Allerdings – das großzügige Entrée, die breite Treppe, der offene Grundriss – da wäre viel Aufwand und noch mehr Geld nötig, von einer energetischen Sanierung zu schweigen. Peter Haug arbeitet gern im Bestand, erhält, baut um. „Ich mochte die Architektur. Und ich war ohnehin auf der Suche nach einer Wohnung damals. Also habe ich den Besitzern, für die ich seit 25 Jahren immer wieder arbeite, vorgeschlagen, sie könnten das Wichtigste modernisieren, und ich könnte dort zur Miete einziehen, mich auch um den Garten und das Haus kümmern.“
Peter Haug (63) in seinem Büro – er wohnt und arbeitet in der WG in Endersbach. Foto: Gottfried Stoppel
Die Vermieter – so berichten die WG-Freunde in der Wohnküche bei Kerzenschein sitzend, jeder bekommt einen hervorragend gebrühten Kaffee und am Wochenende zuvor selbst gebackenen Kekse –, seien rasch überzeugt gewesen. Auf die Frage, wie zwei Männer in so einem großen Haus im Alltag klarkämen, berichtet Oliver Fuchs: „Ich sagte: Peter putzt, ich koche.“ Das stimmt sogar (wenngleich Oliver Fuchs auch putzt). Sogar bei der Auswahl der Küche durfte der Hobbykoch mitsprechen. „Die Umbauten konnte natürlich Peter planen, die Küche hat die Besitzerin mit mir zusammen ausgewählt.“
Ein gemeinsamer Küchen- und Essbereich und neue Bäder
Außer einem Fenstertausch wurde nicht massiv eingegriffen. Sogar die alte Auslegeware auf den Treppenstufen durfte bleiben. „Wir haben einige alte Möbel, zwei Stehlampen, einen Schrank und im Bad den alten schönen Spiegelschrank behalten, weil wir ihn schön fanden, das hat die Vermieter auch gefreut, dass wir das so wertschätzen.“
Ursprünglich gab es allerdings hinter der Küche noch einen kleinen Raum, diese Wand wurde weggenommen, damit ein großer Küchen- und Essbereich mit Kücheninsel (extra tiefe Schubladen!) entsteht, nur durch eine halbhohe Theke abgetrennt, „damit man nach dem Kochen beim Zusammensein nicht immer sofort aufräumen muss“, wie Peter Haug sagt. Auch finden sich, damit der Raum luftiger wirkt, keine Oberschränke in der Küche, dafür lauter Unterschränke mit praktischen Schubladen auch für die Töpfe.
Der obere großzügige Flur dient – mit Sofa, Tisch, Schränkchen, großer Weltkarte an der Wand und kleinem Fernseher in der Ecke – als Wohnzimmer. In dem Geschoss geht es dann noch weiter in den ehemaligen Barraum mit Zugang zum Balkon, das ist jetzt Olivers Zimmer. Noch ein Stockwerk weiter oben ist Peter Haugs Architekturbüro, das Schlafzimmer, ein Bad und das Zimmer der WG-Kollegin. In einer Nische findet sich Platz für ein Besucher-Matratzenlager.
Der Garten der Apotheker-Villa gleicht einem Park
So großzügig die Rückzugsräume, so schön der alte Steinfußboden, so zeitgemäß schick die beiden neu eingebauten Bäder und die Küche sind, der eigentliche Luxus im Haus ist außerhalb des Hauses zu finden. Der Garten gleicht einem Park, es sind keine Nachbarn zu sehen. Dafür im Winter Stare und Eichhörnchen, im Sommer jede Menge Insekten. Das hat etwas Arkadisches.
Die Zeichen der Gegenwart sehen die Bewohner nur im Winter, wenn die Blätter gefallen sind und zwischen den Ästen der Bäume Buchstaben einesrFastfood-Kette hindurchlugen. „Der Garten war gerade zur Coronazeit, als wir gerade ein halbes Jahr hier wohnten, die Rettung, wir hatten fast ein schlechtes Gewissen, dass wir so viel Raum hatten.“
Homeoffice im Garten, zwanglose Draußentreffen mit Freunden und Familie; Bilder mit lauter kleinen Zelten, Bilder mit Brotzeit, Brezeln und Butter auf dem Gartentisch, Bilder mit Lampions im Sommer zeigen, dass der Garten auch für die Freunde und die Familie der beiden segensreich war.
Dass es so viele Bäume und Nutzsträucher gibt, liegt an der Geschichte des Hauses, wie Jens berichtet. Endersbach habe Ende des 19. Jahrhunderts für den Ort einen Apotheker gesucht und mit dem großen Grundstück punkten können (aus der Versprechung, es werde eine Bahnstation errichtet, wurde nichts, die ist im benachbarten Beutelsbach gebaut worden).
Ein lässiges Miteinander – und Privatsphäre
Die Linden vom Baum wurden für Tee verwendet, so wie allerhand andere Nutzpflanzen als Heilmittel-Rohstoffe dienten. Das Haus von damals ist durch die neue Villa ersetzt, Linden und Nussbäume sind geblieben. „Inzwischen haben wir auch noch einen insektenfreundliche Wiese statt eines Rasens angelegt, die Idee gefiel auch dem Besitzer“, sagt Peter Haug.
So paradiesisch das klingt, kommt man sich denn wirklich nie in die Quere? „Es überwiegen die Vorteile, es gibt wenig Einschränkungen“, sagt Oliver Fuchs ohne zu zögern. „Ich habe mehr als die Hälfte meines Lebens in WGs gewohnt, ich fand das immer schön, so ein lässiges Miteinander “, sagt Peter Haug. Und dann sei ihr Tages-Rhythmus sehr unterschiedlich: „Ich stehe oft schon um vier Uhr auf. Das einzige, das ich mir dann manchmal versage, ist lautes Singen, damit ich Oliver nicht wecke.“ Oliver Fuchs ergänzt: „Und ich stehe oft gegen halb sieben Uhr auf, hole mir einen Kaffee, ziehe mich dann noch mal mit der Zeitung zurück.“ Abends, wenn Fuchs heimkommt, ist Haug manchmal schon müde und zieht sich zurück.
Oliver Fuchs (59) bewohnt das ehemalige Bar-Zimmer, ein großer Raum mit Balkon. Foto: Gottfried Stoppel
„Jeder kann sein Ding machen, oft aber sitzen wir auch gern zusammen, und wenn ich Besuch habe und wir im Garten oder am Küchentisch sitzen, kommt der andere dazu und man redet.“ Während der Fotograf mit jeweils einem WG-Bewohner noch Soloporträts macht, berichten beide unabhängig derlei voneinander, dass sie diese besondere Lebensform schätzen. Man wohnt zusammen und kann Feste zusammen feiern und auch einmal Sorgen teilen, hat aber genügend Möglichkeiten und Platz für Eigenes, keine Gemeinschafszwänge. Auch im Freundeskreis sei dieses Wohnmodell gut angekommen.
Und da die Miete nicht höher ist als für ein Einzimmerapartment pro Person, dennoch das ganze Haus – bis auf die Rückzugszimmer – für alle offen ist, ist das natürlich ein Gefühl von Luxus. Peter Haug: „Wir merken das immer, wenn wir einen neuen WG-Mitbewohner suchen und die Menschen zum ersten Mal ins Haus kommen und über die Größe des Hauses staunen.“ Viele Nachfragen bekommen sie aber nicht, zwei ältere Herren in einer WG – das wirkt offenbar auf viele eigenartig, „zudem sind wir in unserem Alter natürlich keine Party-WG mehr“, fügt Oliver Fuchs an.
Gemeinsame Hobbys – und ein Abschied
Und dann zeugt das Motorrad im unteren Eingang von dem gemeinsamen Hobby: Motorradfahren. „Im Frühjahr wollen wir eine gemeinsame Tour machen“, sagt Oliver Fuchs. Ein bisschen bedrückt schauen beide jetzt aus, das ist dann wohl eine Art Abschiedstour. Denn: „Ich habe wieder eine Partnerin, bin sogar verheiratet“, sagt Oliver Fuchs. Ein Leuchten in den Augen jetzt wieder. Und auch Peter Haug lächelt – die Überraschung für die Journalistin ist perfekt geglückt.
Eine Zeitlang habe man sich die zwei Wohnsitze geleistet, aktuell arbeitet die Gattin im Ausland, berichtet Oliver Fuchs. Sie kehre aber bald wieder zurück zu einem neuen Arbeitsplatz in Karlsruhe. „Auch wenn es wunderbar hier ist, finden wir doch die Idee schön, zusammenzuziehen.“ Und was passiert dann mit der WG? Sie wird nicht verwaisen. Peter Haug: „Es gibt schon Bewerbungen, auch aus unserem Bekanntenkreis.“
Vorher wird aber noch gemeinsam ein letztes Mal der Weihnachtsbaum geschmückt, gefeiert und das neue Jahr begrüßt. Das Gästebett bleibt ja erhalten und im Garten werden die alten WG-Kumpels sicher auch im nächsten Jahr wieder unter der Linde sitzen, reden, feiern.
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